Vendée Globe

"Wenn ich bis auf 50 Meilen rankomme, habe ich eine Chance!"

Alex Thomson gibt die Hoffnung nicht auf, wie er gestern Nachmittag in einer Live-Schaltung von Bord seiner "Hugo Boss" sagte

Andreas Fritsch am 13.01.2017
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Marine Nationale / TF1 / Nefertiti Prod" © Saem Vendée / Nefertiti Prod. - 30/11/16

Alex Thomson meldet sich gestern live von Bord

Müde und erschöpft klang der Brite. Offensichtlich zehrt der Versuch, auf den Fersen von Armel Le Cléac'h zu bleiben, enorm an den Reserven. Er berichtet, dass der Wind, in dem er segelte, weit hinter den Vorhersagen zurückblieb und so der Franzose rund 200 Meilen davonziehen konnte. Hinzu kommt, dass Thomson schon seit fast zwei Wochen ohne Windinstrumente im Masttopp fährt, sich als Ersatz ein Windmesser an einer etwa zwei Meter hohen Stange ans Heck basteln musste. Die Daten, die dort gewonnen werden, sind schlechter als die aus dem Masttopp und dürften die Performance seines Autopiloten deutlich verschlechtern. Zuletzt hatte er berichtet, dass sein Autopilot Schwierigkeiten macht, wenn er voreingestellte Windeinfallswinkel steuern soll. Das ist aber eins der wichtigsten Features, um schnell zu sein.

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Der Stand des Rennens heute Morgen um 9 Uhr

Trotzdem gibt er nicht auf, setzt auf die Passage der letzten Front des Tiefs, das vor ihnen liegt. Das bremst zurzeit Armel Le Céac'h etwas, sodass "Hugo Boss" sich langsam wieder herankämpft. Aber natürlich besteht wieder die Gefahr, dass der Franzose die Schwachwindzone passiert und Thomson dann wieder länger darin stecken bleibt – der wohlbekannte Gummiband-Effekt. Darum sagte Thomson gestern: "Wenn ich nach der Passage der Front bis auf 50 Meilen an Armel herangefahren bin, habe ich noch eine Chance!"

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Die voraussichtliche Situation in zwölf Stunden. Das Flautenloch, das die beiden passieren müssen, ist klar zu erkennen. 

Diese Ansicht teilte auch der Segel-Profi Brian Thompson, der gestern zum Gespräch mit Alex Thomson zugeschaltet war. Thompson gilt als exzellenter Wetter-Router, war Crewmitglied auf "Banque Populaire V", als die mit Loïck Peyron die Jules Verne Trophy gewann. "Es ist keine 'The rich get richer'- Situation für Armel. Alex wird aufholen und vielleicht in Schlagdistanz kommen. Es ist zu früh, ihn abzuschreiben." Aber er sagte auch, dass der Franzose solche Zweikämpfe aus dem Figaro-Zirkus kennt und darin bekanntermaßen exzellent ist. Außerdem nähert er sich  Gewässern, die sein Heimatrevier sind, ein weiterer Vorteil. Le Cléac'h segelt auch schon seit Längerem klar taktisch, deckt "Hugo Boss" ganz klassisch, indem er immer versucht, auf direkter Linie zwischen dem Ziel und seinem Verfolger zu bleiben. Schon vor den Doldrums begann er, sich entsprechend zu positionieren. 

Heute Morgen um 9 Uhr war Thomson mittlerweile wieder auf 160 Meilen an den Führenden herangekommen und ist mit vier Knoten mehr Speed unterwegs. Man darf also noch gespannt sein.

Hinter den beiden segeln Jérémie Beyou ("Maitre Coq") und Jean-Pierre Dick ("St. Michel Virbac") einsam ihre Bahnen, beide etwa jeweils 500 Meilen von dem vor ihnen liegenden Boot entfernt. Dahinter messern sich die beiden Franzosen Jean Le Cam und Yann Eliès unverdrossen um den fünften Platz im Abstand von nicht einmal zehn Meilen – mal mit Vorteil für den einen, dann wieder den anderen. Zurzeit hat Le Cam die Nase vorn.

Im Feld dahinter haben gestern Conrad Coleman und Eric Bellion Kap Hoorn gerundet. Damit sind die ersten zehn der noch 18 Skipper im Rennen um die letzte große Landmarke. 

Andreas Fritsch am 13.01.2017

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