Volvo Ocean Race

AkzoNobel-Drama: Tienpont kämpft, Jackson übernimmt

Die Wellen schlagen weiter hoch im Volvo-Ocean-Race-Team AkzoNobel: Der geschasste Skipper Tienpont ringt ums sportliche Überleben, der Sponsor plant ohne ihn

Tatjana Pokorny am 16.10.2017
Simeon Tienpont
AkzoNobel

Simeon Tienpont

Die Teamaufstellung für die erste Etappe zeigt an diesem Montagabend offen die Bredouille, in der das holländische Volvo-Ocean-Race-Team steckt: Da stehen sechs Tage vor dem Start zur ersten Etappe nur acht statt der erlaubten neun Namen, darunter 49erFX-Olympiasiegerin Martine Grael aus Brasilien und Emily Nagel aus Bermuda. Teams, die mit zwei Seglerinnen agieren, dürfen mit sieben Männern antreten. Die am Montag gegen 20 Uhr veröffentlichte Crew-Liste weist aber zunächst nur sechs Männer aus, darunter der neue Skipper Brad Jackson aus Neuseeland, der bei seinem siebten Rennen um die Welt nun erstmals die Führungsrolle übernehmen soll und offenbar auch will. Ein siebtes Crew-Mitglied soll in den kommenden Tagen noch vorgestellt werden.

Wie AkzoNobel heute Abend den neuen Skipper Brad Jackson vorstellte

Noch am Montagmorgen hatte der geschasste Skipper Simeon Tienpont seinen Kampf um die vermeintlich verlorene Skipper-Position angekündigt. Tienpont war während des Prologs von Lissabon nach Alicante auf See kalt von einer AkzoNobel-Pressemitteilung erwischt worden, die seine Entlassung mit Hinweis auf einen Vertragsbruch zum Inhalt hatte. Weitere Details und Hintergründe waren zu dem Zeitpunkt öffentlich noch nicht bekannt geworden. 

In seinem heute veröffentlichten Montagmorgen-Statement hat Tienpont festgestellt: "Das Statement von AkzoNobel, in dem es heißt, dass Tienpont sein Team verlassen hat, ist absolut falsch. AkzoNobel hat den Vertrag mit Steam Ocean (Skipper Simeon Tienpont) während des Prologs am 10. Oktober widerrechtlich gekündigt. Der Rauswurf Tienponts kurz vor dem Start zum Volvo Ocean Race hat für viel Unsicherheit in der Crew gesorgt, die bei Steam Ocean B.V., dem Management-Unternehmen von Tienpont, unter Vertrag ist." Im Statement von Tienpont heißt es weiter: "Am vergangenen Samstag (14. Oktober) hat AkzoNobel Tienpont einen neuen Vertrag mit schlechteren Bedingungen angeboten. Für Tienpont hatte seine Crew oberste Priorität. Deswegen ersuchte er AkzoNobel, ausstehende Gehälter der Crew umgehend zu bezahlen und bat um Ausgleich für die vorzeitige Kündigung des Vertrages. Akzo Nobel war zu diesem Engagement nicht bereit."

In Tienponts Statement heißt es außerdem: "Am Sonntag (15. Oktober) traf sich Tienpont mit seiner Crew und erklärte seine Zuversicht, dass mit AkzoNobel in den bevorstehenden Tagen doch noch eine Einigung erzielt werden könne. Er will als Skipper an Bord zurückkehren und ist entschlossen, die einmalige Möglichkeit zu nutzen, ein sicheres und  vielversprechendes Volvo Ocean Race mit seinem Team zu absolvieren. In der vergangenen Nacht (Red.: gemeint ist die Nacht auf den 16. Oktober) hat AkzoNobel die meisten Crew-Mitglieder dazu eingeladen, für sie unter ähnlichen Konditionen zu arbeiten und die ausstehenden Honorare zu zahlen. Das allerdings unter der Bedingung, dass sie ihre Verträge mit Steam Ocean (Tienpont) mit sofortiger Wirkung kündigen müssen. Damit wurden die Crew unter enormen Druck gesetzt, sich für ihr Geld zu entscheiden und ihr persönliches Ziel der Teilnahme am Volvo Ocean Race zu erreichen. Es ist extrem nobel von der unbezahlten Mannschaft, dass sie an diesem Wochenende unter diesen schwierigen Umständen und ohne Skipper gesegelt hat. Ihre Einstellung hat unnötigen Schaden vom Volvo Ocean Race und von AkzoNobel als Sponsor abgewendet. Die enorme Unterstützung, die Tienpont aus aller Welt erfährt, tut sehr gut und gibt ihm die Energie, für sein Team da zu sein. Und auch für seine Unterstützer."

Im Juli 2016 hatte das Team AkzoNobel dieses emotionale Video mit Simeon Tienpont veröffentlicht. Viel ist davon nicht geblieben...

Am Montagabend nun holte AkzoNobel, ein führendes Unternehmen in der Farben- und Lackindustrie sowie Hersteller von Spezialchemikalien, erneut zum Gegenschlag aus, stellte Brad Jackson als neuen Skipper vor, veröffentlichte die oben genannte Crew-Liste und nahm auf Simeon Tienpont nur mit den Worten "in Folge der kürzlichen Trennung von Simeon Tienpont (NED) vom Team" Bezug. Einen letzten Gruß Brad Jacksons an Tienpont ließen die Verfasser der Pressemitteilung zu: "Es ist ein Privileg, ein Team mit so talentierten und engagierten Leuten führen zu dürfen wie dieses – auf dem Wasser und an Land. Die Anerkennung für diese Qualität gebührt Simeon Tienpont."

Inzwischen ist für den im August 2016 noch so leidenschaftlich für Partner AkzoNobel engagierten Simeon Tienpont aus dem Traum ein Albtraum geworden

Ob damit – abgesehen von juristischen Auseinandersetzungen an Land – die letzte Schlacht zwischen Simeon Tienpont und Team-Sponsor AkzoNobel schon geschlagen ist oder das eine oder andere der beiden verfeindeten Lager mithilfe von Anwälten eine weitere Wendung mit Blick auf das bevorstehende Rennen herbeiführen kann, wird sich in den kommenden Tagen, spätestens aber beim Startschuss zur ersten Etappe von Alicante nach Lissabon am 22. Oktober zeigen. Ausgeschlossen scheint nach den dramatischen Ereignissen der letzten Tage kein Manöver mehr. In der Vergangenheit des Rennens und anderer großer Regatten waren ähnliche Fälle auch schon mit an die Kette gelegten Booten zu Ende gegangen. Klar scheint: Aktuell und bis auf weiteres hat das Team, das sich auf der eigenen Homepage als holländisches Hochseesegel-Team vorstellt, nicht ein einziges holländisches Crew-Mitglied mehr.

Tatjana Pokorny am 16.10.2017

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