Barcelona World Race

"Es war wie eine Zwangsehe"

Am vergangenen Wochenende berichtete Boris Herrmann in Hamburg Pressevertretern von den Erlebnissen während seiner 100 Tage auf See.

Johannes Erdmann am 18.04.2011
Boris Herrmann berichtet einer Reporterin von seinen Erlebnissen

Boris Herrmann im Interview mit Radioreporterin Anna Rüter

Sonntagmorgen, halb elf Uhr: Vor dem Verkaufshaus von Hansenautic nahe dem Hamburger Hafen fährt ein Übertragungswagen des NDR vor, fährt seine sechs Meter hohe Antenne aus. Kurz vor elf Uhr füllt sich der Laden mit zahlreichen Vertretern der Presse. Dicht gedrängt stehen sie zwischen Seekarten, Navigationselektronik und Segelbüchern, die Kameras im Anschlag, den Finger am Auslöser.

Genau eine Woche ist es her, dass Boris Herrmann am 10. April in Barcelona an Land gegangen ist. Während sich drei Schiffe immer noch im Rennen befinden, ist er nun für einen Heimatbesuch nach Deutschland gereist und hat kurzfristig zu einem "Coming home" geladen, um den Medien in Hamburg ganz frische Geschichten und Eindrücke aus seinen 100 Tagen auf See zu vermitteln. Björn Woge stellte als Geschäftsführer der Firma Hansenautic spontan die Räumlichkeiten zur Verfügung. 

Anhand von Videos erklärt Herrmann die Höhen und Tiefen des Rennens

Anhand von Videos erklärt Herrmann die Höhen und Tiefen des Rennens

Mehr als zwei Stunden stehen die Reporter im Halbkreis um den braun gebrannten jungen Mann herum, schießen Foto um Foto, stellen Frage um Frage. In bislang unveröffentlichtem Videomaterial erklärt Herrmann die Höhen und Tiefen des Rennens, gibt Einblick in das Leben an Bord, die Schlafgewohnheiten, Eimerduschen, abgesägte Zahnbürsten und Tüten-Verpflegung: "Ich konnte vor meinem Co-Skipper Ryan Breymaier durchsetzen, das wir jede Woche einmal Nudeln essen. Auch, wenn sie umständlicher zu kochen und vom Gewicht schwerer sind, als die Tütengerichte", erklärt Herrmann, "Dafür musste auch ich Zugeständnisse machen. Ryan setze durch, dass wir aus Gewichtsgründen keine Heizung mitnehmen."  Für ihr Verhältnis als zwei Co-Skipper hatte er eine treffende Beschreibung: "Wir wollten dieses Rennen beide so sehr, dass es uns egal war, mit wem wir segeln. Es war wie eine Zwangsehe."

Herrmann erzählt auch aus dem Nähkästchen: "Wir haben während des Rennens natürlich einige Sachen verschwiegen, um den Kontrahenten nicht zusätzliche Motivation zu verschaffen", erklärt er den Reportern. So behielten sie für sich, dass ihre hinteren Ballasttanks seit der Kenterung Anfangs des indischen Ozeans komplett nicht mehr zu gebrauchen waren – ein bedeutendes Defizit. "Das Problem mit dem Kiel war ebenfalls wirklich ärgerlich", berichet Herrmann weiter, "Unser Schiff hätte auf dem Rückweg durch den Atlantik einige Vorteile gegegenüber den neuen Konstruktionen gehabt, wäre der Kiel heile geblieben. So hätten wir vielleicht auch den dritten Platz erreichen können."

Boris Herrmann vor einem Monitor mit Sturmszenen

Boris Herrmann vor einem Monitor mit Sturmszenen

Abends ist Herrmann im NDR-Sportclub zu Gast. Hier klicken für den Beitrag. Auf die Frage des Moderators Alexander Bommes, wie er sich nun fühle, antwortet er: "Ich bin immer noch erschöpft. Vor allem, wenn ich mich lange mit vielen Menschen unterhalten muss." Nach den fast dreieinhalb Monaten auf See braucht es seine Zeit, bis sich Herrmann wieder an den Troubel an Land gewöhnt. Um es langsam angehen zu lassen, tauscht er die Wellenberge nun gegen die Pyrenäen: "Ich werde jetzt für drei Tage in die Berge fahren. Urlaub machen." Doch viel Zeit bleibt ihm und seiner Freundin Arianna nicht, denn als nächstes will er ein Buch über seine Erlebnisse schreiben. Außerdem hat mit der Rückkehr bereits der Countdown zum nächsten Rennen begonnen: "2012 möchte ich das Vendée Globe segeln. Das war schon immer ein Kindsheitstraum."

Johannes Erdmann am 18.04.2011

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