Volvo Ocean Race

Heimsieg für Hongkong-Team, Drama um Vestas-Kollision

Ein Außenseiter-Team hat Etappe 4 gewonnen. Der Jubel darüber aber wird von der Vestas-Kollision und einem Todesfall überschattet – AKTUALISIERT

Tatjana Pokorny am 20.01.2018
Volvo Ocean Race 2017/2018
Pedro Martinez/VOR
Volvo Ocean Race 2017/2018

Skipper David Witt und sein glückliches Team Sun Hung Kai / Scallywag nach dem Heimsieg vor Honkong

Erstmals in der 45-jährigen Geschichte des Volvo Ocean Race um die Welt hat eine Segelmannschaft unter Hongkongs Flagge eine Etappe gewonnen. Doppelten Anlass zur Freude hatte das Außenseiter-Team, weil der Erfolg im Heimathafen Hongkong gelang. Die 5600 Seemeilen lange Etappe von Melbourne nach Hongkong absolvierte Sun Hung Kai / Scallywag trotz Mann über Bord in nur gut 17 Tagen. Die Sieger haben diese Etappe erstmals mit der britischen Navigatorin Libby Greenhalgh bestritten. Dank Greenhalghs goldenem Händchen war die Crew ideal durch die Äquator-Flaute gekommen, hatte gegen den Trend der Flotte auf eine mutige Kursabkürzung in vermeintlich schwächere Winde gesetzt, die Führung übernommen und sie bis ins Ziel nicht mehr abgegeben. Doch nach dem Zieldurchgang überschlugen sich die Ereignisse und überschatteten die Siegerfeier. Wir haben unseren Beitrag am Ende aktualisiert.

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Hier noch schnell unterwegs, musste das Team Vestas 11th Hour Racing Etappe 4 nach einer Kollision aufgeben

Das zu dem Zeitpunkt zweitplatzierte dänisch-amerikanische Team Vestas 11th Hour Racing blieb – auf dem Live-Tracker-Bild fortlaufend gut zu sehen – fast stehen, wurde nur noch mit ein bis drei Knoten Geschwindigkeit angezeigt, während das bis dahin drittplatzierte Dongfeng Race Team immer näher kam und Vestas schließlich überrundete. In den sozialen Netzwerken überschlugen sich die Fans mit bangen Fragen: "Was ist los mit Vestas?", "Bitte gebt uns Informationen darüber, was da passiert ist!".

Eine Stunde, nachdem die Sieger um 18.45 Uhr deutscher Zeit die Ziellinie vor Hongkong gekreuzt hatten und stürmisch begrüßt worden waren, veröffentlichen die Veranstalter des Volvo Ocean Race ein erstes Statement, in dem eine Kollision zwischen Vestas 11th Hour Racing und einem weiteren Boot bestätigt wird, die sich gegen 18.39 Uhr – also nur wenige Minuten nach dem Zieldurchgang der Siegeryacht – etwa 30 Seemeilen vor der Ziellinie zugetragen hat. Wenig später wurde bekannt, dass die Rennleitung zwischenzeitlich das zu dem Zeitpunkt viertplatzierte Team AkzoNobel um Kursänderung und Beistand für die Kollisionsbeteiligten gebeten hat. AkzoNobels Mannschaft folgte der Bitte, konnte aber bald wieder Kurs auf Hongkong geben, weil offenbar genügend Retter vor Ort waren. 

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An Deck von Vestas 11th Hour Racing

In einer späteren Aktualisierung bestätigten die Volvo-Ocean-Race-Veranstalter um 2.10 Uhr am frühen Samstagmorgen deutscher Zeit weitere Fakten: Das Team Vestas 11th Hour Racing habe für das andere Boot einen Notruf ("Mayday Distress Call") abgesetzt, das Hong-Kong Marine Rescue Coordination Centre (HKMRCC) alarmiert, das umgehend eine Such- und Rettungsaktion einleitete. Das HKMRCC hat die Rennleitung des Volvo Ocean Race darüber informiert, dass ein Schiff die neun Crew-Mitglieder retten konnte und ein zehntes Crew-Mitglied mit einem Helikopter ins Krankenhaus geflogen wurde. Über den Zustand des Verletzten wurde zunächst nichts bekannt. Alle Crew-Mitglieder von Vestas 11th Hour Racing seien sicher, vermeldeten die Organisatoren. Vestas Boot aber wurde beschädigt. Das Team hat offiziell seine Aufgabe für diese Etappe erklärt, wollte jedoch den Hafen ohne Begleitschutz und mit eigener Motorkraft erreichen. Weitere Informationen zu Ursache, Verlauf und Folgen der Kollision für die Besatzung des neben Vestas 11th Hour Racing beteiligten Bootes sollen im Verlauf des Samstags bekanntgegeben werden. Die verstörenden Nachrichten von See ließen bei vielen Seglern, Fans und Beobachtern auch Erinnerungen an den 29. November 2014 wach werden. Damals war das Team Vestas Wind auf ein Riff im Indischen Ozean aufgelaufen. Dabei waren die Segler unverletzt geblieben.

Nach Ankunft des zweitplatzierten Dongfeng Race Team in Hongkong sagte dessen Skipper Charles Caudrelier: "Unsere ersten Gedanken kreisen um diese schrecklichen Nachrichten. Wir sind natürlich sehr traurig, davon zu hören. Es ist immer sehr gefährlich, wenn man in Fischerei-Revieren segelt, wo es so viele Boote gibt, von denen manche ohne Beleuchtung unterwegs sind. Das sind schlimme Nachrichten für die Fischer, für Vestas und das Volvo Ocean Race."

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Dongfeng-Skipper Charles Caudrelier: "Das sind schlimme Nachrichten für die Fischer, für Vestas und das Volvo Ocean Race."

AKTUALISIERUNG, 20. Januar, 11 Uhr: Infolge der Kollision zwischen dem Fischerboot und der Rennyacht des Segel-Teams Vestas 11th Hour Racing, die sich nach leichter zeitlicher Korrektur der Veranstalter am Freitagabend deutscher Zeit gegen 18.23 Uhr nur wenige Minuten vor dem Etappensieg des Teams Sun Hung Kai / Scallywag ereignet hat, ist ein chinesischer Fischer ums Leben gekommen. Der Unfall hatte sich etwa 30 Seemeilen vor der Ziellinie vor Hongkong ereignet. Neun Fischer konnten von einem dritten, nicht am Rennen beteiligten Boot unweit der Insel Waglan gerettet werden. Ein zehnter Fischer wurde schwerverletzt mit dem Helikopter in ein Krankenhaus geflogen, verstarb aber und wurde dort gegen 23 Uhr deutscher Zeit für tot erklärt. Weitere Fischer werden im Eastern Hospital behandelt.

Das zum Zeitpunkt des Unfalls zweitplatzierte dänisch-amerikanische Team Vestas 11th Hour Racing hat die Etappe aufgegeben und den Zielhafen Hongkong mit beschädigtem Boot unter Motor aus eigener Kraft erreicht. Die örtlichen Behörden haben eine Untersuchung des Unfalls eingeleitet, die Veranstalter und das beteiligte Team haben in mehreren Statements ihre volle Unterstützung und Kooperation zugesagt.

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Dieses Bild der beschädigten Yacht von Vestas 11th Hour Racing, die in Hongkong bereits aus dem Wasser geholt wurde, veröffentlichte die "South China Morning Post" am Samstag

In der Gesamtwertung des Meeres-Marathons um die Erde führt nach der vierten von elf Etappen weiter das spanische Team Mapfre, das Honkong als Vierter erreichte, vor dem chinesischen Dongfeng Race Team (2. in Hongkong) und Team Vestas 11th Hour Racing. Etappensieger Sun Hung Kai / Scallywag rückte auf Platz vier vor und verdrängte damit Bouwe Bekkings holländisches Team Brunel (Rang 5 in Hongkong) auf Platz fünf im Gesamtklassement. Das Rennen wird ab 1. Februar mit einem 100-Seemeilen-Sprint von Hongkong in die chinesische Hafenstadt Guangzhou und zurück fortgesetzt.

Tatjana Pokorny am 20.01.2018

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