Weltumsegelung

"Welcome to paradise" again …

Die Karibik ist schön, aber die Zeit viel zu knapp. Die Crew der "Maverick too" über eine Reise mit Höhen und Tiefen. Mit Ziel: Bahamas

Johannes Erdmann am 26.05.2015
"Maverick" vor den Exuma Cays, Bahamas

"Maverick" vor den Exuma Cays, Bahamas

"Welcome to paradise, määän!" begrüßt uns unser Willie in seinem Pickup-Taxi, mit dem er die Touristen zwischen der Marina und dem steinigen Naturspektakel "The Bath" hin- und herpendelt. Den Spruch hören wir auf jeder Insel. Und er stimmt auch. Denn die meisten Urlauber, die er durch die Gegend chauffiert, saßen zwei Tage vorher noch in irgendwelchen Büros in den USA. Cati und mich, die wir nun schon seit Wochen durch die Inselkette segeln, kann er mit dem Spruch nicht mehr so recht überzeugen – denn paradiesisch waren irgendwie alle Inseln auf den letzten paar Hundert Meilen. Aber für unsere Crew Sammy und Christian, die auf Martinique und hier auf den BVIs angemustert haben, ist jeder Meter Neuland und einfach überwältigend.

"Ice-Willie" (ein alter Basketballspieler) hat noch ein paar gute Tipps für unseren Aufenthalt hier auf Virgin Gorda. Ein netter Kerl, der sich seine vier Dollar für den Rückweg von "The Bath" zum Boot redlich verdient. Auf dem Hinweg wollten wir uns das Geld sparen und sind gelaufen. Zumindest bis uns der Gärtner Jackson irgendwann ganz mitleidig aufgegabelt hat. "Ich hab euch schon auf dem Weg zum Supermarkt gesehen und dachte, die wollen die lange Strecke doch wohl nicht laufen?" Also dürfen wir drei Kerle auf der Ladefläche seines Pick-Ups Platz nehmen, Cati sitzt im Fahrerhaus. Der Wind weht in den Haaren, die Gartenwerkzeuge klappern auf der Ladefläche, als das Land vorbeirauscht. "Das wär in Deutschland einfach nicht vorstellbar", sagt Christian, grinst und schüttelt gleichzeitig den Kopf.

Zu viert auf einem zehn Meter langen Boot,"das könnte eng werden", haben wir uns vorher einige Male gedacht. Aber gegen die Erwartung ist das Schiff mehr als groß genug, denn das Leben spielt sich ja größtenteils im Cockpit und im Wasser ab. Sammy ist schon seit zwei Wochen an Bord, Christian bleibt nur für neun Tage. Eine überschaubare Zeit.

Besuch aus Deutschland: Zu viert auf 33 Fuß.

Besuch aus Deutschland: zu viert auf 33 Fuß

Schwimmen, Schnorcheln, Sonnenbaden. Die beiden Brüder haben den perfekten Karibikurlaub bei uns gebucht. Doch schon auf dem weiteren Weg nach Westen gibt es für die beiden Automobilingenieure Arbeit, denn plötzlich springt der Motor nicht mehr an. "Der Anlasser will nicht mehr", ist das Ergebnis der Fehlersuche. Weil die Dinger für einen 40 Jahre alten Volvo in der Karibik schwer zu bekommen sind, habe ich vorsichtshalber gleich von Beginn der Reise an einen zweiten mit an Bord gehabt. Kaum gebe ich den Brüdern einen Knarrenkasten, fliegen auch schon die Muttern durch die Kajüte, und innerhalb einer halben Stunde ist das Bauteil getauscht, der Motor schnurrt wieder.

Aber beim Zusammenbau ist eine alte Dichtung kaputtgegangen, das Kühlwasser des inneren Kreislaufs tropft. Also ändern wir die Pläne "Wracktauchen an der Rhône" zu einer Nacht in der Nanny Cay Marina auf Tortola, denn dort gibt es Dichtungen. Normalerweise gibt das Budget Marinanächte nicht her, aber dort ist es doch etwas sicherer als vor Anker, die Maschine zu zerlegen. Außerdem weiß ich, dass Burghard Pieske dort einige Jahre mit seiner "Shangri La" gelegen hat.

Die örtliche Yanmar-Werkstatt hat die passenden Dichtungen nicht, will uns zu Volvo nach Road Harbor schicken. Aber dann haben wir doch noch Glück und finden beim örtlichen Ausrüstungshändler in dessen tausendteiligem Dichtungsrepertoire das passende Teil. Der Motor tropft nicht mehr, es kann weitergehen.

Hinüber nach Jost van Dyke, denn dort wurde der Painkiller erfunden, den wir an der Strandbar in Nanny Cay kennen und lieben gelernt haben. Sammy und Christian sind begeistert von der Nutmeg, die darüber geraspelt wird. Muskatnuss, das benutzt man in Deutschland selten, schon gar nicht auf Cocktails. Ganz klar also, dass wir die Quelle dieses edlen Getränks finden müssen.

Einige fantastische Segelmeilen bei gutem Wind und Sonne später werfen wir direkt vor der Bar den Anker. Was für eine Szenerie. Türkisfarbenes Wasser, ein gleißend weißer Strand – und davor unser Boot. Zwei Jahre lang haben wir seine Linien immer nur in der Winterlagerhalle gesehen, jeden Zentimeter des Rumpfes beackert. Einen Bausatz daraus gemacht und es wieder zusammenbekommen. Und nun ankert es hier im Paradies. Wir sind hierher gesegelt, 7500 Seemeilen liegen im Kielwasser. Cati und ich sind glücklich. Das muss begossen werden – mit Painkiller.

Noch glücklicher wird Cati allerdings, als uns dann auch noch ein Streuner zuläuft. Hundelieb wie sie ist, wollte sie am liebsten schon in Le Marin (Martinique) einen Hund adoptieren, der uns immer wieder nachgelaufen ist. "Bernd" hat sie ihn genannt. Sammy und Christian schmeißen eine Runde nach der anderen, irgendwann geht die Sonne unter, und irgendwie haben wir es dann auch noch zurück an Bord geschafft. Ohne Hund.

Der nächste Morgen bricht an. Wie, das haben wir nicht mitbekommen. Aber irgendwann ist die Sonne oben, und wir müssen los. Dringend sogar, denn in 56 Stunden hebt der Flieger in die Heimat für unsere Crew ab. Von der Dominikanischen Republik. Bis dahin müssen wir noch 205 Seemeilen segeln. Nonstop. Sportlich. Vor allem für Christian, der vor sechs Tagen den ersten Schritt an Bord einer Yacht gesetzt hat.

Der Tag beginnt mit einem Rückschlag. Der Motor springt nicht mehr an. Ganz plötzlich, von einem Tag auf den anderen. Bisher hat er das immer sofort auf den ersten Druck auf den Startknopf getan. Aber nun orgelt und orgelt er, aber erwacht nicht zum Leben. Mist. Dabei brauchen wir ihn unbedingt, um aus dem vorgelagerten Riff rauszukommen. Denn es herrscht Flaute.

Sein Versagen will mir nicht in den Kopf, denn niemand pflegt seinen Motor so sehr wie ich. Tägliche Komplettchecks, inklusive Getriebeöl. Immer wieder ein Lappen, die Klappe auf, damit er mehr Luft bekommt oder mal mit dem Laserthermometer die Temperaturen der einzelnen Bauteile kontrollieren. Trotzdem: Er will nicht mehr.

Der Motor blutet. So ein Ärger …

Der Motor blutet. So ein Ärger …

Wenn wir den Flieger nicht bekommen, wird es teuer. Wir überlegen Alternativen und basteln weiter an der Maschine. Gut, zwei Mechaniker an Bord zu haben. Aber mich quälen Gewissensbisse. Habe ich den Törnplan für unsere Besucher zu eng gelegt? Und was, wenn der Motor nun endgültig im Eimer ist? In den Internetforen haben sich ein paar Segler schon das Maul darüber zerrissen, dass wir beim Refit wieder solch ein altes Triebwerk eingesetzt haben. Zwar generalüberholt, aber doch 40 Jahre alt. Leute, gern hätte ich eine nagelneue, moderne Maschine im Schiff, habe ich damals gedacht. In Le Marin stand die ganze Baureihe von Volvo und Yanmar kaufbereit im Schaufenster – und ich saß mit lechzendem Mund und plattgedrückter Nase an der Glasscheibe. Aber das gab das Refitbudget einfach nicht mehr her. Neue Maschine hätte geheißen, ein Jahr später aufzubrechen. Und eigentlich halte ich es wie Wilfried Erdmann: Man muss nicht immer perfekt sein, man muss auch mal losfahren.

Aber hier lagen wir nun, mit einem Zeitplan im Nacken (den ein Segler sowieso nie so eng knüpfen sollte) und einer Maschine, die keinen Mucks tut. Doch dann, nach zwei Stunden: "Pöttpöttpöttpött" läuft der alte Kuttermotor wieder. Anker auf!

Fotostrecke: BVIs – Bahamas

Wieder eine Fehlentscheidung, denn Zack ist der Motor wieder aus. Bisher war er so verlässlich, dass ich sein Versagen nie erwartet hätte. Schnell den Anker wieder in den Grund. Wir hätten ihn erstmal eine Stunde laufen lassen müssen. Glücklicherweise springt er irgendwann noch einmal an, und wir lassen ihn eine halbe Stunde tuckern. Er hält durch. Anker auf und los.

Bis nach Puerto Rico läuft die Maschine nonstop. 50 Seemeilen, zehn Stunden. Dann gönnen wir ihr eine Ruhe, die Segel müssen ziehen. Aber es bleibt flau, wir fahren nur 2,5 Knoten, die ganze Nacht hindurch. Im Morgengrauen mache ich den üblichen Motorcheck und bekomme einen Schreck: Die Bilge ist voller Öl. Am Messstab ist noch etwas Öl zu sehen, aber trotzdem: Er blutet langsam aus.

Zum Glück frischt der Wind auf. Sehr sogar. Mit Rauschefahrt und unter Gennaker geht es hinüber in die Dominikanische Republik, in den Hafen Punta Cana, denn von hier geht der Flieger der Brüder. Wieder ein Marinabesuch, aber es lässt sich nicht vermeiden, denn die Küste bietet keine Ankermöglichkeiten. Und es stellt sich als Volltreffer heraus.

Gennaker und Passatwind. Perfektes Segeln.

Gennaker und Passatwind – perfektes Segeln 

Die Marina ist nicht teurer als anderswo, aber hat einen Service, den ich auf der Welt noch nirgends erlebt habe. Alles ist noch ein bisschen Baustelle, der Komplex ist noch nicht fertig. Aber der Hafenmeister Frank Costello, ein Einheimischer, kümmert sich rührend um die paar durchreisenden Yachten. Ruck, zuck steht ein Golfcart mit sechs Offiziellen an der Pier, die uns einklarieren. Costello übersetzt ins Spanische. Einige Stunden später, nach einer langen Dusche und Rasur, wollen wir ihn fragen, ob er einen Tipp hat, wie die beiden zum Flughafen kommen. Erstmal bekommen wir jeder eine Tasse heißen Kaffee in dem klimatisierten Büro. Dann bietet er uns an, uns selbst dort hinzufahren, "for free", als Service. Der kleine Pick-up ist ein bisschen eng, wir teilen uns die Rückbank zu viert. Costello braucht Sprit, und die örtliche Tanke ist zu, deshalb machen wir noch einen kurzen Umweg über einen Steg (!) zur Bootstankstelle (!!!), um den kleinen Diesel aufzufüllen. Zwanzig Minuten später werden wir am Flughafen abgesetzt, und Costello verspricht, uns in 20 Minuten wieder abzuholen. 30 Minuten später ist er wieder da, hat seine ganze Familie im Auto, und wir müssen jeden Platz mehrfach besetzen, um zurück zur Marina zu kommen.

Am nächsten Morgen will ich im kleinen Bootsladen in der Marina Öl kaufen. Offenbar bin ich der erste Kunde in diesem Jahr, und das junge Mädchen hinter dem Tresen ist vollkommen überrascht. Öl hat sie leider keines. Ich frage Costello, der wieder eine Lösung parat hat. "Ich fahre nachher für dich in die Stadt und besorge welches. Was brauchst du?" Am Abend bremst ein Golfcart vor "Maverick". Auf der Ladefläche ein 20-Liter-Fass. "70 Euro. Ist das okay?" Unsere Wäsche hat er auch dabei. Weil die Laundry noch nicht fertig ist, hat er ein Mädchen vom Zimmerservice des Hotels überredet, unsere Klamotten zu waschen, für ein winziges Trinkgeld.

Nach zwei Nächten können Cati und ich also wieder aufbrechen. Der Motor springt immer noch sehr schwer an. Wir wissen nicht, woran es liegen könnte und die nächste Volvo-Werkstatt ist etwa 1000 Meilen entfernt in den USA. Also muss die Maschine durchhalten. Eine andere Lösung gibt es nicht. Genug Öl, um den Ölverbrauch auszugleichen, haben wir nun jedenfalls. Kinderwindeln, um das Öl aus der Bilge zu saugen, auch. Also muss es so weitergehen.

Fünf Tage segeln wir bei guten, achterlichen Winden von Punta Cana nonstop nach George Town auf Exuma, mitten in den Bahamas, wo wir gestern Abend angekommen sind. An das Segeln mit Zweiercrew gewöhnen wir uns schnell wieder, das Bordleben spielt sich zügig ein. Ein fantastischer Szenenwechsel, hier anzukommen. Die Bahamas müssen wohl zu den schönsten Segelrevieren gehören, die die Welt zu bieten hat. Schon 2006 war ich mit der kleinen "Maverick" hier und habe anschließend im Logbuch vermerkt: "Nächstes Mal: Karibik auslassen und gleich hierher."

Höhepunkte der Nachtwache. Der Kaffee am Morgen.

Höhepunkte der Nachtwache: der Kaffee am Morgen

In der Karibik waren wir nun trotzdem, und sie hatte auch ihre Reize. Aber ich freue mich nun sehr, diese tolle Inselkette der Exuma-Cays zusammen mit Cati erleben zu können. In den vergangenen Jahren, vor allem in den letzten zwei in der Halle, habe ich ihr so viel davon vorgeschwärmt. Ankern und Leben auf unbewohnten Inseln oder den Privatinseln von allerlei Hollywood-Stars. Einsame Sandstrände, flaches, türkisfarbenes Wasser, schwimmende Schweine (Staniel Cay). Es ist toll, wieder hier zu sein. Die Leute sind unheimlich nett und hilfsbereit. Allerdings ist das Essen hier noch eine Ecke teurer als in der Karibik. Ein Liter Frischmilch für sechs Dollar. Autsch. Mehr als zwei oder drei Wochen werden wir uns die Inselkette nicht leisten können. Dann geht es hinüber nach Miami und weiter in den Norden.

Der Motor muss bis dahin erstmal noch durchhalten. Dann sehen wir weiter. Aber wir sind zuversichtlich und was das angeht im Fahrtenseglermodus angekommen: Machen uns nur noch um das Sorgen, was uns unmittelbar betrifft, nicht um die Zukunft. Und außerdem: Irgendwie geht es immer weiter.

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de

Johannes Erdmann am 26.05.2015

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