Vendée Globe

Colmans einsamer Kampf: kaum Nahrung, noch 300 Seemeilen

Conrad Colman kämpft sich dem Vendée-Ziel entgegen: Er hat kaum noch Vorräte und bei drei, vier Knoten Speed unter Notrigg noch 300 Seemeilen zu absolvieren

Tatjana Pokorny am 21.02.2017
Conrad Colman segelt Les Sables d'Olonne unter Notrigg entgegen
Conrad Colman/Foresight Natural Energy

Conrad Colman

Vendée Globe 2016/2017

Conrad Colman

Sein Gesicht ist schmal geworden, doch Conrad Colman ist nicht bereit, seinen Vendée-Kampf aufzugeben. Unter Notrigg hat der Neuseeländer noch 300 Seemeilen bis ins Ziel zu absolvieren. Er kommt mit drei, vier Knoten Bootsgeschwindigkeit nur quälend langsam voran, ist seit dem Mastbruch am 10. Februar von Platz 10 auf 14 zurückgerutscht. Ein Jäger nach dem anderen hat ihn überholt. Doch Colman kämpft. Er will die Ziellinie bei seiner Vendée-Premiere unbedingt erreichen.

Seine Bedingungen für die letzten 300 Seemeilen sind wenig beneidenswert. Die Nahrungsmittelvorräte sind nahezu aufgebraucht. Colman hatte für 100 Tage schon großzügig geplant. Doch es läuft der 105. Tag. Der Kiwi ernährt sich nur noch von den letzten Tütensuppen, kann nach der strengen Rationierung nur noch knapp 700 Kalorien pro Tag zu sich nehmen. Das ist im europäischen Winter, dem er Meile für Meile entgegensegelt, und mit Blick auf die körperlichen Strapazen seiner Tortur sehr, sehr wenig. 

Conrad Colmans "Forsight Natural Energy" nach dem Mastbruch

Das erste Bild nach dem Mastbruch: Conrad Colmans "Foresight Natural Energy" ohne Rigg

Hinzu kommt, dass Colman an Bord seiner "Foresight Natural Energy" aufgrund der langsamen Bootsgeschwindigkeit kaum Strom mit dem Hydrogenerator erzeugen kann. Was sich wiederum auf die Bordsysteme und auch auf den dringend benötigten Watermaker auswirkt. Der Mann ist mit letzten Energiereserven im Einsatz. 

Der Mastbruch hatte ihn 730 Seemeilen vor der Ziellinie in starken Winden um 30, 35 Knoten erwischt. Es hatte mehrere Tage gedauert, bis Colman in etwas ruhigeren Bedingungen das Notrigg hatte stellen können. Nun hofft der in Frankreich lebende Solosegler, die Ziellinie am Wochenende erreichen zu können. Die Platzierung ist längst nicht von Bedeutung. Hauptsache: Ankommen. Nur nicht aufgeben!

Colman hofft darauf, dass die Sonne wieder für ihn scheint, damit er zusätzlichen Strom über die Solarpaneele generieren kann. In einem ersten Gespräch mit dem Regatta-Hauptquartier hatte der Skipper erst jetzt tiefe Einblicke in sein Seelenleben nach dem Mastbruch gewährt: "Als alles runterkam, konnte ich das einfach nicht glauben. Es war ein Gefühl, als hätte ich versagt. Es war herzzerbrechend. Da sind dann diese Emotionen wie 'Mein Rennen ist vorbei'. Der Stress mit dem gebrochenen Mast. Die Segel, die gerade über Bord gegangen sind, die kosten mehr als mein Haus. Und ich habe mein Haus schon beliehen. Das macht einem ganz schön Angst. Emotional, finanziell, ich fühlte mich bei jedem Gedanken in die Ecke gedrängt."

Gleichzeitig wusste Colman, dass er nicht aufgeben würde. Er war zu weit und seinem Zuhause zu nah gekommen und hatte der Herausforderung zu viel von seinem Leben gewidmet. "Es geht darum, es zu Ende zu bringen. Ich habe meine Frau und die Wettfahrtleitung angerufen, ihnen gesagt, dass ich keine Hilfe benötigen würde. Ich würde nicht aufgeben. Ich wollte warten und sehen, was geschehen würde."

Vendée Globe 2016/2017

Ein Bild aus besseren Tagen: Hier steht das Rigg auf der "Foresight Natural Energy" von Conrad Colman noch

Die Aufräumarbeiten an Deck gestalteten sich im vier, fünf Meter hohen Schwell zunächst brutal schwierig. Doch sie ließen Colman wieder eine Art Routine entwickeln, die ihm neue Energie bescherte. "Außerdem haben mir die Menschen von draußen mit E-Mails und aufmunternden Worten sehr viel Energie gegeben", berichtet Colman. Er wird sich das Beenden seiner Mission nicht mehr nehmen lassen. Und darf sicher erwarten, dass jenseits der Ziellinie bei Ouessant Familie und Freunde vor allem eines dabeihaben werden: Essen und Trinken. Und man darf davon ausgehen, dass die ihre Helden verehrenden Franzosen dem Wahl-Franzosen Colman einen emotionalen Empfang in Les Sables d'Olonne bescheren werden.

Tatjana Pokorny am 21.02.2017

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