Bordbuch der "Hansa"

Im Dauergalopp Richtung Vogelinsel

YACHT-Redakteur Matthias Beilken berichtet von Bord der "Hansa"

Matthias Beilken am 24.06.2003

12.55 (MESZ), Pos. 5009,991N/3543,055W, COG 65 Grad, Großsegel, Genua 3, 30 Knoten Wind, Temperatur 12 Grad, momentaner Speed: 12 Knoten. Etwas raue, aber ideale Bedingungen beschleunigen "Hansa" schnell gen Osten. Erste Blessuren.

In jugendlichem Leichtsinn - und zu solchem bekenne ich mich hier - übersieht man oft den Wert der ärztlichen Versorgung an Bord. Es ist wirklich beruhigend, wenn die Messe innerhalb von Minuten in ein Krankenlager umgebaut werden kann, das halbwegs professionell aussieht.

Uli wird das bestätigen können. Bei seiner letzten Amtshandlung des Tages, dem Ausklinken des Spinnakers an der Spibaumnock, ist es passiert: Der Ausklinkkeil ("Diller") rammte in seine Hand. Er kletterte von seiner sehr exponierten Position an Deck, unter Deck und dann war Bordarzt Niemeier dran. Dass der gleich Handschuhe, Spritzen und Kanülen zwecks örtlicher Betäubung hervorkramte, dürfte Uli nicht gleich behagt haben. Dass er anästhesiert genäht wurde, aber schon. Wirklich beruhigend, wenn so versorgt werden kann.

Aber von vorne. Das Bergfest auf unserer "Hansa" fiel erstmal aus. Besser gesagt: Es fand eher in unseren Köpfen statt. Die grob ermittelte Position (das Passieren des 48sten Breitengrades) erreichten wir fast unbemerkt während der Vormittagswache. Dass etwas Besonderes anlag, bemerkten wir nur, weil Julia (unsere Seerechts-Expertin. Sollten hier auf dem Ozean mal juristische Fragen wichtig werden, wären wir gut gewappnet) mittags eine volle Dose Cola mit an Deck brachte. Die ging in die Runde, einen Extrakeks gab es auch noch und dann ging es weiter mit der Tagesordnung.

Und auf der stand haariges Spinnakern. Laut Meeno Schrader, unserem Wetterrouter an Land, hat sich nördlich von uns an der Kaltfront eines abziehenden Tiefs ein Trog gebildet, der uns erlaubt, einfacher mit dem System zu ziehen. Außerdem seien wir in diesem Windband so positioniert, dass wir von allen Teilnehmern am meisten von diesem Extra-Druck hätten. "Die Reichen werden reicher", nennt auch er dieses Phänomen. Wenn man gerade reich ist, hört man so was gern.

An Bord übersetzte sich der Extra Druck in Extra-Extra Druck. Zuerst ging es unter Spinnaker (dem kleinen, etwa 80 Prozent großen) und einem Reff zügig und entspannt voran. Eigentlich nie mit weniger als 11 Knoten. Doch irgendwann lagen die Toppspeeds dann doch zu häufig um die 17 Knoten herum (ich schaffte immerhin Topscore 17,9) und der Wunschkurs war nicht mehr zu halten. "Jetzt müssen wir das Spielzeug wohl einpacken", beschloss Skipper Arno Kronenberg. Und so kam es, dass Vorschiffsmann Uli zur Spibaumnock klettern musste, um das Segel auszuklinken. Und später unter Deck genäht werden musste. Die Sause war nun vorbei. Auf einem höheren Kurs schaffte "Hansa" aber auch so locker zehn Knoten. Und am Ende des Tages, in unserem Fall Mitternacht, stand ein Rekordetmal von 263 Seemeilen im Logbuch.

Ach ja. Und ein Spifall ist gebrochen. Wibke Sanders aus Hamburg, unsere zweite Segeldame, stand gerade am Ruder, als es knallte und das große blau-weiße Laken einfach flatternd von oben kam. Eigentlich direkt vom Ende der Fahnenstange  -im wörtlichen Sinne. Wie auf einer Jolle oder bei einem Regatta-Fall-los-Manöver haben wir es aber geborgen und am zweiten Fall wieder gesetzt. Das gebrochene, etwas altersschwache Tau, fahren wir jetzt als Außenfall am Mast.

Dass es deutlich kälter wird, wir definitiv die höheren Breiten des Nordatlantik erreicht haben, merken wir am Abwasch: Das erledigen wir mit Seewasser und das kommt verdammt kalt aus dem Hahn unter Deck. Aus der Ferne sahen wir mehrere Wale. Und aus der Nähe Unmengen von eher putzigen, gedrungenen Vögeln, die unserer X-612 ziemlich ungeschickt auswichen. "Moorhuhnschießen" nennen wir dieses Hindurchstieben an deren Schwärmen vorbei.

Apropos Vögel: Der US-Racer "Zaraffa" fährt über 700 Seemeilen voraus. In etwa zwei Tagen wird er bereits Fair Isle runden und den Atlantik achteraus lassen. Das ist zwar happig und ein Rennen, das gar keins ist. Aber den Anblick der berühmten Vogelinsel gönne ich den Cracks. Und den vieler Papageientaucher. Denn der "Puffin" dieser entenartige buntschnabelige Vogel ist das Wahrzeichen der Insel.

Matthias Beilken am 24.06.2003

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