Vendée Globe

Wetter-Poker am Kap Hoorn

Heute um die Mittagszeit passierte Armel Le Cléac'h Kap Hoorn. Er ist fünf Tage schneller als François Gabart 2011. Alex Thomson fällt weiter zurück

Andreas Fritsch am 23.12.2016
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Vincent Curutchet/BPCE

Foto von Bord Yann Elies

Fans, die seit Tagen die Windverhältnisse am Kap Hoorn mithilfe der gängigen Wettermodelle verfolgen, konnten geradezu exemplarisch lernen, warum die Region zu den schwierigsten der Welt gehört: Fast im Sechs-Stunden-Takt änderten sich die Vorhersagen für die Bedingungen der Passage der letzten großen Landmarke für Armel Le Cléac'h und Alex Thomson. Mal hatte es den Anschein, als ob der Führende gegen den Wind ums Kap kreuzen muss, dann sah es nach Halbwind aus. Für den Verfolger auf "Hugo Boss" gilt Ähnliches. Erst schien es gestern ein perfekter Halb- bis sogar Raumschots-Kurs zu werden, heute Nacht parkte Thomson dann in der Flaute völlig ein, fuhr nur noch knapp zwei Knoten und segelt heute wohl sogar am Wind in Richtung der Landspitze Südamerikas. Die vielen kleinen, kräftigen Tiefs ziehen so unkalkulierbar, dass beide Skipper froh sein dürften, wenn sie das magische Kap hinter sich haben. Doch heute am frühen Mittag war es dann soweit: Armel Le Cléac'h passierte nach 47 Tagen und 32 Tagen die magische Landmarke.

Zusammenfassung des 46. Renntages

Doch dahinter geht es kniffelig weiter. Le Cléac'h erwartet einen Südatlantik mit vielen Flautenlöchern, zeitweise Gegenwind und wieder schnell ziehenden Tiefs. Zurzeit sieht es so aus, als könnte er nach der Passage in einem großen Flautenloch eine Weile einparken – aber was solche Vorhersagen wert sind, haben die letzten Tage gezeigt. Alex Thomson dürfte auf jeden Fall dankbar sein für so einen Stolperstein, mittlerweile ist sein Rückstand auf 735 Seemeilen angewachsen, er wird bis morgen weiter ansteigen. Das sind mindestens volle zwei Tage.

Rennen

Der Stand des Rennens heute Morgen

Im Feld dahinter hat Jérémie Beyou ("Maitre Coq") noch knapp 900 Seemeilen Rückstand auf Alex Thomson, dürfte aber nicht viel dichter herankommen, da er auf eine Hochdruckbrücke zufährt, die ihn in den nächsten Tagen aufhalten dürfte. Beendet ist die Vendée dagegen für den Rookie Paul Meilhat, der mit seiner "SMA" ein hervorragendes Rennen gefahren ist, am Sonntag aber wegen eines gerissenen Hydraulik-Zylinder des Schwenkkiels nach Norden abdrehen musste. Der Kiel ist in der Mittelstellung zwar arretiert, doch die Not-Einrichtung ist nicht sicher genug, um das Kap Hoorn zu passieren. Meilhat will irgendwo in Französisch-Polynesien den Zylinder austauschen. Entsprechenden Ersatz bekommt sein Team als "Weihnachtsgeschenk" von Jérémie Beyous Team zur Verfügung gestellt, den beide Open 60 sind Schwesterschiffe. Auf eine neu gefertigte Hydraulik hätte das Team mindestens bis Mitte Januar warten müssen.

Damit segelt Beyou jetzt mutterseelenalleine durch den Südpazifik, nachdem er sich fast zwei Monate mit Meilhat einen packenden Zweikampf geliefert hatte. Fürchten muss er die Verfolger hinter sich nicht, fast 500 Meilen trennen ihn von Jean-Pierre Dicks "St. Michel-Virbac", dicht gefolgt von Yann Eliès ("Quéguiner Leucémie") und Jean Le Cam ("Finisterre Mer Vent"). Alle drei fahren in eine Schwachwind-Zone, die wohl zu ihrem Pech mit ihnen mitzuziehen scheint. Im Feld dahinter haben zwei Skipper über Weihnachten mit technischen Problemen zu kämpfen: Fabrice Amedeo riss ein Teil des Großsegels seiner "Newrest Matmut", dass er flicken muss. Sein Landsmann Arnaud Bossier ("La Mie Caline") musste defekte Mastrutscher austauschen und drehte dafür aus den starken Winden südlich Australiens nach Norden ab.

Ein einsames und etwas tristes Weihnachtsfest wird wohl Stéphane Le Diraison verbringen, der nach seinem Mastbruch seit Tagen mit Notrigg und ungefähr drei Knoten Speed in Richtung Australien humpelt. Bei seinem derzeitigen Tempo dürfte er nicht vor dem 27. Dezember dort ankommen. Mit ihm und Paul Meilhat sind dann mittlerweile 10 von 29 Teilnehmern aus dem Rennen, die Vendée nähert sich damit allmählich ihrer "normalen" Ausfallquote, die bei 40 bis 50 Prozent liegt.

Rennen

Der Stand des Rennens heute Morgen

Ganz still und ohne großes Aufsehen segeln drei Segler noch einsam für sich ein ganz hervorragendes Rennen. Der Franzose Louis Burton fährt mit seiner "Bureau Vallée" unbeirrt und ohne große technische Defekte auf dem 8. Platz – für den 31-Jährigen, der erst mit 18 zum Segeln fand und sich seitdem selbst schrittweise über Class 40s in der Szene nach oben gekämpft hat, ein Riesenerfolg. Sein Schiff, die 2006 gebaute Ex-"Delta Dore" von Jérémie Beyou, gilt als zwar nicht wirklich schnelles Boot (Farr-Design), aber dafür als zuverlässig. Es ist seine zweite Vendée Globe mit dem Boot, und die lange Optimierungs-Arbeit zahlt sich nun offenbar aus.

Hinter ihm  beweist der 62-jährige Ungar Nandor Fa, dass er ein verdammt zäher Brocken ist. Trotz Knockdowns, technischer Probleme mit seinem Kiel und den vielen Stürmen der letzten Wochen hält er seine "Spirit of Hungary", die er selbst entworfen und gebaut hat, auf Kurs, selbst durch die dicksten Stürme. Der Ex-Finn-Segler schenkt sich nichts und segelt ein Boot, das noch richtig nass und brutal durch die See prügelt. Es hat noch nicht die komfortablen, langen Deckshäuser der Konkurrenz, keine schon fast gemütlichen Spraycaps zum achteren Cockpit, wie sie mittlerweile fast Standard sind. Man muss den Hut ziehen vor der Leistung des Ungarn.

Ein paar hundert Meilen hinter ihm liegt sein junger Ex-Mitsegler Conrad Colemann. Beide haben vor zwei Jahren auf Fas Boot das Barcelona World Race bestritten. Colemann fightet mit einem hoffnungslos veralteten Eigenbau zweier Australier, den er erst kurz vor dem Rennen aus seinem Dasein als Charter-Boot befreite, um jede Meile. Doch in den schnellen Raumschotsbedingungen ist sein Open 60 deutlich langsamer als der von Nandor Fa.

Dahinter beginnt das große Feld der Teilnehmer, für die Dabeisein und Ankommen alles ist. Sie werden Weihnachten südlich von Australien verbringen, bevor sie das neue Jahr dann im Pazifik beginnen dürften. 

Andreas Fritsch am 23.12.2016

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