Vendée Globe

Ein Liebesbrief aus dem Südpolarmeer

Alan Roura ist der Poet unter den Vendée-Seglern. YACHT online hat ihn schon oft zitiert, heute überlassen wir seinen Worten eine eigene Meldung

Tatjana Pokorny am 14.12.2016
Vendée Globe 2016/2017
Curutchet/Vendée Globe

Alan Roura (Schweiz)

 

 

Von Alan Roura, neun Tage vor Weihnachten. Der Schweizer liegt auf Platz 16 im Feld der im Rennen verbliebenen 22 Skipper, rechnet mit starkem Sturm und schreibt einen poetischen Liebesbrief aus dem Südpolarmeer, der gleichzeitig eine Liebeserklärung an die geliebte Freundin daheim und die Vendée Globe ist:

Vendée Globe 2016/2017

Vendée-Skipper Alan Roura (Schweiz)

Wir schreiben den 13. Dezember. Für Euch ein Datum wie jedes andere auch. Aber nicht für mich. Ich werde heute mein Herz sprechen lassen und vielleicht ein bisschen weniger über den Seegang und den Sturm sprechen, die gerade um uns herum toben.

Vendée Globe 2016/2017

Alan Rouras "La Fabrique"

Am gleichen Datum vor drei Jahren bin ich gerade in Pointe-à-Pitre eingelaufen, nachdem ich die Ziellinie des Mini-Transat 2013 gekreuzt hatte. Für mich hat dort eine Liebesaffäre begonnen. Ich weiß, dass viele Menschen meine Worte von Bord lesen und meinen Kurs mit großem Interesse verfolgen. Auf dem Wasser sind wir allein, weit weg von der Welt, haben Zeit die richtigen Fragen zu stellen. Über unsere Sehnsüchte, über unser Leben und die Art und Weise, das Boot zu führen. Und außerdem darüber, mit wem wir das alles teilen wollen.

Vendée Globe 2016/2017

Fokussierter Eidgenosse: Alan Roura

Vendée Globe 2016/2017

Spricht er mit ihr? Vendée-Skipper Alan Roura (Schweiz) glücklich

Ich war nicht immer gut zu ihr, nicht der Aufmerksamste und auch nicht der Respektvollste. Ich wusste mich in vielen Situationen nicht wie ein Mann zu verhalten. Doch seit dem Ablegen – wie an jedem Tag seit nunmehr drei Jahren – ist sie in meinem Kopf. Ich liebe es wie am ersten Tag, an dem ich sie getroffen habe. Sie war in guten wie schlechten Momenten da, wusste, wie sie mich in meinen Projekten, aber auch bei Rückschlägen unterstützen kann. Dass ich heute hier im Süden sein kann, bereit, einem hübschen Sturm zu begegnen, ist vor allem der Frau zu verdanken, der es gelungen ist, so ein Projekt zu managen. Und mich zu managen. Weil sie einen Unterschied zwischen unserer Arbeit und unserer Beziehung zu machen weiß. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an sie denke. Das motiviert mich schneller zu segeln, so sauber wie möglich zu navigieren und schneller zu ihr zurückkommen. Ich möchte, dass wir zusammen wachsen, dass jeder gemeinsame Tag ein neues Abenteuer ist.

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Kalte Umgebung, heißes Herz: Vendée-Skipper Alan Roura

Es gibt da eine Weisheit, die lautet so: "Hinter jedem großen Mann steht eine Frau." Ich bin kein großer Mann. Ich lerne einer zu sein. Sicher ist: Ohne das alles wäre ich nicht der Mann, der ich heute bin. Ich wollte Euch über diesen Menschen erzählen, denn ein Solosegler denkt viel nach, gerät manchmal in schwierige Situationen und kommt oft zu dem Punkt, Fragen über den Fortgang des Lebens zu stellen. Ich weiß nicht, ob das Seesegeln für mich eine Fortsetzung findet. Das wird nicht von mir allein abhängen. Was aber sicher und wohlüberlegt ist: Ich kann mir keinen Tag in meinem Leben ohne sie vorstellen, ich möchte alles zusammen haben. Und ich will, dass die ganze Welt das weiß. Ich bin traurig, dass ich ihr heute nicht nahe sein kann, doch mein Platz ist hier.

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Mit roter Mütze wie für Weihnachten gerüstet: Alan Roura auf "La Fabrique"

Vendée Globe 2016/2017

Der nächste Sturm naht...

Sie kannte mich vom Wasser mit Bart schon, als für mich der erste Traum gerade erst greifbar wurde. Und hier bin ich nun bei meiner größten Herausforderung! An einer Vendée Globe teilzunehmen bedeutet nicht nur, ein Hochseerennen zu segeln. Es wird moralisch jeden Tag härter: Du bist müder, weit weg von den Menschen, die du liebst, in der Kälte. Dein Körper beginnt zu begreifen, dass du ihn jeden Tag mehr misshandelst. Aber ich weiß, dass ich mich hier verändert habe. Wenn ich zurückkehre, werde ich nicht mehr derselbe sein.

Ich werde ein Mann sein, ein echter. Und ich habe meine Antworten hier gefunden, die ich an Land vielleicht niemals entdeckt hätte. Ich weiß, dass meine Worte nicht wie eine normale Meldung von Bord klingen. Aber ich musste einfach schreiben, was mir auf dem Herzen liegt. Ich musste der Welt sagen, dass ich dieses Mädchen liebe und nichts zulassen werde, das uns trennt. Und wenn ich mich hier gut verändere, dann bleibe ich dabei trotzdem ganz ich selbst. Heute wollte ich mit euch über die Liebe sprechen. Einen Traum zu erkennen, das ist absolut magisch. Aber es ist noch viel besser, wenn du ihn mit jemandem teilen kannst. Indem ich das hier alles schreibe, versteht ihr meine Geschichte vielleicht besser. Und auch, dass die Vendée nicht einfach nur ein Rennen ist. Sie ist eine Lebensschule, die uns sehr schnell wachsen lässt.

P.S.: Der Name der Frau, die der mit 23 Jahren jüngste aktuelle Vendée-Skipper Alan Roura so liebt, ist Aurélia. Cineasten mögen da an die britischen Liebes-Weihnachtsfilm "Love Actually" denken. Aurelia Mouraud ist Alans Herzdame, Projektchefin und Pressesprecherin.

Vendée Globe 2016/2017

Heiter kann der Poet auch: Alan Roura amüsiert sich auf See

Tatjana Pokorny am 14.12.2016

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