Volvo Ocean Race

Boris Herrmann zur Vestas-Havarie

Ein schlafender Navigator? Schlampige Vorbereitung? Fehler in der Programmbedienung? Einige Gedankenspiele zur Ursache der Havarie

Lars Bolle am 01.12.2014

Ungläubig beobachtet die segelinteressierte Weltöffentlichkeit den Vorfall. Die Meldungen dieser Strandung sind schwer zu verstehen. Wie kann so etwas passieren? Kann man so ein großes Riff übersehen? Es ist schwer vorstellbar.

Maserati

Boris Herrmann am Navigationscomputer

Weltumsegler und Navigator Boris Herrmann hat sich dazu Gedanken gemacht:

Auf den Schiffen werden keine Papierseekarten mehr verwendet, sondern ausschließlich Computer, meist Laptops. Lediglich ein kleines Minimum an Papierkarten ist für den Notfall an Bord. Als Navigationsprogramme kommen unter anderem Expedition und Adrena zum Einsatz, als Seekarten meist die C-Map-Vektor-Karten von Jeppesen.

Was kann nun schiefgelaufen sein?

Die Darstellung der Meerestiefen kann in den Navigationsprogrammen angepasst werden. So kann die typische Blaufärbung flacherer Stellen, wie es aus fast allen Seekarten bekannt ist, komplett ausgestellt werden. In diesem Fall ist die See immer weiß, und lediglich Tiefenlinien und Tiefenangaben zeigen die Tiefe. Dies kann in seltenen Fällen wünschenswert sein, etwa, wenn das Wetter per Gribfile auf der Seekarte betrachtet wird und die blauen Stellen optisch dabei stören, das Wetter zu analysieren.

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Screen Shot Adrena/C-Map: "Cargados Carajos Shoal" ist unauffällig in der Mitte des Bildes zu sehen. Kann es übersehen werden? Diese Zoom-Stufe wäre normal für die Betrachtung der Konkurrenten und des lokalen Wetters. Für die großräumige Strategie wird noch weiter herausgezoomt. In dieser Zoom-Stufe ist dort kein Land zu erkennen, auf den "ersten Blick" sieht man nur die Tiefenangabe 46 Meter

Sollte diese Einstellung ausgewählt worden sein, ist es eventuell möglich, das verhängnisvolle Riff auf der Karte zu übersehen, vorausgesetzt, die Gegend wird nur flüchtig betrachtet und der Betrachter zoomt nicht weit genug herein. Je nach Bildschirmgröße ist die betroffene Stelle tatsächlich nicht auf den ersten Blick zu sehen.

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Vergleich von Expedition (links) und Adrena (rechts) für die gleiche Zone: Bei Adrena sind die Inseln wie ein Leuchtfeuer und der Hinweis "Obst" (Obstruction=Hindernis) auch in einem weit herausgezoomten Bildschirm gut zu erkennen. Bei Expedition ist lediglich eine blaue Flachstelle zu sehen, es scheint mindestens 20 Meter tief zu sein. Es handelt sich um ein und dasselbe Kartenmaterial (C-Map), welches von den Programmen unterschiedlich angezeigt wird, je nach Benutzereinstellungen

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Ein seltener, aber krasser Fall in den typischerweise verwendeten C-Map-Karten: Bei einem weiteren Zoom, bei dem man 50 Seemeilen auf dem Schirm hat, sieht es so aus, als sei das Flach durchgängig 20 Meter tief...

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...und erst bei einem weiterem Zoom sieht man die Inseln und Riffe "

Allerdings wird jeder Navigator eine markante Tiefenlinie oder auch nur leicht angedeutete Flachstelle mitten im Ozean akribisch ausforschen. Schwerer Schlafmangel, ein Fehler bei der Seekarteninstallation auf dem Bordrechner oder die Benutzung des Programms durch einen weniger geübten Nutzer, einen Wachführer oder Skipper, könnten mögliche Gründe sein.

Ein weiteres, ebenso spekulatives Szenario könnte auch sein, dass der Navigator geschlafen hat und davon ausging, dass das Flach gar nicht in die Quere kommen würde und sich die Situation durch eine Windänderung dann verändert hat, bei den immerhin recht großen Geschwindigkeiten von 17 Knoten kann das innerhalb einer halben Stunde passieren. Es wurde kurz vor der Havarie der Kurs nach Backbord geändert. Man könnte annehmen, dass der angesetzte Kurs rechts am Flach vorbeiführen sollte und dann ohne Absprache mit dem schlafenden Navigator geändert wurde.

Wie auch immer, es wird interessant sein, wie die offizielle Begründung lautet.
 

Lars Bolle am 01.12.2014

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