Vendée Globe

Coleman bangt um seinen Mast

Während die Führenden sich langsam an der Küste Brasiliens nach Norden vorarbeiten, wird das Feld im Pazifik durch viel Wind weiter dezimiert

Andreas Fritsch am 03.01.2017
Colemann
Conrad Colemann

Bangt um sein Rigg: Conrad Colemann

Es sah so nach einem perfekten Lauf aus: Tagelang war der sympathische Kiwi Conrad Coleman mit seiner "Foresight Natural Energy" mit Höchstgeschwindigkeit vor einem brutalen Sturm mit über 70 Knoten Wind geflüchtet, der ihn einzuholen drohte. Doch dann traf es ihn gleich doppelt: Um Silvester herum zeriss zunächst eins seiner Vorsegel in einer Bö, nun muss er sogar um sein Rigg bangen. Gestern scherte plötzlich der Beschlag des äußersten Vorstags am Bug ab, und mitten im Sturm mit über 50 bis 60 Knoten Wind begann sich das daran aufgerollte Vorsegel zu entrollen. Sein Boot wurde von der großen Segelfläche sofort auf die Seite gedrückt, und tatenlos musste der Skipper zusehen, wie sein Boot auf der Seite liegend in den Wellenbergen lag, bangend, dass jede Minute das nur noch von den inneren beiden Vorstagen gehaltene Rigg von oben kommt.

Colemann

Bangt um sein Rigg: Conrad Coleman

Sein Team teilt mit, er sei derweil die ganze Zeit in Trockenanzug und Lifebelt bereit gewesen, raus zu gehen und ein provisorisches Vorstag zu riggen. Aber die Bedingungen an Deck seien so katastrophal gewesen, dass er nicht daran denken konnte, das Cockpit zu verlassen. Erst Stunden später ließ der Wind so weit nach, dass es ihm gelang, ein Zwölf-Millimeter-Dyneema-Tau als Provisorium zu riggen. Coleman wartet nun, dass ihn das Sturmtief überholt und er in ruhigeren Bedingungen den Schaden in Augenschein nehmen kann. Dafür muss er auf den Mast klettern und versuchen, ein neues Stag zu montieren, ein gefährlicher Job so tief im Südpazifik. Zurzeit treibt der junge Skipper mit seinem Boot mit nur etwa einem Knoten im abziehenden Sturm. Coleman hat sich mit seinem technisch weit unterlegenem Boot trotz diverser technischer Rückschläge bis auf Platz 9 vorgearbeitet und mit tollen Videos und Berichten von Bord viele Fans gewonnen.

Zusammenfassung des 57. Renntages

Noch schlimmer erwischte es gestern den Iren Enda O'Coineen mit seinem Open 60 "Kilcullen Voyager", wie er von Bord berichtet: "In einer schweren Bö fuhr mein Autopilot eine Patenthalse und wenig später eine weitere zurück, ohne dass ich die Backstagen rechtzeitig durchsetzen konnte. So kam der Mast runter." Er musste das Rigg anschließend freischneiden und über die Seite ins Meer versenken, um sein Boot nicht zu gefährden. Der sympathische Ire, der seit dem Start mit gut gelaunten und skurrilen Videos von Bord, in denen er etwa Gedichte zitierte, viele Fans gewonnen hat, ist verständlicherweise am Boden zerstört. Er versucht nun, Neuseeland zu erreichen, wird aber heute, dürfte aber heute und morgen vom nächsten schweren Sturm erfasst werden. Mit ihm sind nun schon elf Skipper ausgefallen.

Enda O'Coineen berichtet von seinem Mastbruch

Dramatische Stunden hatte auch der Schweizer Alan Roura zu überstehen, der auf Platz 13 segelnd mit seiner "La Fabrique" gestern im Laufe des Abends Treibgut rammte. "Ich segelte in 30 Knoten Wind, als es plötzlich einen lauten Knall gab und das Boot zum stehen kam. Ich lief nach draussen und konnte noch das abgerissene Steuerbord-Ruder im Heckwasser fort treiben sehen. Ich kontrollierte sofort das Boot und stand schnell im knöcheltiefen Wasser! Es begann schnell vollzulaufen. Ich habe dann das Groß runtergenommen und mit dem backstehenden J 3 und dem Kiel auf der anderen Seite "La Fabrique" auf 60 Grad gekrängt." Der Wind wehte mittlerweile mit 40 bis 45 Knoten und es herrschten 6 Meter Seegang. Mit 23 Jahren der Youngster im Feld, reagierte er erstaunlich cool, schloß das wasserdichte Abteil am Heck und begann sofort das zum Glück mitgeführte Ersatzruder samt Halterung zu montieren. Das gelang ihm, der Wassereinbruch ist gestoppt, aber die Situation dennoch schwierig. "Das Wasser hat ein ziemliches Chaos angerichtet, alles ist naß, ich habe keine trockene Kleidung mehr. Der Bordcomputer stand unter Wasser und ist defekt, zum Glück habe ich Ersatz an Bord.Mein Rennen gegen die Anderen ist aber vorbei. Ich brauche Zeit für Reparaturen, damit ich mein Boot heil nach Les Sables bringen kann. Ich werde nach Norden ablaufen, um ruhigeres Wetter zu finden."

An der Spitze des Rennens konnte Armel Le Cléac'h sich wieder etwas von Alex Thomson absetzen, er führt nun mit 151 Seemeilen und ist etwas schneller unterwegs. Der Franzose wird die stabileren Passatwinde früher erreichen, dürfte den Vorsprung also noch weiter ausbauen. Allerdings entwickelt sich auf ihrer Route gerade eine kleine Schwachwindzone vom St.-Helena-Hoch, die sie heute und morgen noch etwas aufhalten könnte. Davon profitierte bislang massiv Jérémie Beyou, der mit seiner "Maitre Coq" bis auf 540 Seemeilen an Thomsons "Hugo Boss" herangefahren und zurzeit zehn Knoten schneller ist als der Engländer. Allerdings dürfte auch er in den Hochdruckausläufer vor ihm in den nächsten Tagen wieder langsamer werden.

Alex Thomson bleibt aber mit etwa einem halben Tag Abstand zu "Banque Populaire VIII" weiter in Schlagdistanz. Er dürfte nun hoffen, dass sein französischer Rivale in den Doldrums für ein paar Stunden steckenbleibt, um die Lücke so weit zu schließen, dass er um den Sieg kämpfen kann.

Zum Race-Tracker geht es hier

Stand des Rennens

Stand des Rennens heute Morgen um 9 Uhr

Andreas Fritsch am 03.01.2017

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online