Bordbuch der "Hansa"

Die "Cold Wall": Es gibt sie doch

Yacht-Redakteur Matthias Beilken berichtet von Bord der "Hansa"

Lars Bolle am 23.06.2003

Die Klamotten sind zum Trocknen aufgehängt

23.6.03, 1.43 Uhr (MESZ), erste Schlechtwetterfront, Toppspeed im Surf unter Genua 3 und gerefftem Groß 21,9 Knoten, Schicksal der "Monsun" trifft uns alle

"Ein solcher Tag wäre an der Yachtschule in Glücksburg locker ein Hafentag gewesen", sagt Uli Gollwitzer, unser Vorschiffsmann aus Mittelfranken. Er muss es wissen: Bei den derben Manövern, die jetzt anstehen, steht er immer in der ersten Reihe. Was für ein Kontrast: Noch vor 20 Stunden wuschen sich alle wie wild an Deck, sonnten und verbrannten sich, hängten Handtücher und Schlafsäcke zum Trocknen in den warmen Wind. Mittlerweile sind alle Luken dicht und die Crew in Ölzeug oder Kojen.

Kein Wunder, das Ulli heute platt ist. Denn bevor die Dunkelheit kam, musste er schon in den Mast, den aktuellen Spi an das Leefall hängen. So würde der nächtliche Wechsel auf den schweren Spi einfacher werden. Und dieser Wechsel würde ja kommen. Alexander Schwarz, Alleskönner und ansonsten Crewkasper, nennt Ulli "unseren Austauschstudenten". Beim Spiwechsel zum Beispiel musste Ulli wieder raus, diesmal zur Nock des Spibaums, um den Achterholer umzusetzen. Erst dann ist der alte Achterholer wieder frei und wir konnten mit dem eigentlichen Wechsel beginnen. Der pannenfrei ablief.

Einige Stunden fuhren wir dann mit unserem schwersten Vollspinnaker (für Extremsituationen haben wir noch ein nur 60 Prozent großes Tuch dabei). Dann bargen wir auch den, setzten die Genua 3 und warteten. Gar nicht lange, dann blies es mit um die 40 Knoten wahrem Wind. Die Sturmnacht begann. Unsere "Hansa" stieß und bockte, das Rollen von Seite zu Seite war unerträglich. An Schlaf war für die Freiwächter nicht zu denken: In ihren Kojen rollten die mit, so kräftig wie unfreiwillig. Draußen, da wo die Wogen hoch gingen und der Wind in Böen mit bis zu 50 Knoten blies (das grenzt per Definition an Windstärke zehn), schaffte Dr. Anderas  Niemeier, unser Bordarzt (31), 21,9 Knoten auf dem Speedo. Dann brummt unsere X-612. In der Nacht wurde noch mehrmals auf andere Segelkombinationen umgestiegen: Reffs rein, Reffs raus. Jedes Mal gab es zwar ein Mordsgetrampel an Deck. Aber es blieben immer alle unverletzt - was keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Meldung, dass die wunderschöne 8m KR Yacht "Monsun" (gebaut bei Abeking und Rasmussen) verlassen wurde und wahrscheinlich gesunken ist, erreicht uns. Werner Hagenauer, Leiter der Hanseatischen Yachtschule in Glücksburg und unser aller Chef, ruft per Satellit an und fragt besorgt, ob es uns auch gut geht. Björn Woge, Skipper unseres achteraus liegenden Schwesterschiffs "World of Tui", fragt ebenso nach.

Unter Deck: Es wohnen auch bei Sturm dreizehn Menschen auf diesem Boot. Die schwitzen, schlafen und essen. Da dauert es nicht lange, bis unter Deck alles nass ist, das Schiff bei Wachwechsel nicht mehr trockenen Fußes durchquert werden kann. Regel bei Wachwechsel: stillhalten. Da, wo du hin willst, sind schon drei andere.

Bordarzt Andreas versorgt im sonnigen Cockpit Blessuren, passt Arno und Ulli lila Interims-Schienen an

Wir hatten eigentlich einen schlimmeren "Day After" erwartet. Denn nach einem Sturm bleibt meist die See länger hoch als der Wind und alles schlägt ganz fürchterlich. Nach der Kaltfront des Tiefs fahren wir wieder um die neun Knoten unter Spinnaker unter blauem Himmel. Mittlerweile sind wir wieder auf "normal". Benjamin Stoelck (21) kocht Handtücher aus, die sich in der vergangenen Zeit nicht gerade zum appetitlichen verwandelt haben. Bordarzt Andreas versorgt im sonnigen Cockpit Blessuren, passt Arno und Ulli lila Interims-Schienen an.

Die Frage des Bergfestes wird heftig diskutiert. Um es kurz zu machen: Es wird schon morgen stattfinden. Die Streckenhalbierende über den gesamten Kurs liegt nämlich näher bei den Grand Banks, als man meint. Die lange Strecke zu Punkt "Alpha" ist Grund für diese Geometrie. Unser ureigener Beschluss: Wir werden es feiern, wenn wir 48 Grad nördlicher Breite übersegelt haben werden. Das wir früh (aber rechnerisch korrekt) feiern, ist wichtig: Denn mittlerweile schielen wir nach den großen Yachten hinter uns und überlegen, ob die uns wohl einkriegen.

Es sind noch 1600 Meilen bis Fair Isle. Wir stehen jetzt rund 140 Meilen südöstlich der Flämischen Kappe. Was das ist, steht in Sebastian Jungers Bestseller "Der Sturm". Ich gebe es zu: Das Buch hab ich an Bord geschmuggelt. Aber mehr der präzisen Angaben über dieses Seegebiet wegen denn als Zeitvertreib. Aber mittlerweile geht das Buch in der Crew herum.

Lars Bolle am 23.06.2003

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