Mini-Transat 2017

Junge, komm bald wieder – vom zähen Ende der ersten Etappe

Die Nachhut der Solo-Skipper ist jetzt schon fast zwei Wochen unterwegs. Mini-Transat-Finisher Jan Heinze über die Leiden der Letzten und die Freuden der Frühen

Jan Heinze am 13.10.2017
"Erstmal nur gelacht" – Oliver Tessloff nach dem Zieldurchgang
Mini-Transat/C. Breschi

Die erste Etappe des Mini-Transat 2017 geht in die Annalen ein – wie eigentlich jede erste Etappe und auch jede zweite Etappe des Rennens. Irgendwie kann es bei solchen Distanzen und Seegebieten auf diesen besonderen Booten keinen Standard geben.

Diesmal war es insbesondere ein riesiges Leichtwind- und über lange Phasen auch Flautengebiet im letzten Drittel der Strecke, die den 82 Seglerinnen und Seglern hartnäckige Aufgaben gestellt hat – und immer noch stellt. Denn am heutigen Freitagnachmittag sind nach immerhin 13 Tagen noch elf Frauen und Männer auf See.

Nach Profi Jörg Riechers hat Donnerstagfrüh auch der zweite deutsche Teilnehmer, Oliver Tessloff, die Ziellinie vor Gran Canaria übersegelt. Er belegt damit einen sehr guten 13. Platz in der Serienbootwertung und hat heute am Freitag das erste Mal etwas Abstand und Luft, mit mir über sein Rennen zu sprechen.

"Oli, wie war´s?", frage ich ihn. Ganz simpel, eigentlich. Doch seine Reaktion spricht Bände: Er lacht. Er will eigentlich antworten. Aber kaum ein Wort bekommt er raus, er lacht nur und kann erst nach einigen Momenten seine Gedanken sortieren.

"Eigentlich ist es super gelaufen. Obwohl, oh Mann! Das Kap Finisterre war hart. Ich meine, du weißt ja, dass für mich der Wettkampf an erster Stelle steht. Trotzdem ist mir dann am Kap klargeworden, was diese Ecke bei mir für einen mentalen Eindruck hinterlassen hat. Ich hatte mich so gut vorbereitet, und dennoch hat sich dann die Aufregung plötzlich heftig durchgesetzt. Ich musste da nachts bei 25 Knoten Wind und fieser Welle rum. Und dann diese Navigation. Ich bin seit 20 Jahren nicht mehr seekrank gewesen. Aber dann ging plötzlich gar nichts mehr. Der Spi musste runter. Ich musste mich erholen."

Nach und nach wirkt Oliver etwas gefasster am Telefon. Man merkt, wie er zurückblickt auf elf Tage auf See. Auf die Stunden am und hinterm Kap Finisterre. Dann erzählt er weiter:

"Als ich ein bisschen Abstand zum Kap hatte, wollte ich wieder Vollgas geben. Ich habe den großen Spi gesetzt, und es waren echt perfekte Bedingungen für meine Pogo 3. Aber Mann! Seit zwei Jahren habe ich keinen einzigen Schaden durch falsches Handling an meinem Boot verursacht. Und dann geht mir bei einem Manöver der Spi ins Wasser und reißt meinen Spibaum gleich mit in die Tiefe. Es war ein großes Chaos in 25 Knoten Wind und Welle.

Ich konnte den Spi zwar zurück an Bord kriegen, aber mit einem wirklich riesigen Riss am Hals. Für den Baum hatte ich mein Reparatur-Set dabei. Aber es hat einen halben Tag gedauert, bis ich mit einer winzigen Metallsäge die verbogenen Enden durch hatte und das Ganze stabil schäften konnte. Und die Stunden danach, dann mit dem kleinen Spi am Baum, waren auch echt scary. Du weißt halt nie, ob deine Reparatur hält.

Was den großen Spi angeht, war an eine Reparatur nicht zu denken. Alles war nass! Der Spi, das Boot von innen und außen, ich, einfach alles. Wie soll ich dann das Tuch patchen? Ach ja, und in der ganzen Aktion habe ich mir auch noch den Daumen ausgekugelt. Hat nur kurz weh getan, und er stand etwas komisch ab. Ich war so voller Adrenalin, dass ich nur mal kurz am Daumen gezogen habe – und plopp, war er wieder drin. Nicht so gut, aber zum Glück anscheinend auch nicht richtig schlimm. Ich gehe hier mal damit zum Arzt."

Es ist unglaublich, mit den Seglern zu sprechen, wenn sie gerade erst ein paar Stunden an Land sind. Sie sprudeln wie eine mit Abenteuern und Erlebnissen überladene Batterie.

Und Oli hat anscheinend einiges erlebt. Den großen Spinnaker konnte er ein paar Tage später im trockenen Wetter der Flautentage wieder reparieren und hat damit eine erstaunliche Aufholjagd gestartet. Er lieferte sich Boot-an-Boot-Rennen mitten auf dem Ozean und versuchte Ausbrücke aus kleinen Pulks. Aber der Mann, der über die gesamte Saison schon starke Leistungen gezeigt hat, muss auch erkennen, dass "die Luft an der Spitze echt wahnsinnig dünn ist". Die Bootsgeschwindigkeiten der Pogo 3  liegen "bis auf Zehntelwerte zusammen". Da kommt es auf perfekte Entscheidungen und den richtigen Umgang mit dem Schlaf an.

Dennoch gibt er sich kämpferisch: "Ich bin weniger als zwei Stunden nach dem 10. angekommen." Sein Ziel bleibt bestehen: bis in die Karibik ein Rang unter den ersten zehn.

Vom Glück des Ankommens können die beiden anderen Deutschen, Lina Rixgens und Andreas Deubel, momentan nur träumen – sofern sie zum Träumen noch die Energie aufbringen.

Seite 1 / 2


Jan Heinze am 13.10.2017

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online