Mini-Transat 2017

Flauten, Fuck-ups, Frust – alles Kopfsache

Andreas Deubel bekommt auf der ersten Etappe die ganz große Prüfung gestellt. Erst kurz vorm Ziel findet er seinen Frieden mit dem Rennen. Jan Heinze berichtet

Jan Heinze am 14.10.2017
Geschafft, aber geschafft! Andreas Deubel im Ziel von Las Palmas
Mini-Transat/C. Breschi

Ich muss an eine Aussage von Conrad Colman denken. Als der Neuseeländer im Frühjahr dieses Jahres so spektakulär, wie es nur möglich ist, unter Notrigg seinen Imoca 60 über die Ziellinie der Einhand-Um-Die-Welt-Regatta Vendée Globe segelte, waren seine ersten Worte:

"Der Segler, der ich am Start war, wäre nicht in der Lage gewesen, diese Regatta erfolgreich zu beenden. Zum Glück ist das Rennen lang. Man wächst an seinen Aufgaben. Man entwickelt sich als Mensch und als Segler weiter, um die Prüfungen, die vor einem liegen, zu bestehen."

Rückblick: März 2017. Talamone in Italien. Für die einen ein wirklich hübsches Hafenstädchen nahe Rom. Für andere der Austragungsort eines der ersten Mini-Rennen der Saison. Talamone ist Start- und Zielhafen des Mini Archipelago Race, einer mit 160 Seemeilen relativ kurzen Regatta, die zweihand gesegelt wird. Und ich bin der Glückspilz, den Andreas gefragt hat, ob ich ihn als Co-Skipper begleiten möchte.

Es war ein tolles Rennen, mein erstes nach dem Mini-Transat 2015. Typische Mittelmeerbedingungen mit Wind meist unter 10 Knoten, mit vielen Stunden in der Flaute und ein paar Stunden in über 35 Knoten katabatischen Fallwinden. Andreas und ich kennen uns eigentlich noch nicht so lange, auch wenn das Mini-Segeln natürlich stark verbindet. Auf jeden Fall kann man sich in 24 gemeinsamen Stunden auf einem 6.50 Meter kurzen Boot ganz gut kennenlernen. Und zwei Dinge sind mir dabei an Andreas aufgefallen:

Zunächst einmal ist er ein wirklich anspruchsvoller Regattasegler. Kein Wunder, bei seiner ziemlich erfolgreichen seglerischen Vita in verschiedenen Jollenklassen. Aber es war für mich ehrlich gesagt auch wirklich auffällig, wie ehrgeizig und zum Teil schon fast verbissen er das Boot an der Spitzengruppe halten wollte. Kein Platz wird hergegeben, keine Nachlässigkeit an der Pinne toleriert. Mir gefällt das. Wahrscheinlich ist das ohnehin eine Grundvoraussetzung, um sportliche Erfolge zu erringen.

Noch auffälliger war für mich allerdings – und dies ist der zweite Aspekt – , wie sehr Andreas die verschiedenen Flauten zugesetzt haben, in denen wir auf diesem ja verhältnismäßig kurzen Rennen steckten. Ärger ist schon fast untertrieben, Wut wäre passender. Es gab durchaus Momente, da habe ich ihn lieber beobachtet als angesprochen – so erregt und bebend war er ob der widrigen Bedingungen.

Natürlich haben wir nach dem Rennen darüber gesprochen. Über mentale Fragen. Über den womöglich richtigen Umgang mit psychischem Stress. Über eventuell verschwendete Energie. Bewerten kann und will ich das nicht. Jeder muss seinen Weg finden. Aber irgendein Konzept sollte man haben, mit schwierigen Momenten auf See umzugehen, denn ein Transat ist nicht 160 Seemeilen lang, sondern über 4.000 Seemeilen. So oder so: Insgeheim habe ich Andreas auf dem Heimflug möglichst wenig Flauten auf seinem anstehenden Mini-Transat gewünscht.

Und jetzt das! Andreas beendet die erste Etappe als 52. Rumms!

Er hat im Grunde nicht viel falsch gemacht. Na gut, natürlich wäre hier und da ein alternativer Kurs besser gewesen. Aber das sagt sich so leicht von Land aus, mit detaillierten Wetterprognosen. Ich glaube, man darf in Andreas’ Fall von wirklich ausgereiftem Pech sprechen, denn er ist wirklich in jede noch so kleine Flaute dieses flautenreichen Rennens gefahren, die man sich nur aussuchen konnte.

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Jan Heinze am 14.10.2017

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