Mini-Transat 2017

Flauten, Fuck-ups, Frust – Teil 2 – Das Rennen aus der Sicht von Andreas Deubel

Jan Heinze am 14.10.2017

Als wir heute früh nach seinem Landfall telefonierten, ahnte ich Schlimmes: "Wie geht es dir?", fragte ich vorsichtig. Und Andreas berichtet mir von seinem großen Rennen:

"Die Biskaya war hart, Jan. Fiese Kreuzsee. Ich bin relativ schnell seekrank geworden und bin die Übelkeit auch sicher zwei Tage nicht mehr losgeworden. Ich konnte nichts mehr bei mir halten. Ich konnte nicht einmal mehr etwas Wasser trinken.

Und dann am zweiten Tag das! Meine UKW-Antenne hat im Masttopp so gepeitscht, dass sie sich irgendwann unter dem Windgeber verklemmt und das Schaufelrad blockiert hat. Was für eine Sch... Ich kann doch nicht ohne Windinstrumente weitersegeln mit noch 1.000 Seemeilen vor dem Bug!

Schon gar nicht wollte ich ohne Windinstrumente um Kap Finisterre. Es war elend. Ich war echt fertig, und doch musste ich in den Mast. Ich hatte einen anderen Mini auf dem AIS, sehen konnten wir uns nicht, aber funken schon. Ich habe ihm gesagt: "Ich muss in den Mast. Bleibe bitte auf Stand-by. Wenn ich mich in 30 Minuten nicht melde, musst du mir vielleicht zu Hilfe kommen". Und dann bin ich da hoch. Allerdings hat allein der Aufstieg in so einer wahnsinniger Kreuzsee ewig gedauert. Unglaublich. Irgendwie schafft man das dann doch. Man muss ja auch. Was sollst du sonst machen?"

Aber das war erst der Anfang. Es ging weiter in starkem Wind um das berüchtigte Kap herum, innen am Verkehrstrennungsgebiet vorbei. Und dann kam, was ich nach unserer gemeinsamen Erfahrung von Talamone irgendwie befürchtet hatte: Flauten. Die erste gleich hinter Kap Finisterre in Landnähe. Eine große Abschattung der hohen Küste spielt Andreas einen Streich und lässt ihn in vollkommener Flaute die nur wenige Meilen weiter westlich segelnden Boote vorbeiziehen sehen – bis ihm dichtester Nebel auch noch jede Sicht nimmt.

"Echt spooky! Du siehst nichts. Gar nichts. Nur Nebel und Wassertropfen vor deiner Stirnlampe. Und null Wind." Da lag er dann erstmal viele Stunden, schon um ein paar Positionen zurückgeworfen, bis ihn der Nordost aus dem Öl zog – und ihm kurz darauf der Wetterbericht ein gigantisches Flautengebiet vor dem Bug meldet.
"Jan, du weißt ja, wie das ist. Dann sagen die dir da durch, dass auf einer Fläche von ungefähr 200 mal 300 Seemeilen wenig bis gar kein Wind mehr sein wird. Was sollst du denn dann machen? Mal eben 200 Seemeilein nach Ost oder West fahren?

Ich dachte echt, dass wird wenig werden. Aber was dann kam, das habe ich noch nie erlebt. Ich lag in Summe drei volle Tage und vier volle Nächte in Wind unter 5 Knoten oder eben totaler Flaute, mit Etmalen unter 50 Seemeilen. Nach einem Tag kann man noch ein bisschen drüber lachen. Dann führst du Selbstgespräche und hast den einen oder anderen Ausraster. Irgendwann bist du einfach nur noch fertig. Oder fatalistisch. ‚Komm, mach doch noch’n bisschen länger Flaute. Komm schon!’ rufst du in die Nacht. Es war grausam."

Als östlichstes Boot der Flotte wartet Andreas auf den ersehnten Wind aus Nordost, den Passat. Irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit kommt er auch, und der große Spi geht hoch. Aus einem Gurgeln wird ein Zischen. Ausrüstung unter Deck wandert Stück für Stück von Lee nach Luv, vom Bug ins Heck. Und mit einen Mal läuft sein Boot konstant über 10 Knoten, und er traut sich wieder, auf die errechnete Ankunftszeit auf dem GPS zu schauen. Jetzt ist die Qual vorbei. Endlich. Was soll’s. Jetzt geht es nach Hause.

"Aber dann kam erst das Schlimmste! Rund 40 Seemeilen vor Gran Canaria – ich habe mich schon im Hafen mit Bier in der Hand gesehen –, schaltet wieder einer den Wind aus. Das war ein Schlüsselmoment. Es musste etwas passieren. Irgendetwas musste jetzt raus. Irgendeiner musste daran glauben. In dem Fall mein Großbaum, mit dem ich eine kurze, aber intensive Schlägerei an Bord hatte.

Komisch. Danach war alles anders. Den Wind hat dieses Intermezzo zwar nicht zurückgebracht. Aber mit einen Mal konnte ich meine Situation akzeptieren. Dann war es okay. ‚Dann ist es jetzt eben so’, dachte ich. Und verrückterweise, als der Wind später wieder einsetzte und ich nach und nach der Insel näher kam, hatte ich auf einmal das Gefühl, nun doch nicht mehr in den Hafen zu müssen. Es hätte weitergehen können.

Natürlich wollte ich zu meiner Familie und die Etappe auch abschließen. Aber irgendetwas war dann plötzlich anders. Ich hätte auch weitersegeln können. Jetzt freue ich mich unendlich auf die zweite Etappe. Ich glaube zwar, dass gerade ich mir jetzt konstanten Passat verdient habe. Aber selbst wenn nicht – auch mit Flauten werde ich klarkommen."

Und dann müssen wir das Gespräch beenden. "Da vorn kommt gerade Lina (Rixgens) in den Hafen", ruft Andreas ins Telefon. "Hier steigt jetzt ’ne Party. Ciao Jan. Wir sprechen noch!"

Über Jan Heinze  Der Unternehmer aus Hamburg, Fahrtensegler seit Kindesbeinen, ist viele Jahre im Mini-Zirkus gesegelt und hat sein Boot "Lonestar" auf dem Mini-Transat 2015 trotz einer schweren Havarie mitten auf dem Atlantik ins Ziel gesegelt. Über seine Jahre in dieser Seglerszene und seine besondere Reise über den Ozean hat er das Buch "Atlantikfieber – ein Mann, ein Boot, ein Ziel" geschrieben. Er hält seitdem Vorträge über Motivation und Sinn solcher Abenteuer, wenn er nicht gerade selber eine neue Unternehmung auf See plant.

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Jan Heinze am 14.10.2017

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