Vendée Globe

Thomson ist dran – aber die Zeit läuft ihm davon

Nur noch 40 Meilen trennen die beiden Führenden. Doch es braucht ein kleines Wunder, sollte der Brite noch Le Cléac'h angreifen können

Andreas Fritsch am 18.01.2017
Vendee Globe 2016 Team Banque Pop VIII PR_238
Yvan Zedda/ BPCE

34 Seemeilen hat der Brite in den letzten 24 Stunden aufgeholt, aber nur 350 Seemeilen vor dem Ziel ist das eine wohl doch zu große Hürde. Gestern wurden beide Skipper von einem Flugzeug der französischen Marine überflogen, beide segelten in leichtem Wind und nur wenig Seegang mit etwas über zehn Knoten Speed. Beide Skipper meldeten, dass an Bord alles in Ordnung sei und sie den Zieldurchgang herbeisehnen.

Live-Bilder vom Führungsduo, gefilmt von der französischen Marine

Alex Thomson hat zu den Problemen mit seinem Autopiloten, der wegen der nur notdürftig reparierten Windanzeige nicht gut funktioniert, nun auch noch damit zu kämpfen, dass sein AIS aussetzt und er vor allem nachts den Verkehr um sich herum erst im letzten Moment, nur in etwa ein bis zwei Meilen Abstand, sehen kann. Schlimmer noch: Er ist auch nicht sichtbar für die anderen Schiffe. Nicht gerade gute Voraussetzungen, um ein paar dringend benötigte Minuten Schlaf zu bekommen.

Alex Thomson zum 24-Stunden-Rekord

Gestern schickte Thomson noch ein Video von Bord, in dem sich der Briten begeistert zeigte angesichts seines 24-Stunden-Rekords. Er erwähnte aber auch die technischen Probleme. Er würde bis zum Ende kämpfen, sagte er; und das ist in der Tat zu merken.

Bei der mittäglichen Live-Schaltung der Vendée-Veranstalter kam auch Alex Thomson wieder zu Wort. Der Brite klang wie ein Schatten seiner selbst, müde, sprach schon leicht schleppend. Kein Wunder, stellte sich doch heraus, dass sein Autopilot seit gestern nun gar nicht mehr nach Windeinfallswinkel fahren kann  und er nur nach Kompaßkurs stuert. Das bedeutet zusätzlichen Streß und viele wache Stunden. Sein Team Manager sagte, er sei einfach unglaublich müde und erschöpft.

Sein französischer Gegenspieler hält sich mit Videos und Kommentaren zurück, wie es typisch ist für die reserviertere Szene der bretonischen Hochseesegler. Lediglich seine etwas raue Bemerkung, er würde es vorziehen, nicht von dem "britischen Roastbeef" bis zum Schluss so unter Druck gesetzt zu werden, ließ erahnen, dass der 39-Jährige so etwas wie gestresst ist. Man redet nicht über seine Gefühle, schon gar nicht über Probleme an Bord, alles könnte ja vom Gegner zum Vorteil genutzt werden. Thomsons extrovertierte, oft fröhliche Art ist da der krasse Gegensatz.

Aber natürlich steht Le Cléac'h vor der wohlverdienten Ernte seiner über 12-jährigen Anstrengungen: Zweimal Zweiter (2008 und 2012), letztes Mal gerade mal mit knapp Stunden Rückstand auf den Sieger François Gabart.  Vor dem Rennen hat er gesagt, alles andere als ein Sieg wäre eine Niederlage. Druck hatte er also reichlich, wenn auch selbst erzeugten. Trotz der immer hoffnungsloser erscheinenden Lage Thomsons auf den Sieg könnte es aber das engste Finale aller bisherigen Vendée-Globe-Auflagen werden. 

Heute im Laufe des Tages werden beide Boote dann endlich wenden und auf direkten Kurs nach Les Sables gehen, nachdem sie wegen der Schwachwindzone, die im Weg liegt, so viele Meilen Umweg fahren mussten. Dann segeln sie wieder auf Steuerbordbug, der Seite, auf der "Hugo Boss" kein Foil mehr hat. Aus eigener Kraft dürfte es Thomson damit unmöglich sein, "Banque Populaire VIII" noch abzufangen, lediglich Probleme an Bord des Konkurrenten können den Sieg des Franzosen noch gefährden. Damit steht den beiden Skippern die letzte Nacht auf See bevor, morgen Vormittag werden sie im Ziel erwartet. Gegen Mittag um 12 Uhr sollen sie, wenn alles gut läuft, in den Kanal von Les Sables d'Olonne einlaufen. Klappt dies nicht, verzögert sich die Ankunft wegen der ungünstigen Tide wohl bis etwa 16 Uhr. 

Andreas Fritsch am 18.01.2017

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