Regatta-News

Eisarsch

Sven Kruse (29) gewinnt die Opti-Kultregatta gegen 122 Männer. Der Eisarsch bleibt weitere zwölf Monate in Hamburg.

Carsten Kemmling am 04.12.2006

Bei Winden um bis zu vier Beaufort und für Eisarsch-Verhältnisse rekordverdächtigen warmen 10 Grad segelte nach 50 kurzweiligen Minuten der Hamburger Sven Kruse (Norddeutscher Regatta Verein) als Erster mit seinem Opti über die Ziellinie. Der 29-Jährige gewann vor Stephan Szczepaniak (Mühlenberger Segelclub) und seinem Klubgefährten, Vorjahressieger Sven-Erik Horsch.

Seit dem 15. November 1969 organisiert der Lübecker Yacht-Club (LYC) die Kult-Regatta, bei der mutige Männer auf dem kalten Hosenboden in viel zu kleinen Optis um einen Preis segeln, den man am ehesten auf einer Toilette vermutet. 139 wackere Männer (über 25 Jahre) hatten sich für die 38. Eisarsch-Regatta angemeldet, 122 fanden sich schließlich auf der Wakenitz ein.

In Hamburg ist der Lübecker Eisarsch offenbar sehr begehrt: Denn die Trophäensammlung im NRV-Vereinsheim bereichert neben dem rosaroten Kinderpopo auf Mahagoni-Platte auch der Team-Arsch. Kruse und Horsch holten mit dem Viertplatzierten Mirko Masek erneut den Wanderpreis für die drei besten Eisärsche eines Vereins.

Die Eisarsch-Regatta, ein Asyl für Männlichkeit, bei dem Frauen gerade mal als Zuschauer erwünscht sind, hat nichts an Zugkraft verloren. Sogar aus dem polnischen Katowitz war der Lübecker Unternehmer Wolf-Christian Beutin angereist und verlieh dem illustren Feld mit der Segelnummer POL 416 den internationalen Farbtupfer.

Doch die meisten Sehleute — auch das Kamerateam des NDR — schauten auf Tim Kröger. Der Hamburger Segelprofi steht derzeit in Diensten des südafrikanischen America’s-Cup-Syndikats „Shosholoza“ und nutzte seinen Winterurlaub für den Umstieg vom 24-Tonner „RSA 83“ in die 35-Kilo-Jolle, die er sich von seinem Neffen Eike geborgt hatte.

„Eike hat mir sogar noch ein paar Tipps gegeben.“ Der wichtigste: „Bloß nicht über das Heck oder den Bug absaufen!“ Kröger beherzigte ihn, landete jedoch nur auf einem „glorreichen“ 75. Platz. Egal. „Ich musste schon höllisch aufpassen, da waren schon ein paar Boote mehr als beim America’s Cup unterwegs“, meinte der Hamburger mit einem Grinsen.

„Es war ein Riesen-Gaudi, wenn es passt, bin ich nächstes Jahr wieder dabei“, meinte der 40-Jährige, der sich vor seinem Dienstantritt in Valencia nun auf einen zehntägigen Winterurlaub im österreichischen Bad Gastein freut.

Vor seinem Start hatte sich Kröger der traditionellen Wiege-Prozedur unterworfen und 100 Kilo — in Vollmontur— auf die Waage von Wiegerat Rolf Stemmler gebracht und somit 20 Euro Startgeld berappt. Denn das wird traditionell auf der Waage ermittelt — 20 Cent pro Kilo Lebendgewicht.
Das meiste Leben brachte dabei — allerdings sieben Kilo weniger als im Vorjahr — der Lübecker Jörg Joggerst mit 130 Kilo an den Start und als 122. ins Ziel. Als Eisarsch-Leichtgewicht erwies sich der Bordesholmer Carsten Albrecht, der seinen Opti als 21. über die Ziellinie steuerte.

Anerkennung heimste derweil Meno Bülow ein. Nicht, weil der Wettfahrtleiter der Travemünder Woche den „Grufti“-Preis des besten Ü-50-Jährigen gewann, sondern weil er als Sechstplazierter und bester Lübecker in die Gilde der jungen Eisärsche einbrach.

Spaß, der stand trotz allem Bemühen auch beim 38. eisigen Vergnügen im Vordergrund. Vor allem hatten ihn die zahlreichen Sehleute an Land. Ob beim Ablegemanöver, wenn sich gestandene Mannsbilder in schwerem Ölzeug in ihre Schiffchen zwängten oder wie Museumshafen-Chef Peter Fleck in Jeans gewandet und mit Kippe im Mundwinkel am Schilf vorbei manövrierten.

Ob beim Gedränge im Schneckentempo nach dem Start, den der Hamburger Tom Lembcke aufgrund von Wartungsarbeiten an Land sogar verpasste. Oder ob beim Mann-Über-Bord-Manöver, das der Lübecker Tobias Hinrichs, ein erfahrener Kat-Segler, zelebrierte — der Gaudi vor dem LYC-Vereinsheim war groß.

Vor allem, wenn die Jüngsten, die im Sommer in den Optis wenden und halsen, die Herren-Manöver kommentierten. So wie der elfjährige Hanno Weihmer. Der Lübecker schlug die Hände vors Gesicht: „Die sitzen ja viel zu weit hinten und auf dem Vorwind-Kurs haben viele nicht die richtige Kränkung. Wie wollen die denn vorwärts kommen?“

Angekommen sind alle. „Und das heil“, registrierte LYC-Geschäftsführer Claus-Dieter Stolze, der sich die Wettfahrtleitung mit Peer-Axel Rahn und Julia Westfehling (Lübecker Segler-Verein) geteilt hatte. Entgegen aller Eisarsch-Gewohnheiten überließen die Herren der Dame dabei das Tagesgeschäft und befanden, „Julia hat einen tollen Job gemacht, es war nicht einfach die nervöse Herrenrunde am Start auf einer Linie zu halten“.

Deshalb habe sie sich auch für das kommende Jahr qualifiziert, wenn die mutigen Männer in ihren Mini-Jollen am 1. Dezember zur 39. Eisarsch-Regatta pilgern. Und das will etwas heißen, denn Frauen sind bei den Lübecker Eisärschen eigentlich verboten. Eigentlich . . .

Carsten Kemmling am 04.12.2006

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