Mini-Transat

L'esprit Mini – Teil 2: Was die Führenden auszeichnet

Jan Heinze am 09.10.2017

Der 36-jährige Ian Lipinski segelt seit sechs Jahren im Mini-Zirkus. Er gilt als einer der erfahrensten Mini-Segler überhaupt und hat über 20.000 Seemeilen Regatta(!)-Erfahrung in der Klasse, von Trainingsmeilen ganz zu schweigen. Er gilt als absoluter Gewinnertyp und wäre ganz sicher bereits auf dem Mini-Transat 2013 in Podiumsnähe gesegelt, wäre er nicht bereits auf der ersten Etappe vor der portugiesischen Küste in schwerer See brutal durchgekentert. Glücklicherweise konnte er damals unverletzt von seinem vollkommen zerstörten Boot abgeborgen werden.

Was eventuell für den einen oder anderen Grund genug gewesen wäre, keinen Fuß mehr auf eine 6,50 Meter lange hochseetüchtige Jolle zu setzen, schüchterte einen wie Lipinski jedoch nicht ein. In geradezu stoischer Manier hakte er den Zwischenfall ab, war im ersten Rennen der neuen Saison mit einem neuen Boot wieder im Feld und gewann am Ende des zweijährigen Zyklus das Mini-Transat 2015 furios.

Seither ist der Mann kein Geheimtipp mehr und kann in Folge auf den unstrittig leistungsstärksten und eventuell auch teuersten Prototypen auf dem Markt umsteigen. Seitdem gewann Ian Lipinski in den Mini-Saisons 2016 und 2017 jedes einzelne Rennen. Jedes! Einzelne! Rennen! An ihm und seiner "Maximum" mit der Bootsnummer 865 kommt keiner vorbei. Er ist der Goldstandard. Bis jetzt.

Doch nun hat ihm Arthur Léopold-Léger die Führung abgejagt, mit einem älteren Boot. Er liegt heute früh knapp 15 Seemeilen vor Lipinski, der fast 40 Seemeilen östlicher segelt. Und bis zum Etappenziel sind es keine 150 Seemeilen mehr. Ein normales Spitzenduell? Ich finde nicht! 

Mini-Transat 2017

Packender Zweikampf an der Spitze der Proto-Klasse: Kann Arthur Léopold-Léger den Topfavoriten Ian Lipinski in Schach halten?

Denn auch Arthur hat auf dem Mini-Transat 2013 einen wirklichen Ausnahmemoment erlebt, als es ihn noch in der Biskaya in schwerer See beim Ausreffen der Genua vom Vorschiff reißt. In Luv neben seinem Boot hängend, das mit 16 Knoten unter Groß, Vorsegel und Code 5 durch die See prescht, wird er am Lifebelt hinterhergezerrt. Seine Rettungsweste füllt sich und hält seinen Kopf über dem kalten Atlantikwasser. Für Arthur beginnt ein Überlebenskampf.

Erst nach vielen Versuchen kommt er an die Fernbedienung seines Autopiloten, welche unter den Auftriebskörpern seiner Rettungsweste eingeklemmt ist. Panisch steuert er sein Boot in und schließlich durch den Wind, und mit einem Mal liegt er in Lee seines aufgestoppten, aber vollkommen zur anderen Seite getrimmten Minis und wird von seinem Lifebelt immer wieder unter Wasser gezogen.

Erst durch das Umpicken der Enden des Lifebelts kann sich Arthur an das Heck seines Bootes ziehen. Aber die Kälte und die Anstrengung haben ihn bereits so sehr geschwächt, dass er nicht mehr über den vorgeschriebenen Tritt an Bord kommt. Er findet eine Backstagsklemme in Griffweite am Heck und öffnet sie, in der Hoffnung, damit Druck aus dem auf dem Backstag liegenden Groß zu nehmen. Stattdessen bricht sein gesamtes Rigg. Arthur öffnet den Notausstieg und zieht die Rettungsinsel heraus, um über die Luke in sein Boot zu gleiten. Mit der aufgeblasenen Rettungsweste kommt er jedoch weder durch das Luk, noch kann er die Weste in fast fünf Meter Welle ablegen. Da merkt er, dass sein Boot durch die offene Luke so viel Wasser gemacht hat, dass er mit einer Welle bäuchlings über die Reling gleiten kann und im halb überfluteten Cockpit landet.

Er aktiviert sein Epirb und die Bake der Rennleitung. Wenige Stunden später ist er stark unterkühlt, geschwächt und geschockt an Bord eines Begleitbootes. Er ist unverletzt und nach kurzer Zeit wieder im Besitz seiner Kräfte. Aber wäre er nicht eingepickt gewesen, hätte die Rettungsweste seinen Kopf nicht über Wasser gehalten; hätte er keinen Trockenanzug gegen die Kälte getragen; hätte er keine Fernbedienung für seinen Autopiloten um den Hals gehabt – der Vorfall hätte eine ganz andere Wendung nehmen können.

Es sind also zwei Skipper an der Spitze der Proto-Klasse, denen es wahrlich nicht an Leidenschaft und Durchhaltevermögen mangelt. Ihre Willenskraft und Robustheit gegen Rückschläge ist enorm. Ian Lipinski und Arthur Léopold-Léger werden auf des Messer Schneide um den Etappensieg kämpfen. Wer hat die bessere Ausgangsposition? Wer kommt besser mit dem leichten Wind klar? Wer kann bis zum Schluss jede kleine Bö in Vortrieb umsetzen? Es wird ein packendes Finish!

Ganz anders eine Szene am Ende der Flotte, die für mich mit einem kurzen Facebook-Post auf der Seite des Mini-Transat ihren Anfang nahm. Am 4. Oktober um 11:08 Uhr schreibt die Rennleitung: 

"Dem Skipper Julien Mizrachi mit der Bootsnummer 832 ist der Mast gebrochen. Er hat keine Hilfe angefordert und läuft unter Notrigg La Coruña an."

Wessen Mast bricht, der hat nicht mehr viele Optionen. Man kann mit allen Mitteln versuchen, ein Notrigg zu stellen und an die nächste Küste zu segeln. Passiert das Unglück nahe des Zielhafens, gibt es vielleicht eine Chance, das Rennen zu beenden. Das Rennen kennt einige solcher Geschichten. Verliert man seinen Mast jedoch nur 300 Seemeilen nach dem Start, noch rund 1.000 Seemeilen vom Etappenziel Gran Canaria entfernt, dürfte sehr schnell jede Hoffnung schwinden.

Denn abgesehen von der Frage, wie man in einem unbekannten Hafen einen gebrochenen Mast reparieren oder gar austauschen soll, bliebt einem hierfür auch nur sehr wenig Zeit: Die Regeln erlauben das Anlaufen eines oder mehrerer Nothäfen, begrenzen den Aufenthalt jedoch in Summe auf maximal 72 Stunden. Wer nach Ablauf dieser Zeit nicht wieder auf See ist, wird disqualifiziert.

So muss man in dieser Situation bereits beim Anlaufen des Nothafens davon ausgehen, dass ein persönlicher Mini-Transat-Traum sein Ende finden wird.

Doch dann lese ich einen kurzen Post auf einer inoffiziellen Mini-6.50-Facebook-Seite, einer geschlossenen Gruppe praktisch aller aktiven und ehemaligen Mini-Segler:

"Salut les ministes, qui aurait un gréement de Nacira 6.5 (FR Nautisme) à vendre pour le 832?"

"Hallo Mini-Segler, wer hätte ein Rigg für die 832?" Armand De J am 4. Oktober um 13:46 Uhr.

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Jan Heinze am 09.10.2017

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