Weltumsegelung

Los geht's. Next Stop: Amerika

Johannes Erdmann und Cati Trapp brechen heute zur Atlantiküberquerung auf. Einige Gedanken, kurz vor der Abfahrt zur bislang größten Etappe

Johannes Erdmann am 05.02.2015
Johannes Erdmann und Cati Trapp

Johannes Erdmann und Cati Trapp

Was geht einem durch den Kopf, so kurz, bevor es losgeht, über den großen Atlantik? Hmm … Also im Moment ist es wieder die allgegenwärtige Frage nach Ersatzteilen. Ich frage mich, ob Cati noch den nötigen Bluetooth-Stecker bekommt, den wir fürs E-Mailen von See brauchen. Das billige USB-Kabel, das wir hier für zwei Euro im China-Laden (eine Resterampe …) gekauft haben, produziert ein konstantes Surren in der Kurzwellenfunke. Wir wollen aber täglich einen kurzen Blog und vor allem eine Positionsmeldung auf unsere Website posten, deshalb ist sie extra, drei Stunden vor der Abfahrt, nochmal mit dem Bus in die Berge gefahren. Dort liegt das große Madeira-Shopping-Center und der einzige Elektronik-Fachhandel hier in Funchal. Bisher ist für Anspannung und Sorge also noch keine Zeit gewesen. 

Ich bin in der Zwischenzeit mit den letzten Arbeiten beschäftigt: Motorcheck, Impeller, Motor- und Getriebeöl. Bei der ersten Atlantiküberquerung ist mir damals das Getriebeöl der alten Maschine abhanden gekommen, weshalb ich die ersten zwei Monate in der Karibik in St. Lucia an Land verbracht habe, während mein Vater in Deutschland auf der Suche nach einem Austauschteil war. Dann noch das Kutterstag nachspannen, die neuen Drähte haben sich ein bisschen gereckt. Und dann sind wir auch schon fertig. 

"Maverick too" kurz vor der Abfahrt

"Maverick too" kurz vor der Abfahrt

Die Kajüte ist voll Proviant, alle Schapps bis zur Klappe gefüllt. Futter für 50 Tage, Wasser für 40. So lange werden wir hoffentlich nicht brauchen. Das letzte Mal auf dieser Route waren es 31 Tage, allerdings von der Insel La Gomera aus, die 280 Seemeilen weiter im Süden liegt. Unsere "Maverick too" ist wesentlich schneller als die acht Meter lange "Maverick 1" damals. Aber der Passat ist in diesem Jahr ungewöhnlich unbeständig und beginnt erst sehr weit im Süden. Gestern hatte ich per Funk Kontakt mit einer Segelyacht, die 500 Seemeilen vor St. Lucia segelte. Gleiche Größe, ähnliches Geschwindigkeitspotenzial. Der Skipper Jan klagte über nur etwa 80 Meilen, die sie in 24 Stunden zurücklegen. Das sind sogar noch 30 Meilen weniger, als ich damals mit der kleinen "Maverick" gesegelt bin. 

Wasservorräte für 40 Tage.

Wasservorräte für 40 Tage

Auch Boris Herrmann ist über das Wetter ein wenig perplex. Er überführt gerade die 70 Fuß lange "Maserati" nach Antigua, segelt gerade ein paar Meilen südlich von uns durch und schrieb gestern per E-Mail: "Kaum Passatwinde und ein Tief, das sehr weit nach Süden kommt. Vielleicht spielt das für euch schon keine Rolle mehr, aber ich hatte mir eigentlich Sonnenschein und Passatwind erhofft. Aber daraus wird wahrscheinlich vorerst nicht viel."

Egal, Hauptsache endlich los und rüber. Noch länger hier auf Madeira auf gutes Wetter zu warten – das können wir auch auf dem Atlantik. Sind wir vielleicht zu spät dran? Eigentlich ist die Zeit perfekt. Meist setzt sich der Passat sogar erst im Dezember richtig durch und bleibt die Monate darauf konstant. Das Wetterfenster zum Segeln ist bis zum Juni offen, wenn die Hurrikan-Saison beginnt. Nur in diesem Jahr scheint es sich nicht ans Schema zu halten.

Für mich ist es der dritte Tripp auf diesem großen Ozean. Das erste Mal ging mir schon ein wenig die Muffe, damals mit 19 Jahren und ohne viel Erfahrung. Doch die Abenteuerlust war größer als die Sorge. Ich hatte mir den Abfahrtstag gesetzt, morgens auf den Kalender geguckt – "Oh, heute geht's los" – und bin dann pflichtbewusst losgefahren. Das zweite Mal habe ich drei Jahre später zusammen mit Egmont Friedl dessen Westsail 32 von der Chesapeake-Bay nach New York und dann hinüber auf die Azoren gesegelt, einen Großteil der drei Wochen auf See mit Gegenwind. Trotzdem ein tolles Erlebnis, bei dem ich viel entspannter war als beim ersten Mal. Egi war auch schon mal über den Atlantik und ist ein echt guter Segler. Freiwache hieß damals deshalb, richtig tief schlafen zu können. Anders als einhand, wenn ich mir alle 20 Minuten einen Wecker gestellt und zwischen dem Klingeln gedöst habe. 

Mit Cati ist es wieder etwas anderes. Wir sind zwar nun schon zusammen 2000 Seemeilen bis hierher gesegelt und vor allem auf der letzten Etappe von Lissabon nach Madeira zu einem eingespielten Team geworden – aber ich bin trotzdem gespannt, wie wir die drei bis vier Wochen zusammen an Bord verleben werden. Werden wir auf unserer kleinen Insel mitten auf dem Atlantik so entspannt durch die Gegend segeln wie ich damals? Abgeschieden vom Rest der Welt – und auch ohne Interesse, daran teilzuhaben? Den Moment lebend, die See genießend und vollkommen frei und unbeschwert? Oder werden wir uns gar auf die Nerven gehen? 

Wie bei so vielen Dingen, die einem Sorge bereiten könnten, haben wir hier eine ganz einfache Regel eingeführt, die auf viele Dinge zutrifft. Sie lautet: "Es darf einfach nicht passieren." Über Bord fallen? Es darf einfach nicht passieren. Das bedeutet im Umkehrschluss, immer eingeleint an Deck. Verletzungen? Darf auch nicht passieren. Also immer besonnen an Rigg und Segeln arbeiten, immer einen Bullen am Baum. Und so weiter. Deshalb sind wir wohl heute Morgen auch so tiefenentspannt.

Cati beim letzten Check des Notfall-Equipments.

Cati beim letzten Check des Notfall-Equipments

Was denkt Cati?

"Ich bin freudig aufgeregt", erzählt sie mir heute morgen beim Frühstück. Dem letzten ohne schräg stehenden Tisch. "Wir haben jetzt so lange auf die Abfahrt hingefiebert, das hat die Spannung bei mir gesteigert. Ich bin neugierig auf die Erfahrung, wie es ist, so lange auf See zu sein. Bisher war das Längste ja nur vier Tage." Ob sie Sorgen hat? "Nöö. Ich hoffe nur, dass wir keine Stürme erleben und Wale nur aus der Entfernung sehen." Worauf freust du dich? "Vor allem aufs Lesen und auf ein aufs Einfachste minimiertes, aber zufriedenes Leben."

Also denn: Machen wir's. Segeln wir über den Atlantik. Wir lesen uns – und in drei bis vier Wochen von der anderen Seite des Atlantiks!

Wer den täglichen Fortschritt und die Blog-Einträge vom Atlantik verfolgen möchte, kann das auf www.zu-zweit-auf-see.de.

Johannes Erdmann am 05.02.2015

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