Maverick too

"Warum machen wir das eigentlich?"

Johannes Erdmann und Cati Trapp sind auf dem Weg zurück in die Sonne, aber müssen sich erst wieder in den Langfahrtseglermodus einfinden

Johannes Erdmann am 22.12.2015
Sonnenuntergang auf dem Atlantik

Sonnenuntergang auf dem Atlantik

Uns fehlt die Übung. Viel zu lange haben wir in den Häfen an der Ostküste der USA herumgelegen, am Boot gebastelt und an Texten gefeilt. Seit dem 5. Dezember sind wir nun auf dem Weg nach Süden, zurück in die Wärme Floridas und dann hinüber zu den Bahamas. Die ersten zwei Wochen hieß das vor allem Tuckertour unter Maschine, denn Wind und der große Golfstrom standen immer gegenan. Dazu war es lausig kalt und die Aussicht auf Nachtfahrten nicht sehr verlockend. Bis 5 Grad gingen die Temperaturen herunter.

Zwei Tage haben wir auf der kleinen Insel Hilton Head Island auf einen Winddreher gewartet. In einer tollen Marina, am Privatsteg, den uns Freunde kostenlos zur Verfügung gestellt hatten. Nord- statt Südwind war für letzten Samstag vorhergesagt. Endlich, unser Fenster. Aber auch in Verbindung mit einer Kaltfront. "Egal", waren Cati und ich uns einig, "wir wollen Meilen machen. Zurück nach Florida. Unterwegs wird es dann schon wärmer." 

"Maverick too" am Privatsteg von Freunden in Hilton Head Island

"Maverick too" am Privatsteg von Freunden in Hilton Head Island

Als wir Samstagmorgen die Leinen loswerfen, ist von den vorhergesagten vier Windstärken nichts zu erahnen. Die See ein glatter Spiegel. Also muss wieder einmal der neue Vetus-Diesel ran, der inzwischen schon 120 Stunden auf der Uhr hat. Auf Hilton Head Island hatten wir glücklicherweise noch mal nachgetankt. 80 Liter für 36 US-Dollar. Der Sprit ist unsagbar günstig.

Delphine begleiten uns aus dem Inlet hinaus auf den Ozean, der immer glatter wird. Wir kreuzen das Fahrwasser nach Savannah im rechten Winkel, sehen ein Lotsenboot mit 30 Knoten vorbeipreschen, einem Frachter entgegen. Aber der Wind bleibt aus. Das Großsegel steht schlaff, der Motor schnurrt und kurbelt uns mit seiner neuen Bronzeschraube durch das tiefblaue Wasser. Wir sind zurück auf dem Atlantik. Nach über fünf Monaten wieder auf tiefem Wasser. "Hach, was habe ich das vermisst", jauchzt Cati und läuft mit der Videokamera aufs Vorschiff, um die Delphine zu filmen. 

Cati in Charleston, SC

Cati in Charleston, SC

Zwölf Stunden später hat sich das Bild gewandelt. Der Wind hat auf 5 Beaufort aufgefrischt. Wir bolzen mit zweifach gerefftem Großsegel und halb weggerollter Genua hoch am Wind nach Süden. Die See ist konfus, etwa 1,5 Meter hoch und kommt direkt von der Seite. Cati hängt an der Reling, ist mal wieder seekrank. Ihre Tabletten rechtzeitig zu nehmen hat sie in der Vorfreude auf den Atlantik vergessen. Mit dem linken Arm umschließt sie eine der alten Genuawinschen, die nur ohnehin noch eine Attrappe zum Festhalten ist. Festgefressen. Ersatzteile gibt es nicht mehr. Mir ist auch mulmig, aber ich kann den Reiz unterdrücken, klettere über das untere Steckschott in die Kajüte und organisiere Cati ein Stück von der Küchenrolle. "Danke", schluchzt sie und ergänzt: "Warum machen wir das hier eigentlich noch mal?"

Eine Frage, die ganz gut an den Artikel anschließt, den ich vor sechs Wochen für die YACHT geschrieben habe und der in der aktuellen Ausgabe steht. Eine Suche nach Sinn und Unsinn eines Lebens unter Segeln, ein "Hundeleben in Herrlichkeit", wie die YACHT getitelt hat. 

Titel der YACHT 01/2015

Titel der YACHT 01/2016

Warum lassen wir das alles über uns ergehen? Dieses elendige Gehüpfe, das den Magen auf links kehrt. Die salzigen Duschen, die uns der Atlantik immer wieder verpasst. Das Reffen auf dem Vorschiff unseres flachen Bootes. Wenn die Welle trifft und man sich einfach nur festhält. "Jetzt nicht loslassen" ist dann der beherrschende Gedanke. "Hold fast" haben sich die Seemänner in der Handelsschifffahrt unter Segeln auf die Fingerglieder tätowieren lassen. Beim Kraftgriff ist deutlich lesbar, was in diesem Augenblick zählt. Nichts anderes. Nicht die Sorgen zu Hause, nicht die Sorgen unterwegs. Nur das Festhalten. Immer wieder ist es ein eindrückliches Erlebnis. Eines, das prägt.

Seit zwölf Uhr mittags sitze ich im Cockpit, inzwischen ist es fast Mitternacht. Die Windsteueranlage hält wunderbar Kurs, muss nur ab und zu den Winddrehern angepasst werden. Cati liegt in der Koje und ist darauf konzentriert zu überleben. Sie tut mir leid. Gern würde ich sie von diesem Elend erlösen. Rechts ranfahren, sie aussteigen lassen. Wie beim Auto. Aber auf See ist es nicht so einfach. Wir müssen da durch.

Seesterne umklammern unsere Ankerleine nördlich von Charleston, SC

Seesterne umklammern unsere Ankerkette nördlich von Charleston, SC

Mir ist ebenfalls hundeelend. Die Wellen, die mit dem Wind andauernd ihre Richtung ändern und keinen richtigen Rhythmus haben. Der Golfstrom spielt vielleicht auch noch mit hinein. Eine halbe Seekrankheitstablette habe ich mir gegönnt, die mich sogleich in die Tiefe eines erschöpften Schlafen schicken will. Eine Aspirin hätte ich auch gern noch genommen, denn es quälen stechende Kopfschmerzen. Durch das Geschaukel? Oder Koffeinmangel? Ich hatte heute früh ob der Bewegungen nur eine Tasse Kaffee, anstatt der üblichen drei.

Wir wollten eigentlich nonstop durch bis nach Cape Canaveral, das an einem markanten Knick an der Ostküste Floridas liegt. Dort gibt es eine breite Einfahrt, gut betonnt, die in den Cape Canaveral Barge Canal führt. Ein paar Meilen, dann wären wir wieder im Schutz des Intracoastal Waterway. Aber der Wind hat mittlerweile fast genau auf Süd gedreht, und Cape Canaveral ist nicht mehr zu halten. 

Zurück an einem Ort mit vielen Erinnerungen: Johannes Erdmann auf Hilton Head Island

Zurück an einem Ort mit vielen Erinnerungen: Johannes Erdmann auf Hilton Head Island

Eine einsame Entscheidung. Kreuzen? Das würde die Ankunft nicht auf morgen früh, sondern auf morgen Abend legen. Umdrehen und 40 Meilen zurück nach St. Augustine? Dann würden wir es nicht mehr bis Weihnachten nach North Palm Beach schaffen. Dort am Ankerplatz im Lake Worth hatten wir uns auf ein sonniges Weihnachten unter Palmen gefreut. Dann gibt es noch eine dritte Möglichkeit: die Ponce de Leon Inlet. Schmal und versandend (wie alle Inlets der US-Ostküste), aber bei diesen Verhältnissen noch machbar. 

Morgengrauen in Southport, NC

Morgengrauen in Southport, NC

Vor Jahren habe ich mal einen Artikel über die schwierigsten Ansteuerungen Europas für die YACHT geschrieben, deshalb weiß ich genau um die Gefahr von Grundseen. Eine Faustformel sagt, dass bereits eine brechende Welle, die eine Höhe von 30 Prozent der Schiffslänge besitzt, das Schiff kentern lassen kann. Noch sind die Wellen etwas kleiner, aber trotzdem bleibt es haarig. Wind und Wellen von achtern, auflaufendes Wasser und eine schmale Einfahrt, deren Betonnung (durch sich ändernde Sandbänke) nicht den aktuellen Karten entspricht. Schotten dicht, eingepickt und los. Das gereffte Segel und die mitlaufende Maschine helfen, das Schiff gut auf Kurs zu halten und alle Stolpertendenzen am Ruder auszugleichen. Wieder einmal bin ich glücklich, dass "Mavericks" Steuerrad im Prinzip eine Pinne ist. Keine Seilübertragung, sondern ein Kegelradgetriebe, das direkt aufs Ruder greift. Eine halbe Umdrehung in jede Richtung, um hart Ruder zu legen. Was beim Steuern viel Kraft kostet, wird nun zum Segen. 

Raue See auf dem Atlantik

Raue See auf dem Atlantik

Wir surfen in die Einfahrt hinein, biegen nach Backbord ab und sind im ruhigen Wasser. Endlich. 

Doch damit ist die Reise nicht zuende. Wir müssen noch einen Ankerplatz finden, also den Intracoastal Waterway im Dunkeln hochmotoren. Der zu drei Vierteln volle Mond hilft dabei. Gegen 3 Uhr morgen, nach 195 Meilen auf See, werfen wir in einer Bucht 2,5 Meilen hinter der Einfahrt den Haken. Graben ihn mit Maschinenkraft ein, setzen den Ankeralarm und fallen in die Koje. Seit drei Stunden ist Catis Geburtstag. Doch zum Gratulieren haben wir in dem Chaos keine Zeit gefunden. Eigentlich ist ihr der Geburtstag der wichtigste Tag des Jahres. Doch nun wollen wir beide nur noch schlafen. 

Weihnachtsdeko auf "Maverick too"

Weihnachtsdeko auf "Maverick too"

Am nächsten Morgen werden wir von der warmen Sonne geweckt. Kaum 200 Meilen weiter südlich, aber doch so viel wärmer. Schon um 10 Uhr morgens sind es im Cockpit 28 Grad. "Ich habe noch nie an meinem Geburtstag eine kurze Hose angehabt", freut sich Cati und strahlt. Sie ist happy. Das Elend der letzten zwei Tage ist vergessen. Fröhlich steht sie am Rad, steuert "Maverick" entlang der durch amerikanische Vorgärten verlaufende Wasserstraße und lässt sich die Sonne auf die weiße Haut scheinen. "Wir haben es geschafft", sagt sie, "wir sind zurück in der Sonne." Wir haben noch ein paar Scheiben Brot fürs Frühstück, und ein paar Eier sind auch heil geblieben. Also genießen wir ein leckeres Frühstück mit frischem Saft im Cockpit. Und mit einem Male wissen wir es: "Deshalb machen wir das."

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de

Johannes Erdmann am 22.12.2015

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