Bordbuch der "Meltemi"

Schon wieder Flautensegeln

YACHT-Chefredakteur Jochen Rieker berichtet von Bord der "Meltemi"

Jochen Rieker am 23.06.2003

10. Tag auf See, 09:16 Uhr Bordzeit (MEZ minus 4 Std.), Position 43 Grad 23 N 044 Grad 22 W, Kurs 060, Wind 0 bis 1 Bft, Speed 0 bis 6 Knoten, Groß und Spinnaker (medium). Es gibt bekanntlich einige Besonderheiten beim Segeln. Manche sagen, dass sich deshalb so relativ wenige Menschen an diesen Sport verlieren. Und dass diejenigen, die die Mühsal auf sich nehmen, meist lange dabei bleiben, nur um nicht hinterher blöd dazustehen, nach dem Motto: "Siehste, hab ich dir ja gleich gesagt, Golfen ist besser."

Eine dieser Besonderheiten ist, dass man zum Segeln Wind braucht, wenigstens einen Hauch. Leider muss er auch noch aus der richtigen Richtung kommen. Denn gegen den Wind ist wie mit dem Kopf durch die Wand. Und vor dem Wind ist auch irgendwie blöd. Man dümpelt so dahin, wenn es nicht ordentlich von achtern bläst, muss komische, Luftballon-ähnliche und meist genauso quietschbunte Segel bändigen, die vor dem Mast hin und her tanzen.

Schlimmer als das ist nur noch, wenn kein Wind von hinten kommt, dafür aber eine alte kabbelige See steht. Die Wellen lassen dann das Schiff und alle daran angeleinten Tücher, sogar die schmutzigen Geschirrtücher an der Reling, willenlos und wirkungslos herumzappeln. Meine kleine Tochter Marie, sie ist zweieinhalb, findet das lustig. Manchmal, wenn wir bei einem Wochenendtörn nur ein paar Seemeilen bis zur nächsten Ankerbucht haben, finde ich das auch lustig (okay, nur wenn ich mich sehr zwinge, aber ich fluche wenigstens nicht).

Auf diesem Törn liegt unsere nächste Ankermöglichkeit bedauerlicherweise noch etwa 2500 Seemeilen entfernt. Und außerdem haben wir nicht nur keinen Wind aus der falschen Richtung mit einer kabbeligen Rest-See vom Sturm vorgestern. Das könnte einen ja auf den Gedanken bringen, ein bisschen Schwimmen zu gehen, solange wir noch im Golfstrom sind. Vielleicht würde der eine oder andere auch der Vision von einem Gin Tonic verfallen, ohne Eis zwar, aber mit dieser ja durchaus beruhigenden Wirkung.

Doch nein, nein! Wir segeln auch noch eine Regatta. Und das kommt an einem Tag wie diesem dem Versuch nahe, schwimmend die schottische Küste zu erreichen.

Es gibt für solche Momente natürlich Sinnsprüche, die dann gern zitiert werden. Segler haben für alles Sinnsprüche. Einer lautet: "In der Flaute werden die Rennen gewonnen." Ein anderer: "Wer als Erster aus der Flaute rauskommt, kriegt auch als Erster wieder Wind."

Mich erinnert das an die Sprüche der Aktienhändler ("Greife nie in ein fallendes Messer") oder der Fußballtrainer ("Ein Spiel dauert 90 Minuten"). Sie stimmen immer und nie. Bestenfalls bescheißen sie einen über die Widrigkeiten der aktuellen Lage hinweg. Und wenn man sie ganz oft vor sich hinsagt, glaubt man womöglich einen Moment daran und versucht das Ausweglose.

Wir sind jetzt im Bereich der Sprüche. Und tun, was vernünftige Menschen sonst im Leben nie tun würden: Trimmen Segel auf den Verdacht einer Schein-Bö hin — statt uns ins Cockpit zu lümmeln und die durchaus erstaunlichen Bestände von Gin und Tonic Water zu dezimieren, die noch in den Kellergeschossen der "Meltemi" lagern.

Muss deshalb dringend aufhören. Eben will Anna einen Rechtsdreher gesehen haben, und Joachim wähnt die Konkurrenz, die wir im Laufe der Nacht wieder eingeholt haben, endgültig geschlagen. Ich wünsche mir jetzt nichts mehr als sieben weitere Versuche, einen unserer Leichtwind-Spis zum Stehen zu bringen. Acht haben wir seit letzter Nacht schon hinter uns. Bevor ich offline gehe, aber noch ein neuer Sinnspruch für Segler: "Jede Flaute birgt auch eine Chance." Und wenn es nur eine Gelegenheit ist, seinen gesunden Sarkasmus wieder zu finden…

Noch ein letzter Gedanke: Wenn nicht auf jede Flaute ein Sturm folgt, brauchen wir noch 25 Tage bis Hamburg — zumindest nach unserem bisherigen Durchschnitt zu urteilen. Eigentlich sollten wir daraufhin unsere Lebensmittel rationieren. Und die Sprüche. Unvorstellbar, was geschähe, wenn uns die Durchhalteparolen ausgehen.

Jochen Rieker am 23.06.2003

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online