Volvo Ocean Race

Mr. Gnadenlos

Das Mapfre-Team von Xabi Fernandez beeindruckt mit eiserner Willenskraft und nimmt Dongfeng langsam aber sicher Meile für Meile ab.

Andreas Fritsch am 22.12.2017
Volvo Ocean Race 2017/2018
Jen Edney/VOR

Kämpft mit eiserner Härte: das Team von "Mapfre"

Das Duell zwischen dem spanischen Team und dem französischen unter Skipper Charles Caudrelier gleicht einem Match-Race unter den härtesten denkbaren Bedingungen. Beide Teams beharken sich seit dem Start, die Führung wechselt hin und her, die kleinsten Fehler werden vom Gegner sofort bestraft.

Volvo

Das Halsen-Duell 

Wie ermüdend das ist, belegt ein Video des Teams Dongfeng, in dem gezeigt wird, was das eigentlich konkret bedeutet. Darin kündigt Navigator Pascal Bidégorry über Bord-Lautsprecher die nächste nächtliche Halse an. Die Segler der Freiwache quälen sich daraufhin sichtbar unter Mühen aus den Kojen, ihre Gesichter zeigen die allgegenwärtige Übermüdung. Dann verpacken sie sich alle für das Manöver in eiskalten Wind bei etwa 8 Grad Lufttemperatur und 5 bis 7 Grad Wassertemperatur – und die ist wichtig, fegt doch fast nonstop Gischt über Deck. Den Windchill-Faktor dabei kann man sich gut vorstellen.

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Video vom Halsen bei Nacht

Nachdem "Mapfre" die letzten Tage eisenhart und konsequent bis zum Äußersten ging, immer am südlichen Eislimit blieb, da dort der Wind etwas stärker ist, halste die Crew sage und schreibe 16-mal in nicht einmal acht Stunden – also alle 30 Minuten ein Manöver. Und das Ganze in der Nacht zwischen 10 Uhr abends und sechs Uhr morgens. Nach jeder Halse wird die Ausrüstung unter Deck und an Deck auf die neue Luvseite gewuchtet. "Dongfeng" setzte auf halb so viele Halsen, segelte weiter nach Norden – und verlor die Führung. Schlimmer noch, aus der Führung von knapp 15 Seemeilen wurde ein Rückstand von rund 30 Meilen. Wahrlich eine Nacht der langen Messer für die Franzosen.

Man ist fast geneigt zu glauben, dass Caudreliers Team ein kleineres technisches Problem hatte, das es aus taktischen Gründen nicht preisgab, aber vielleicht war die Crew auch einfach völlig erschöpft. Sollte es nicht so sein, wäre es allerdings bereits der zweite schwere taktische Schnitzer von Pascal Bidégorry, der schon die entscheidene Halse auf dem Weg nach Kapstadt auf der zweiten Etappe eine knappe Stunde zu spät ansetzte und so die Spanier vorbeiließ. Jetzt sind die Franzosen in den "Stealth-Modus" gegangen, verbergen für 24 Stunden ihre Position, vielleicht auch, um eine taktische Alternative zu probieren.

Nun sind es nur noch knapp 1000 Seemeilen für das Führungsduo nach Melbourne, und so wie es aussieht, ist es für sie ein Drag-Race im stabilen Wind eines Tiefs. Das dürften beide Crews mit Erleichterung registrieren; ein Flautenpoker, wie er den zwei bis drei letzten Teams droht, die von einem Hoch eingeholt werden, möchte wohl niemand. Trotzdem ist die Anfahrt nach Melbourne taktisch durchaus knifflig. Kurz vor dem Ziel können bis zu fünf Knoten Strom gegenan stehen, je nach Zeitpunkt und Tide der Ankunft. 

Weiter hinten im Feld hat sich ein anderer Zweikampf zugespitzt: Team "Vestas" und "Brunel" liefern sich einen spannenden Fight um Platz drei. Nur 22 Seemeilen trennen die Boote, die ähnlich wie die Führenden mit um die 22 Knoten im frischen Wind jetzt nur eins im Kopf haben: perfektes VMG-Segeln. Gute Nachrichten gab es gestern für Skipper Bouwe Bekking: Crewmitglied Annie Lush, die von einer Welle gegen den Grinder geschleudert wurde und sich am Bein verletzt hatte, ist wieder an Deck. Zwei Tage musste sie mit Schmerzmitteln vollgepumpt in der Koje verbringen und fehlte bei den Manövern. 

Fans des Rennens sollten also am Weihnachtstag den PC im Auge behalten, das Führungsduo wird wohl am 24 ankommen, die beiden Teams dahinter wahrscheinlich erst am 25. Ein Rennen gegen die Uhr wird es für das Team "Akzo Nobel". Das ETA wird derzeit mit dem 28.12 angegeben; die Segler hätten dann nur knapp drei bis vier Tage, um den provisorisch geflickten Schaden an der Mastschiene des Großsegels zu reparieren.  

Andreas Fritsch am 22.12.2017

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