Mini-Transat 2017

Es ist kein Computerspiel

Nicht mehr als 15 Minuten Schlaf am Stück, Kollisionsgefahr, Euphorie und Ernüchterung – Mini-Segler Jan Heinze über die ersten Tage des Hochseerennens

Jan Heinze am 05.10.2017
Mini-Transat 2017
Christophe Breschi

Genial sind die technischen Möglichkeiten der mittlerweile für fast jedes Rennen installierten Tracker-Karte für uns Fans. Wir können jeden Segler detailliert verfolgen. Wir können Wetterdaten einblenden und Rennverläufe simulieren. Sogar mitsegeln im Rahmen des Virtual Race ist möglich. Seit dem Start des Mini Transat verfolge ich wie sicher Tausende andere Segelbegeisterte mehrmals am Tag die 80 Starter und ganz besonders unsere vier deutschen Teilnehmer: ein kurzer Blick zwischen zwei Meetings im klimatisierten Büro: schnell noch mal die Winddaten einblenden; abends zu Hause bei einem Glas Rotwein vor dem Laptop: mein Gott, wäre er doch weiter im Süden geblieben; im Taxi über das Smartphone: wow, krasse Geschindigkeitsunterschiede. Aber alles in allem sind es doch gute Bedingungen, und die Flotte ist einigermaßen zusammen. Läuft doch.

Mini-Transat 2017

Tracker der Mini-Flotte

Dann nehme ich mir mein Buch aus dem Schrank und lese mal nach, wie es mir in der ersten Nacht hinterm Kap Finisterre erging, als wir in über 30 Knoten Nordwind steckten und dazu eine hohe, steile und teilweise schon brechende Welle von achtern kam:

Minitransat 2015 Start Etappe 2

Jan Heinze beim Mini-Transat 2015

Der Wind wird böig, und nach dem dritten Sonnenschuss in beinahe 30 Knoten Wind geht der Spi herunter. Unter voller Genua und mit einem Reff im Groß laufe ich im Mittel 9 Knoten und die Welle herunter fast 12. Es ist ohne Zweifel Zeit, dass ich ein paar längere Schlafpausen einlegen muss. Und während ich dort liege oder besser: kauere, und mich mit den Hacken, dem Steiß und den Schulterblättern an der einen Wand der Hundekoje und mit den Knien und Ellenbogen an der anderen Seite einzuspannen versuche, spüre ich, wie das Schiff eine Welle herunterbricht und sich die Bank, auf der ich liege, verwindet; wie die Struktur ächzt, wie der Bug hart aufschlägt, abprallt und wieder aufschlägt und der Mast und mit ihm alle Wanten und Stage kalt und unglücklich vibrieren.

Herrgott, Neptun, wer auch immer – es ist kein Computerspiel! Nicht für unsere Segler da draußen. Es ist eine an Echtheit und Eindringlichkeit kaum zu übertreffende Auseinandersetzung, die unsere Segler in diesen Momenten mit ihren Booten bewältigen. Egal ob an der Spitze, im Mittelfeld oder am Ende der Flotte, allesamt durchsegeln sie in diesen Tagen eine körperlich ungeheuer anstrengende und psychisch sehr herausfordernde Phase. Die erste große Müdigkeit und Erschöpfung macht sich bemerkbar. Es wird bis hinter das Kap Finisterre kaum möglich gewesen sein, länger als 15 Minuten am Stück zu schlafen. Voller Cargos und Fischerboote sind diese Gewässer. Ein kreuzendes Feld auf den ersten 300 Seemeilen tut ein Übriges.

Dazu kommt, dass die Euphorie der letzten Tage vor dem Start, die Aufregung des Absegelns und dann die immer weniger werdenden Boote um einen herum dafür sorgen, dass eine Art Ernüchterung, eine Art Realität einkehrt. Man kommt an in der Wirklichkeit dieses großen Abenteuers, auf das man sich so viele Jahre vorbereitet hat und welches in all der zurückliegenden Zeit vielleicht hin und wieder eine etwas verzückende Vorstellung war – trotz der Erfahrung von Tausenden Qualifikationmeilen im Kielwasser. Dabei mag der eine eher mit seiner Strategie und Platzierung hadern und der nächste vielleicht mit dem Wetter oder enttäuschten Vorstellungen dieses Abschnitts der Regatta. Gemeinsam ist allen, dass sie jetzt einsam und mit salznassen Haaren in der knallenden Kajüte ihrer kleinen Boote sitzen und sich mit aufgequollenen Fingern an der Decke festhalten, während die Müdigkeit drückt und die Nässe in jede Socke zieht.

Es ist eine Phase, in der sich die Effekte des Schlafmangels das erste Mal durchsetzen können, vielleicht durchmischt mit Momenten der Angst und Halluzinationen. Eine Phase, in der erste Sinnkrisen entstehen. Und obgleich ja bekannt ist, dass harte Seemänner und zähe Windsbräute grundsätzlich nicht weinen – Regattasegler vermutlich sowieso nicht –, hört man hier und da Geständnisse über vergossene Tränen.

Endlich Wärme, endlich lange Dünung, endlich Mini-Bedingungen

Noch kann sich die Flotte auf einigermaßen zuverlässige Pre-Routings verlassen, denn einmal auf dem Wasser, ist jede Kommunikation mit dem Festland untersagt. Satellitentelefone sind verboten. Handys müssen vor dem Rennen abgegeben werden. Diesen Pre-Routings folgend, wird mit Sicherheit der Großteil der Flotte gleich hinter dem Verkehrstrennungsgebiet am Kap einen südwestlichen Kurs einschlagen und zunächst mehr oder weniger auf Madeira zufahren.

Und während wir an Land wieder einmal mit dem berühmten Klick am Computer jede sich nun einstellende Wetteränderung abrufen können, sind die Segler auf ihren Barografen, ihre Augen und vor allem die über Kurzwelle täglich von der Rennleitung durchgegebenen Berichte angewiesen. Wobei ebendiese Kurzwellendurchsagen unter Mini-Transat-Veteranen Gesprächsstoff und Legenden für Generationen bieten. Von zuverlässigem Empfang kann keine Rede sein. Ich persönlich habe auf der ersten Etappe im Jahr 2015 immerhin keinen einzigen Wetterbericht empfangen oder verstehen können.

Aber es geht jetzt steil nach Süden, und es sind keine Kaps oder Landmassen mehr im Weg, was sich nach der Härte der Biskaya und des Kaps wie eine Verheißung des Gartens Eden anfühlt: Wenn das Wetter günstig ist, und davon können auch unsere Segler momentan ausgehen, laufen die Boote schnell und stabil unter großen Gennakern, und der kurzen Welle am Kontinentalschelf folgt zunehmend länger werdende Dünung, auf der die Boote minutenlang abreiten. Auch der Bootsverkehr nimmt rapide ab. Dazu wird es jeden Tag ein wenig wärmer. Schicht um Schicht wird weggelassen, Kleidung kann getrocknet werden, und bei gutem Wetter folgen länger werdende Schlafetappen im Cockpit unter einem immer südlicher anmutenden Sternenhimmel.

So wird sich die Flotte auf dem nun großen, freien Spielfeld des Atlantiks Stück für Stück auffächern, und eine neue Phase dieses Abenteuers beginnt. "Es hat sich gelohnt", wird sich der ein oder andere nachts im Cockpit zuflüstern, während er sich an die weit im Heckwasser zurückliegenden Tage in der Biskaya erinnert und die Gischt grün phosphorisiert nach achtern schießt, "es hat sich gelohnt. Und jetzt nach Gran Canaria."

Über den Autor

Cover Atlantikfieber

"Atlantikfieber" von Jan Heinze

Jan Heinze, Unternehmer aus Hamburg, Fahrtensegler von Kindesbeinen an, ist viele Jahre im Mini-Zirkus gesegelt und hat sein Boot "Lonestar" auf dem Mini Transat 2015 trotz einer schweren Havarie mitten auf dem Atlantik ins Ziel gesegelt. Über seine Jahre in dieser Seglerszene und seine besondere Reise über den Ozean hat er das Buch "Atlantikfieber - ein Mann, ein Boot, ein Ziel" geschrieben. Er hält seitdem Vorträge über Motivation und Sinn solcher Abenteuer, wenn er nicht gerade selbst eine neue Unternehmung auf See plant.

Jan Heinze am 05.10.2017

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