Blauwasser

Der lange Abschied von daheim

Mindestens zwei Jahre wollen Cati Trapp und Johannes Erdmann segeln gehen – am liebsten um die Welt. Gestern legten die beiden ab

Jochen Rieker am 15.09.2014
Abfahrt von Cati Trapp und Johannes Erdmann

Immer irgendwie fröhlich, selbst im größten Abreisestress: Johannes und Cati von der "Maverick too"

Der Termin stand seit einem Dreivierteljahr fest. So lange braucht ein Langfahrtprojekt mindestens an Vorbereitung. Aber es fehlte am Ende doch noch eine Woche. Und selbst die Vertagung im letzten Moment um eben diese eine Woche war nicht genug.

So stauten sich gestern um 11.30 Uhr, eine halbe Stunde vor der avisierten Abfahrt, Kisten, Werkzeug und Wäschekörbe in Cockpit und Kajüte der "Maverick too". Eine heillose Wuhling!

Fotostrecke: "Maverick too" legt ab

Cati Trapp und Johannes Erdmann, die auf ihrer in Eigenarbeit generalüberholten Contest 33 für zwei Jahre alles hinter sich lassen wollen, waren zu diesem Zeitpunkt regelrecht erleichtert, dass die Tide ihnen noch vier Stunden Zwangspause abverlangte – der Kiel ihres 42 Jahre alten Bootes steckte im Schlick der Oste fest. Anders wären sie wohl nie fertig geworden.

Denn es galt ja nicht nur, allerhand halbwegs seefest zu verstauen, um wenigstens sicher in die Elbe zu kommen: das Festboden-Dingi etwa (zu groß fürs Vorschiff), der 5-PS-Außenborder (zu groß für die Backskiste), die vielen Rechner, Kameras, Kochtöpfe und was man heute auf Langfahrt sonst noch braucht, auf einem schmalen 33-Fuß-Boot aber kaum unterkriegt.

Zu all dem Wahnsinn des Sortierens, Stauens und Doch-wieder-zurück-ins-Haus kam noch die ein oder andere Abordnung von Nachbarn, Vereinsvorsitzenden, Freunden, Familie. Jeder hatte was zu sagen, was zu zeigen, wollte sich das Boot noch mal angucken, brachte Geschenke vorbei – für die ja längst kein Platz mehr war.

Die Nacht zuvor hatten Cati und Johannes, mal wieder, fast durchgerackert am Schiff. Ihre Akkus waren also schon lange vor dem Ablegen tiefentladen. Man muss sich die Szenerie vorstellen wie einen Wirbelsturm im eigenen Vorgarten, der alle Ordnung auflöst. Eigentlich ein guter Moment, um verrückt zu werden, mindestens aber fahrig, gereizt und kopflos.

In all dem Tohuwabohu dann auch noch ein Fernseh-Team des ZDF, das über den Törn der beiden eine 45-minütige Dokumentation, vielleicht sogar eine mehrteilige TV-Serie drehen will. Und was machen die Protagonisten? Nehmen sich Zeit, finden noch Kraft für ein Lächeln, orchestrieren die Armada der freiwilligen Helfer und machen einfach ihr Ding.

Dieser Eigenschaft ist es wohl auch zu verdanken, dass sie es dann doch geschafft haben: fröhlich bleiben, die Ärmel hochkrempeln. "Irgendwie wird das schon", sagte Johannes im ärgsten Chaos. "Und was wir nicht hinkriegen, machen wir unterwegs."

Das ist jetzt.

Denn seit Sonntagnachmittag hat ihre große Reise tatsächlich begonnen. In Oberndorf, wo sie am Deich wohnen und fast zwei Jahre lang ihre "Maverick" auf Vordermann gebracht haben. Gegen halb vier legten sie vom eigenen Schwimmsteg ab und liefen unter Maschine nordwärts bis Cuxhaven, wo sie um 21 Uhr festmachten. Ein kleiner Schlag nur, gemessen an der Weite, die vor ihnen liegt. Aber ein Anfang!

Als sie fest waren, wollte der Schiffsdiesel nicht ausgehen; irgendwo muss sich irgendwie der Dekompressionszug gelöst haben. Ein Problem, das Johannes durch Handauflegen löste: "Luftfilter ab, Ansaugstutzen zuhalten – das hat ihn zur Ruhe gebracht!" Und die beiden todmüde in die Koje.

Jetzt in Cuxhaven noch Ordnung in den Stauplan bringen, letzte Restarbeiten erledigen – jedenfalls die nötigsten, denn die Liste ist lang –, und dann geht es weiter über die Nordsee und den Ärmelkanal nach Südengland. Da wollen Cati und Johannes auf ein günstiges Wetterfenster warten, um die Biskaya mit einem langen Schlag hinter sich zu bringen. Sie wissen, dass sie spät dran sind. Der Herbst ist keine gute Zeit für dieses berüchtigte Seerevier, zumal mit einem Boot, dessen Grenzen sie nach den vielen Umbauarbeiten und unter voller Beladung erst noch kennenlernen müssen.

Von Spanien aus wollen sie in einigen Wochen auf die Kanaren, von dort in die Karibik. Es wird ein warmer Winter werden, fernab der üblichen Charterziele. Johannes war als 19-Jähriger schon einmal da, allein. Während er mit der Einsamkeit auf See damals gut klarkam, fehlte ihm beim Landfall jemand, mit dem er all das teilen konnte. Den hat er jetzt als Co-Skipperin von Beginn an dabei.

Wie es weitergeht? Im Törnplan steht für den Sommer 2015 die US-Ostküste, danach – vielleicht – die Nordwestpassage und die ganz große Runde um die Welt. Aber das wird sich alles weisen.

Wenn Sie die Fahrt von Cati Trapp und Johannes Erdmann verfolgen wollen: Hier auf YACHT online und auf YACHT tv berichten die beiden künftig regelmäßig über ihre Abenteuer.

Jochen Rieker am 15.09.2014

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