Transat Jacques Vabre

Boris Herrmann von Bord: "Mein Herz setzt aus!"

Die ersten Tage auf See fordern die "Maliza II"-Crew im Transat Jacques Vabre enorm. Boris Herrmann berichtet von Positionskämpfen und einer Beinahe-Kollision

Tatjana Pokorny am 07.11.2017
Transat Jacques Vabre 2017
Jean-Marie List/ALeA

"Malizia II" mit Boris Herrmann und Thomas Ruyant

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Boris Herrmann

In der Nacht zum Dienstag lagen Boris Herrmann und Thomas Ruyant mit ihrer Imoca "Malizia II" im Transat Jacques Vabre mit knapp 13 Seemeilen Rückstand auf die Spitzenreiter Paul Meilhat und Gwénolé Gahinet auf "SMA" auf Platz fünf. Da hatten der Deutsche und der Franzose in den ersten 30 Stunden schon dramatische Höhen und Tiefen durchlebt, zwischenzeitlich sogar geführt und mittlerweile die Aufholjagd wieder aufgenommen. Von Bord schickte Boris Herrmann YACHT online seinen sehr persönlichen Bericht: 

"Was für eine Nacht! Der Start hat sich wie bei einer Jollenregatta angefühlt. Alle Imocas lagen super dicht beieinander. Wir haben die Bahnmarken von Etretat passiert und uns Sorgen über die Überlappungen mit 'Safran' vor uns und 'Initiatives' genau hinter uns gemacht. Es folgte ein kurzer Abschnitt nach Norden auf Steuerbordbug, bevor Thomas die kluge Entscheidung für eine schnelle Wende traf.

Transat Jacques Vabre 2017

Power-Reaching mit "Malizia II"

Bei Cherbourg liegen wir für einen ganz kurzen Augenblick an erster Stelle. Da hatten wir raumschots gerade 'SAM' überholt und gleichzeitig 'Virbac' hinter uns in Schach halten können. Doch dann hatte 'Virbac' eine gute Phase, einen beseren Trimm und überholte uns wieder. Das war schnelles, sehr nasses Segeln bei Vollmond. Unsere dichtesten Rivalen sehen wir sogar in der Nacht. Wir haben die nächsten Boote beängstigend nah passiert. Ich habe Angst vor Fischertonnen, aber es passiert nichts.

Die Wellen auf der berühmten Passage bei Ouessant sind unglaublich. Wir haben vor dieser Passage vergessen, das Luv-Ruder runterzulassen. In einer der supersteilen Wellen verlangsamt das Boot stark und schießt unter Autopilot in die Sonne. Ich habe Angst vor so einer Patenthalse, springe zur Pinne und versuche mit der Verlängerung zu steuern. Doch die irren Bewegungen des Bootes schmeißen mich auf den Boden, und ich breche die Pinnenverlängerung ab. In diesem Moment rast 'Virbac' an uns vorbei. Wir sind froh, den wilden Wahnsinn in einem Stück zu überstehen.

Hinter der Insel von Ouessant verlieren wir auf 'SMA' und 'Les Voiles et Vous' einigen Boden. Der Tag (Red.: Montag) beginnt mit leichteren Winden und Segelwechseln: J1, Code 0, zurück zur J1, zurück zur J2. Viel Grinden. Aber im leichtesten Moment können wir unter Code 0 die Drohne losschicken. Wir sind ganz in der Nähe von 'SMA' und besuchen sie, überprüfen ihre Segel, schauen in ihr Cockpit hinein und fliegen zum Spaß ein wenig umher. Paul und Gwenolé reagieren kaum. Sie winken nicht und tun auch sonst nichts dergleichen. Wir rufen sie über Funk – Paul klingt ein wenig trocken. Vielleicht ist er müde. Oder einfach nur fokussiert.

Egal, wir segeln jetzt etwas tiefer, sie etwas höher. Also trennen sich unsere Kurse im Verlauf des Nachmittags nach und nach über eine Nord-Süd-Ausdehung, während wir weiter westlich in Richtung Spitze vorstoßen, die wir sehr gut auf den Satellitenbildern sehen können. Es sieht aus wie ein großes Durcheinander.

Während ich im Cockpit kniend die Leinen sortiere – Thomas schläft –, schaue ich hoch und sehe etwa 100 Meter neben uns ein Containerschiff. Es ist riesig! Mein Herz setzt aus! Ich brülle nach Thomas, springe zum Ruder und fahre eine Crash-Wende. Mit Ballast in Luv, der gesamten Segellast auf der Luvseite und dem backstehenden Vorsegel kommt sehr viel Wasser ins Cockpit. Das war hier für einen Moment so gar kein schöner Anblick. Einige um uns herumstromernde Delphine allerdings scheinen sich angesichts unserer Aktivitäten zu amüsieren. Der Containerfrachter setzt seinen Kurs stetig und unbeirrt, ohne Beachtung oder Zeichen von Schuld angesichts unseres Chaos fort, während wir rückwärts treiben und versuchen, wieder auf Kurs zu kommen. Thomas nimmt es gut auf und geht wieder schlafen. Weiter geht's in Richtung Westen. Wir warten darauf, das erste Reff einzubinden."

Ruyant

Boris Herrmanns Co-Pilot: Thomas Ruyant nahm die unheimliche Begegnung mit dem Container-Riesen gelassen

Transat Jacques Vabre 2017

Weiter geht's nach Westen: Boris Herrmann im Einsatz auf "Malizia II"

Tatjana Pokorny am 07.11.2017

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