DIE HOMEPAGE VON
BOBBY SCHENK
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Weihnachten im Orkan

von Bobby Schenk - entstanden nach einer Idee von Frederick Forsyth
Zeichnungen: Bernhard Steiner

Weihnachten unter Palmen? Als Weltumsegler hat man das ja schon mehrmals erlebt. Es ist immer das Gleiche: Weihnachtsstimmung will nicht aufkommen. Hannes machte sich heute wieder so seine Gedanken: „In a verschneitn Almhüttn in de Berg müsst ma sei und's Feuer im Kamin knistern hörn. Vielleicht würd ich dann sogar in die Mitternachtsmettn gehn.“ Er legte eine CD ein und die wimmerte: „Leise rieselt der Schnee“ – nein so ein Lied kann man doch nur anhören, wenn draußen Fußschritte im Schnee knirschen, wenn einem in der schneidenden Kälte die Luft zum Atmen gefriert! Das Bumpern des Beibootes an das Heck seiner Yacht SÜDWIND vertrieb schnell seine melancholischen Gedanken. Weihnachten ausgerechnet in den Tongainseln, das passte irgendwie nicht zusammen!

Hannes lachte, er würde Weihnachten eben auf seine Art feiern. Hier auf der Anchorage Number 16 – wie hieß die eigentlich wirklich? Das wusste kaum noch jemand, seit die ortsansässige Charterfirma Moorings alle Ankerplätze in Vavau durchnummeriert hatte – ja hier würde sich Hannes ein Gulasch im Drucktopf machen. Das Fleisch aus dem Supermarkt würde ganz zart werden mit seinem Trick, eine kleine Papaya, die er auf der Straße gefunden hatte, mitzubraten. Auch gut für den Geschmack! Es würde einen gemütlichen, wenn auch etwas einsamen Heiligen Abend geben. Aber daran war Hannes als Einhandsegler ja schon gewohnt. Das wievielte Weihnachtsfest war es eigentlich auf seiner SÜDWIND? Das elfte oder schon das zwölfte?

Ein wenig feierlich war ihm dann doch zumute. Das Wetter war gut, der Himmel wolkenlos und die Luft fühlte sich fast frisch an, ungewöhnlich während der Hurricanezeit. Hannes war jetzt über ein Jahrzehnt in der Südsee rumgesegelt. Sonst hatte er sich meist von November bis Mai entweder nach Neuseeland oder Australien verdrückt. Nur dieses Mal war er für die Cyclon-Season in Tonga geblieben. Ein Gutes hatte es ja, nachdem ihm die – ohnehin sehr teure – Schiffsversicherung geschrieben hatte: „…ist es die Politik des Hauses, solche Risiken nicht mehr zu versichern…“.

So brauchte er sich nicht mehr an bestimmte Gebiete oder Zeiten halten.

Vavau galt ja als hurricanesicher. Jedenfalls bis 2002. Da war ausgerechnet in der Sylvesternacht das Auge des Orkans genau über die Refuge-Bay hinweggebraust. 160 Knoten hatten sie gemessen. In exakter Regelmäßigkeit hatte Vavau zuvor Orkane erlebt, aber nur alle 20 Jahre. Deshalb - jeder Segler ist ein wenig abergläubisch – war für heuer eine solche Katastrophe so gut wie ausgeschlossen. Außerdem - hatten nicht alle Wetterfrösche von einem „schwachen“ El-Nino-Jahr gesprochen…?

Hannes sprang mit Schnorchel und Maske ins Wasser - in der Hand die Wurzelbürste. Es gehörte zu seinen täglichen Gewohnheiten, dass er das Schwimmen mit dem Nützlichen verband. Der Wasserpass war ohnehin sauber, trotzdem bürstete Hannes darüber. Nur so hielt er seine Aluyacht in einem makellosen Zustand. Er wusste, dass er von anderen Yachtsleuten wegen seines pingeligen Wesens gelegentlich belächelt wurde. Was ihn nicht weiter störte, denn immerhin war sein 25 Jahre altes Schiff wie neu.

Bei seiner Runde um die Yacht war er nun am Vorschiff angekommen und er tauchte ein paar Meter tief, um nochmals nach dem Anker zu sehen. Aber er konnte die Kette nicht bis zum Bügel ausmachen, das Wasser war nicht mehr so klar wie gestern. Bevor er sich mit der Decksdusche das Salzwasser abspülte, warf er prüfend einen Blick zum Himmel: Keine Wolke. Das bisschen Wind kam immer noch von da, wo es herkommen musste, aus Osten. Der Ankerplatz war sicher, denn die Inseln schützten gegen Wind aus fast allen Windrichtungen. Außer aus Westen. Aber dort hielt das Riff den Seegang ab, das jetzt bei Niedrigwasser deutlich über dem Wasserspiegel aufgetaucht war.

Er war nun nicht mehr allein auf dem Ankerplatz. Drüben vor dem kleinen Motu lag eine schwarze Ketsch, die musste er beim Schwimmen glatt übersehen haben. Er erkannte die schwarzrotgoldene Flagge und nahm sein Glas. „
MOONDANCER“ stand am Heck. Darunter war der Heimathafen zu lesen: „HAMBURG“. Merkwürdiger Name für eine deutsche Yacht, dachte er sich und setzte ebenfalls die Nationale. Heut war es schon zu spät, um Beiboot und Außenborder klar zu machen, aber morgen früh würde er zu denen rübermotoren. Vielleicht sollte er den Rest von seinem selbstgebackenen Kuchen mitbringen, „Fröhliche Weihnachten“ wünschen.

Jetzt aber musste er sich ums Gulasch im Drucktopf kümmern, sollte es zum Heiligen Abend noch gar werden. Na ja, so richtig passte das alles – Palmen, Tropen, Weihnachten und Gulasch - nicht zusammen. Trotzdem schob er zum wiederholten Male die CD mit „Leise rieselt der Schnee“ in den CD-Spieler, einem Autoradio an der Wand über dem Dinette - nach Hannes´ Meinung das schönste Weihnachtslied. Das Fleisch bruzzelte und so überhörte Hannes, dass kleine Wellen gegen die Bordwand gluckerten. So klein, dass sich das Schiff kaum bewegte. Aber einige Zeit später war das Rucken der Kette nicht mehr zu überhören. Mehr aus Gewohnheit schaute Hannes nach draußen, aber es war nichts Besonderes zu sehen. Außer, dass die Yacht nunmehr nach Westen schaute. Und dass das Wasser gegen die Bordwand plätscherte. Der Wind hatte nach Westen gedreht, aber das Riff hinderte die See, von draußen reinzurollen. In der Dämmerung konnte Hannes es gerade noch ausmachen, wie es seinen Rücken immer noch über die Wasseroberfläche rausstreckte.

Dann ging alles ziemlich schnell. Der Anker ruckte immer heftiger ein, die Yacht begann zu rollen, so heftig, dass Hannes den Drucktopf mit Gummibändseln an der Herdreling befestigen musste. So ein Drucktopf ist doch praktisch, dachte er sich noch, selbst wenn er mal vom Ofen fliegt, kann nicht allzu viel passieren. Höchstens eine Delle auf dem Teakboden, aber auf eine mehr oder weniger kam es auch nicht mehr an.

Ein erneuter Blick nach draußen brachte nicht mehr viel, denn inzwischen war es finster geworden. Nur drüben bei der anderen deutschen Yacht waren Lichter auszumachen. Hannes schaltete die Beleuchtung am Kartentisch ein und prüfte den Barographen: Das gefiel ihm nicht. Der Baro war in den letzten sechs Stunden um immerhin vier Hektopascal gefallen. Aber tröstlich - die für die Tropen typische Wellenlinie war noch auszumachen. Gerade noch. „Hätte ich doch gleich einen zweiten Anker ausgebracht!“ dachte sich Hannes, „es ist immer das Gleiche, du kannst dir keine Arbeit ersparen.“

Ach, den Sundowner hätte er jetzt bald vergessen: Eineinhalb Zentimeter Gin und dann Tonic drauf. Heute Abend aber wurden es gute zwei Zentimeter Gin. Hannes fühlte sich nicht mehr wohl. Zwar war die Anchorage Number 16 bei weitem kein sogenannter „Tagesankerplatz“, sondern galt als vollkommen sicher, doch heißt das noch lange nicht, dass man dort auch einen Orkan abwettern könnte, schon gar nicht mit nur einem Anker. Hannes schaltete von der CD zum UKW-Rundfunk, aber dort spielten sie auch nur Weihnachtsmusik: „Jingle Bell, Jingle Bell…“. Und so.

Eine halbe Stunde später schrieb der Barograph deutlich nach unten und das Rauschen des Wassers übertönte von draußen die Weihnachtsmusik. Hannes hatte ein ganz ungutes Gefühl. Er hatte Angst. Nicht um sich, sondern um sein Schiff, also um seine ganze Habe. Das kam öfters vor. Trotzdem lächelte er in sich hinein. War er nicht in Deutschland so oft gefragt worden, ob er als Einhandweltumsegler gelegentlich Angst hätte? Was er natürlich nie zugegeben hatte.

Die Ankerkette ruckte nun so arg ein, dass Hannes sich jeweils festhalten musste, wenn sein Schiff herumgerissen wurde. Die See musste jetzt über das Riff fluten, sonst konnte es gar nicht sein, dass die Bucht derart ungemütlich geworden war. Der Wind? Hannes schaltete den Windmesser ein. Nicht allzu schlimm, 35 Knoten, von daher also kein Problem. Er sah nach draußen, aber ausser der anderen Yacht konnte er nichts entdecken. Man hatte drüben das Decklicht eingeschaltet und eine Gestalt bewegte sich zum Vorschiff. Dann war das Klickern der Ankerkette zu hören. Gute Idee, dachte Hannes und gab ebenfalls noch ein paar Meter Kette nach: Um es genau zu sagen: Er ließ die Kette bis zum rotgestrichenen Glied hinaus. Nach wenigen Sekunden war die Kette schon wieder ein fast waagrechter Strich. Wasser kam jetzt alle paar Sekunden über.

Rau war es jetzt. Und laut vom Brausen der heranrollenden Seen. Das Unruhegefühl ließ Hannes nicht mehr los. Am Navitisch lag immer noch die Karte von der Anchorage Number 16. Welchen Kurs müsste er laufen, wenn er aus diesem Mauseloch flüchten müsste?

Mit einem Blick auf die Karte verwarf er diesen Gedanken ganz schnell. Ausgeschlossen war es, nur nach einem Heading dieser Falle zu entkommen. Keine 500 Meter ginge es gerade aus. Dann müsste das Riff am Südeingang zur Bucht umfahren werden. Kein Problem - bei Tag und guter Sicht. Aber in stockfinsterer Nacht?

Radar?

Unerträglich lange schienen ihm die Minuten, die das Furuno brauchte, bis es endlich vom Standby-Modus auf Senden schaltete. Die Berge ringsherum gaben ein exzellentes Echo, scharf zeichneten sich die Konturen der Bucht auf dem Schirm ab. Aber eben nur die Konturen über Wasser. Ein Navigieren mit dem Radar kam da nicht in Frage, höchstens ein Schätzen.

Das Vorschiff war nunmehr so laut, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis entweder die Kette gesprengt oder die Ankerkralle aufgebogen würde. Anschließend würde die Winsch aus ihrer Halterung gerissen.

Der Barograph! Gott sei Dank, der hatte sich gefangen, die Linie lief schon wieder zwei Millimeter lang waagrecht. Trotzdem, mit dem Weihnachtsfest war es erst mal Essig. Hannes drehte das Gas aus. Der Appetit war ihm ohnehin vergangen. Ein Gutes hatte die Situation. Er war nicht alleine, das kam ihm jetzt zum Bewusstsein. Über Kanal 16 rief er die MOONDANCER. Die wird doch hoffentlich das VHF eingeschaltet haben? Immerhin, es klickte im Lautsprecher.

"Hier Moondancer, gehen wir auf Kanal 72“ –„Kanal 72 o.k.“

„Hier Südwind, Hannes, guten Abend, nicht recht gemütlich auf der Anchorage Nr.16? Over“

„Moondancer, Peter hier, wenn es nicht schlimmer wird, geht’s ja noch, wie schaut es bei Dir drüben aus?“

„Nicht so gut, bei mir kommt der Schwell übers Riff. Schlimmer darf es nicht mehr werden. Sag mal, kennen wir uns? Warst Du mal in Bequia längere Zeit?“

„Richtig, ich hab dort ziemlich lang gelebt!“

„Du, dann war ich mal bei Dir an Bord, muss aber schon vor 20 Jahren gewesen sein, ich hab dort von Dir einen Walzahn gekauft, Du bist der Peter Frey?“

„Ja! Das ist schon wirklich lange her, Scrimshaw hab ich jetzt aufgegeben, ist ja auch verboten. Aber ein paar Stücke hab ich noch, können wir uns ja morgen mal anschauen.“

„Prima, aber jetzt muss ich mich um meinen Anker kümmern, der rummst ganz irre. Sei so gut, bleiben wir auf Kanal 72, vielleicht brauchen wir uns!“

„Logisch, Kanal 72 Standby!“

In diesem Moment donnerte ein Brecher so stark an die Bordwand, dass sich Hannes zur Ruhe zwingen musste. Er hörte sich zu sich selber sagen: „Wenn Du hier nicht sofort abhaust, dann kannst Du Dein Schiff, Deine Habe, vergessen.“

Der Barograph schrieb nach unten.

Das war übel, denn wenn ein Barometer in den Tropen nur um vier bis fünf Hektopascal von der regelmäßigen Wellenlänge abweicht, dann bedeutet dies ziemlich sicher: Zyklon. Mindestens! „Gut“ beruhigte sich Hannes, es muss ja kein ausgewachsener sein, der sich ausgerechnet über Vavau jetzt bildet, aber auf diesem Ankerplatz hast Du absolut keine Überlebenschancen. Du musst hier weg! Aber wie?

Vielleicht ist es drüben bei Peter besser?

„Peter, wie schaut es aus?“

„Schlimm, ich muss hier verschwinden, ich hab einmal den Hurrican Allen mitgemacht. Möchte ich nicht mehr erleben!“ Hannes fiel die merkwürdige Betonung des Wortes „erleben“ auf.

Es war keine Zeit mehr, sich zu wundern. Für solche Situationen hatte er sich mit dem Instinkt eines Blauwasserseglers ein einfaches Rezept überlegt, doch noch nie ausprobiert:

Wann immer er eine Ankerbucht anlief, ließ er sein GPS mitlaufen, und zwar im Tracking-Mode. Wenn er dann nachts einen Ankerplatz verlassen müsste, dann brauchte er nur den hergelaufenen Kurs absegeln und würde so von allen Gefahrenstellen frei bleiben. Ganz einfach, oder? Aber bei dem Gedanken sich auf diese Methode verlassen zu müssen, sein Schiff auf dieses Spiel zu setzen, wurde ihm mulmig. Trotzdem, er hatte keine andere Wahl, denn nach Radar und Karte zu navigieren, würde zwischen all den scharfen Riffen, nachts bei diesem Wetter, nie funktionieren. Zumal er allein war.

„Peter, ich hau ab hier, bleib auf Kanal 72 Standby!“

„Roger“

Der Hand-GPS war in wenigen Minuten soweit, dass er Hannes den abgelaufenen Kurs vom Nachmittag zeigen konnte. Es war schwierig mit der Maschine in Richtung Anker zu motoren, denn immer wieder warfen überkommende Seen die Südwind aus der Richtung. Gut dass er sich beim Einbau der Ankerwinde einen Schalter ins Cockpit gebaut hatte. So gewann er auf Knopfdruck Meter um Meter Kette.

Aber der Anker ließ sich nicht ausbrechen.

Die Kette lief offensichtlich um einen Korallenblock. Es war jetzt keine Zeit mehr zu verlieren, der Wind hatte weiter zugelegt und die Wellen waren jetzt sicher schon an die zwei Meter hoch.

„Lieber das Ankergeschirr als das Schiff verlieren.“

Hannes ließ die Winde die gesamte Kette ausfahren und für einen Moment trat Ruhe ein.

Er griff sich die starke Taschenlampe und hatte das Glück, den Beginn der Ankerkette im Kettenkasten gleich greifen zu können. Mit dem Leatherman schnitt er die Leine zum Kettenanfang durch. Erst kürzlich hatte er den dortigen Schäkel gegen einen Stropp ausgetauscht. Glück gehabt.

Er sah die Lichter der MOONDANCER in der Ferne, aber jetzt musste er sich auf seine Navigation konzentrieren. Die GPS-Anzeige war auf den „Einmeilenbereich“ eingestellt, und es dauerte nicht lange, bis Hannes mit dem Kompass einen Kurs steuern konnte, der praktisch den Track auf dem GPS abdeckte, nur in umgekehrter Richtung. Aber irgendwie schien ihm das kleine Display verschwommen, schwach.

Dann musste er etwas lesen, was er in diesem Moment niemals sehen hätte wollen: „LOW BATTERY“. Ausgerechnet jetzt, aber er hatte ja noch mehrere Sätze Batterien an Bord. Im Normalfall kein Problem.

Doch, ein großes!

Die GPS-Anzeige belehrte ihn jetzt: „DATA LOST“ - Datenverlust.

„Shit…“

Alles hätte passieren dürfen, nur das nicht! Mit der Maschine versuchte Hannes so schlecht und recht das Schiff im heulenden Wind zu halten, gleichzeitig brachte er es mit zitternden Händen fertig, neue Batterien einzulegen. Aber es war kein abgelaufener Track mehr vorhanden, das Display blieb leer. DATA LOST !

„Peter, ich hab hier ein Problem, mein GPS ist verreckt und ich muss hier weg! Over“

„Bleib ruhig, ich hab meinen Anker schon oben, komm zu mir rüber und halt Dich an mein Hecklicht. Das haut schon hin. Wir motoren die 13 Meilen rüber zur Refuge-Bay, dort sind wir sicher, da haben alle den letzten Hurricane überlebt. Komm!“

„O.K., ich halt auf Dein Hecklicht zu und fahr hinter Dir her, blind!“

Es war einfacher als sich Hannes das vorgestellt hatte. Das einzige, was ihn irritierte war das Bedürfnis, nach seinem Gefühl zu steuern, nicht dem Hecklicht zu folgen, wenn Peter vor ihm starke Kursänderungen machte. Aber er zwang sich, der MOONDANCER blind zu folgen. Manchmal wurde der Regen so stark, dass er das Hecklicht kaum noch ausmachen konnte. Dann legte er den Gashebel auf Anschlag.

"Peter, etwas langsamer, ich kann Dich kaum noch sehen!“

Ja nicht in dieser finsteren Nacht den Anschluss verlieren. Bloß jetzt noch nicht, solange man sich in diesem engen Inselwirrwarr befand!

Der Alptraum dauerte nicht lange, trotzdem war Hannes schweißgebadet. Vielleicht drei Stunden waren nur vergangen, bis die beiden Yachten die Richtfeuer, die in den Hafen von Neiafu führten, in Deckung hatten. Die Berge ringsherum schützten den Ankerplatz vor dem Sturm. Der Windmesser stieg hier herinnen nicht mehr über die 40-Knoten-Marke. Hannes fand mit seinem starken Handscheinwerfer eine leere Muring, an die er sich einstweilen hängte. Todmüde war er. Auch war ihm kalt geworden, obwohl es sicher noch über 25 Grad hatte. Seine zitternde Haut war salzverkrustet. Egal.

Als er in die Koje stieg, fiel sein Blick auf den Drucktopf mit dem halbfertigen Gulasch. Der Appetit war ihm vergangen. Schlafen wollte er, sonst nichts! Morgen würde er mit dem Dhingy zu Peter motoren, ihm den Ananaskuchen bringen.

Als es hell wurde, sah die Welt anders aus. Der Wind hatte deutlich nachgelassen und von der Kirche mit dem Aussehen einer Minikathedrale, drüben auf dem Hügel, klangen die Glocken und dann die herrlichen Lieder der Tonganer herüber – wie jeden Feiertag.

Weihnachten! Richtig er wollte sich bei Peter ja für seine Hilfe bedanken. Wäre eine Tragödie geworden ohne Peter. Vielleicht hätte er zwischen diesen Felsen und Riffen nicht nur sein Schiff verloren. Immer wieder toll, die Kameradschaft unter den Yachties zu erleben!

Hannes griff nach dem Fernglas. Aber er konnte die MOONDANCER nicht ausmachen. Auch später, beim täglichen Coconut-Radio auf Kanal 72 kannte niemand unter den Yachties die MOONDANCER.

Nach den Weihnachtstagen ging Hannes zum Hafenkapitän und fragte nach der deutschen Yacht MOONDANCER – ohne Ergebnis. Was nicht weiter verwunderlich war, denn es kommt immer wieder vor, dass Yachten in Vavau rumsegeln und aus - welchen Gründen auch immer - , sei es wegen des Zolls, sei es um die Gebühren zu sparen oder sei es nur aus Bequemlichkeit, einfach nicht einklarieren.

Irgendwo musste aber die MOONDANCER doch stecken?

„Heute ist ja alles so einfach, wozu haben wir Internet“, dachte sich Hannes? In den kleinsten Dörfern der Welt findet sich Internet. So auch in Neiafu mit seinen 2000 Einwohnern. Es gab gleich vier Internetcafes unten am Hafen. Das billigste verlangte acht Tongadollar die Stunde.

Aber welche Suchmaschine Hannes auch benutzte, unter der Eingabe „Peter Frey“ und Moondancer zeigte der Monitor nur: „Kein Treffer“. Daraufhin surfte er in das Archiv der YACHT, in dem alle Nummern seit 1904 verzeichnet sind. Im Heft 18 des Jahrgangs 1980 fand er auf Seite 10 schließlich folgende Meldung: „Wirbelsturm Allen vernichtet die Yacht Moondancer in Martinique – Skipper Peter Frey unverletzt“

Der letzte Treffer für den Suchbegriff „Peter Frey“ stammte aber aus dem Jahre 1983. Er lautete: „Eine schlimme Nachricht erreicht uns aus der Karibik: Der Hamburger Nautiquitätenhändler Peter Frey wurde auf einem Ankerplatz bei Bequia tot aufgefunden. Offenbar hatte er sich im Mast seiner neuen Yacht erhängt. Die Ursache könnten schwere Depressionen gewesen sein.“ 

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