REKORDFAHRT

Herrmann denkt schon an Kap Hoorn

Müde Männer an Bord der "Maserati". Aber die Zwischenbilanz ist "fantastisch", sagt der Oldenburger in seinem Exklusiv-Blog für YACHT online

Jochen Rieker am 12.01.2013
Maserati Rekord Boris Herrmann

Auf Rekordkurs: Boris Herrmann und Crew auf dem modifizierten Volvo 70 "Maserati"

"Bis 25 Grad Süd segeln wir noch im Regime der Passatwinde und großer Hitze, dann wird es wieder trickreicher. Etwa bei 35 Grad Süd erwarten wir eine Kaltfront-Passage: die Polarfront, die typischerweise dort zu finden ist und an der entlang Tiefdruckgebiete entstehen und dann in den Southern Ocean herunterziehen. 

Diese Gebiete der sogenannten Zyklogenese sind nicht gerade die goldenen Zonen der Zuverlässigkeit der computergenerierten Wettervorhersagen. Die Modelle kommen viel besser mit den Hochdruckgebieten in dieser Region klar, da sie weniger dynamisch sind. Wo und wann genau die kleinen Tiefs vom Norden Uruguays abspringen und auf See rauskreiseln, werden wir erst kurz vorher sehen.

Also geht es erstmal geradeaus, bis wir näher in diese Zone kommen. Wenn die Front aktiv ist und Wind gegen den Brasilstrom steht, kann es mitunter rau werden. Aber ich gehe an sich davon aus, dass wir uns wegen Stürmen erst in der Region ums Kap Hoorn Gedanken machen werden.

Gutes Wetter für die Rundung von Kap Hoorn?

Mit den GFS-Daten (amerikanisches Wettermodell, die Red.) können wir momentan fast bis zum Äquator auf der anderen Seite Südamerikas routen. Voller Neugierde schauen wir uns die möglichen Kurse ums Hoorn an. Klar, es ist jetzt nur Spekulation – so weit im Voraus. Aber seit ein paar Tagen sagen beide Modelle, Euro und GFS, dass wir mit einer Hochdrucksituation um die Südspitze Amerikas kommen könnten. 

Maserati Rekord Boris Herrmann

Gut im Rennen um die Zeit: Aktuell liegt "Maserati" 1400 Seemeilen vorm Rekord – und kreuzt bald den Kurs der Vendée-Flotte

Das wäre genial, denn die vorherrschenden Südwest-Winde liefen genau gegenan und sind in der Regel stark, gefährlich: kanalisiert an den Anden, die See wild am Kontinentalschelf. Da bliebe uns nur die Möglichkeit eines Schlages nach Südwest in den Southern Ocean raus, ins Kern des Tiefs, um es vorbeiziehen zu lassen. Oder wir warten gleich hinter Argentinien. Doch viel mehr hoffen wir, dass wir ohne ein großes Tief ums Hoorn schlüpfen können.

Wenn wir gut bis dahin und herum kommen, schauen wir wieder auf die Zeit von "Gitana11", die den absoluten Rekord von 43 Tagen hält. Die bisherigen Leistungen deuten darauf hin, dass es möglich ist, diese Zeit zu schlagen.

Meine Mannschaft scheint mir etwas erschöpft, alle Wachfreien schlafen, und mein Watchmate ist etwas krank. Die Stimmung tagsüber ist dennoch super entspannt und gesprächig, es wird viel gelacht. Ein Verdienst des passioniert-herzlichen Laissez-faire-Führungsstils von Giovanni (Soldini ist Skipper der "Maserati", d. Red.).

Seine größte Herausforderung ist, die Stimmung im Team hochzuhalten, und darauf liegt auch sein Fokus. Der Antrieb der Mannschaft kommt von anderen, von innen. An sich treiben alle auf ihre Art, und das ist auch gut so, wenn der Drive natürlich vom Team kommt und nicht von außen.

Es ist auch ein Verdienst jedes einzelnen. Wir haben eine Handvoll wirklich interessanter Leute an Bord, und ich spüre, dass alle wegen der Leidenschaft hier sind. Kameraderie ist ein Teil davon. Es funktioniert, und es kann so weitergehen. Ich weiß auch, wie schnell aus den guten Mienen böse Zungen werden können. Wir haben ein Viertel geschafft und haben den schwersten Teil noch vor uns.

20 Knoten als Marschfahrt sind fast immer drin. Und fordern gutes Festhalten

Die Zwischenbilanz ist aber schon mal fantastisch. In neun Tagen zum Äquator mit 15 Knoten Schnitt. Eine extrem flüssige Passage der Doldrums. Einzig in den Rossbreiten haben wir etwas mehr Zeit verloren als erhofft. Für "Maserati" scheinen 20 Knoten so eine gewohnte Arbeitsgeschwindigkeit zu werden, eine Art Grund-Speed. Immer wieder rauscht dabei ein Schwall Wasser über Deck, wenn wir eine der flachen Wellen anschneiden.

Ansonsten haben wir heute die genialsten Bedingungen des Rennens bislang. Im Schatten der großen Segel surfen wir über eine blaue flache See. Wenn ich in zwei Stunden an Deck gehe, nach einem kurzen Nickerchen gleich, kann ich wieder diesen Sternenhimmel bewundern. Die Sterne helfen außerdem beim Steuern. 

Ich sollte eigentlich wieder schlafen, mache ich auch gleich. Versuche mich dann in dieser Hitze auf meinem
feinen Rohrkojennetz gegen die ruppigen Schiffsbewegungen festzukeilen. Um mich, um die Navi-Station herum, ist es stockfinster im Schiff. Trotz Musik in den Ohrhörern höre ich das Wasser am Rumpf zischen. Die rasche Fahrt erfüllt das Boot mit einer positiven Energie und Lebenskraft. Etwas gerührt lese ich den Bericht meines Daddys, der vor ein paar Wochen auf dem Atlantik sein Ruder verloren hat: erscheint im übernächsten YACHT-Heft, wurde mir gesagt.

Gegen die Trägheit aus Hitze und Müdigkeit sollte ich jetzt noch mal nach vorne klettern, um einen Happen zu essen. Es gibt Couscous mit gefriergetrocknetem Fleisch. Auf dem Weg werde ich mich gut festhalten müssen, denn wer auch immer da draußen gerade steuert, schert sich um uns hier drin einen ... ."
 

Jochen Rieker am 12.01.2013

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