Barcelona World Race

"Wir haben den Orkan überlebt"

Endspurt eingeläutet: Bei der Hatz den Atlantik hinauf gilt es für Riechers/Audigane nach dem überstandenen Orkan St. Helena zu meiden

Tatjana Pokorny am 12.03.2015
Barcelona World Race 2014/2015

Aufgewühlte See, gischtgeladene Luft: Jörg Riechers’ erste Kap-Hoorn-Passage war gleich eine der schwersten

Erst Sturm, dann Orkan und am Ende die Flaute: Jörg Riechers und Seb Audigane haben den Endspurt ihrer Weltumseglung mit einem Wechselbad der Gefühle eingeläutet. Dabei hat das deutsch-französische Duo auf "Renault Captur" mehr Federn lassen müssen als erwünscht. Die Distanz zu den Plätzen vier und fünf hat sich um etwa 200 Seemeilen auf rund 1000 Seemeilen erhöht. Das ist viel angesichts der verbleibenden 6500 Seemeilen bis in den Start- und Zielhafen Barcelona. Und nun gilt es auch noch, das drohende St.-Helena-Hoch und die chronisch leichten Winde zu meiden.

Barcelona World Race 2014/2015, Stand 72. Tag auf See

Barcelona World Race 2014/2015: die Positionen am 72. Tag nach dem Startschuss

Barcelona World Race 2014/2015

Jörg Riechers: Hier galt es "nur" 30 bis 40 Knoten abzuwettern

Dennoch wollen Riechers und Audigane nichts unversucht lassen, die vor ihnen liegenden Boote "One Planet, One Ocean / Pharmaton" und "We are Water" noch einmal anzugreifen. Die Podiumsplätze indes sind längst vergeben, wenn den drei führenden Booten nichts Unerwartetes mehr dazwischenkommt. Für die Spitzenreiter Bernard Stamm und Jean Le Cam waren am Donnerstagvormittag noch etwa 2600 Seemeilen bis zur Ziellinie zu absolvieren. Damit könnten der Schweizer und der Franzose ihren Sieg bereits am übernächsten Wochenende oder dem darauffolgenden Wochenbeginn feiern. Die ihnen folgenden "Neutrogena" und "Gaes Centros Auditivos" trennen bei der Hatz den Atlantik hinauf nur 200 Seemeilen. Damit ist der Kampf um Platz zwei noch lange nicht entschieden.

"Wir haben den Orkan überlebt"

Die härtesten Tage aber liegen hinter Jörg Riechers und Seb Audigane. Nach der ohnehin schon stürmischen Rundung Kap Hoorns erlebte das Duo – ironischerweise am 70. Tag auf See – Naturgewalt pur, überstand mit bis zu 70 Knoten Wind einen Orkan. "Dagegen war die Kap-Hoorn-Passage vergleichsweise einfach. Da hatten wir es mit 30 bis 40 Knoten Wind zu tun. Kein Stress. Aber eine Seemeile nach Kap Hoorn kam die erste Orkanbö mit 70 Knoten Wind. Also lag das Boot mit drei Reffs im Groß und der J3 flach. Von da an hatten wir ein bisschen Angst. Wir sind abgefallen, haben die J3 eingerollt und sind mit dem Dreifach-Reff weitergesegelt. Damit sind wir immer noch mit einer Geschwindigkeit von 24 bis 25 Knoten gesurft. Die See war sehr weiß, die Wellen enorm steil. Es war wirklich beängstigend. Damit war meine erste Kap-Hoorn-Passage gleich eine ganz große!"

Auf Rückfrage nach der Angst an Bord erklärte Riechers: "Es ist nicht so, dass man die ganze Zeit super, super viel Angst hat. Aber du beginnst, dir Fragen zu stellen. Du kannst mit dem dreifach gerefften Großsegel und einem Boot am Rande der Kontrolle, mit einem Ruder-Problem, nur mit dem Autopiloten steuern und im Bootsinneren bleiben. Du beginnst dich zu fragen, was passieren könnte, wenn der Autopilot versagt und Fehler macht. Dann hast du ein wirklich ernsthaft großes Problem."

In Überlegensanzügen unter Deck

Sébastien Audigane erklärte, wie sich die Mannschaft auf den Sturm vorbereitet und ihn dann ausgeritten hat. Dabei saßen beide Segler in ihren Überlebensanzügen in der Navigationsstation: "Wir hatten zweieinhalb Tage davor überlegt beizudrehen um dem Sturm auszuweichen. Es war der perfekte Sturm mit einem sehr niedrigen Barometerstand im Zentrum. Wir haben nach eingehender Analyse entschieden, dass wir ihn passieren können. Aber ich gebe zu, dass wir uns während des Sturms gegenseitig angeschaut und uns gesagt haben: 'Das war eine bescheuerte Idee.' Steckt du aber erst einmal mittendrin, kannst du in der Situation nicht mehr viel tun. Das Boot hat sich mit den drei Reffs gut gemacht. Unsere einzige Sorge galt dem Autopiloten, der möglicherweise aufgeben konnte."

Audigane fasste die Serie der Ereignisse noch einmal aus seiner Sicht zusammen: "Nach Kap Hoorn trafen wir direkt auf eine 70-Knoten-Bö. Der Wind blies dann konstant mit 60 Knoten. Wir haben es ausgesessen und ab und zu geschaut, was da draußen abging. Derweil haben wir am Kartentisch gewartet und waren zu jeder Zeit bereit, den Autopiloten bei Bedarf zu korrigieren. Es waren die schlimmsten Bedingungen, die ich in 25 Jahren erlebt habe. Wir versuchen nicht, uns in solche Situationen zu bringen. Wir haben das Boot bestmöglich darauf vorbereitet. Wir trugen unsere Überlebensanzüge und waren auch mental gut auf die Situation eingestellt."

"Renault Captur" war während der Sturmphase intensiv von der Regattaleitung beobachtet worden, die chilenische Navy und das Rettungszentrum MRCC waren ebenfalls zur Fernüberwachung eingeschaltet.

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Tatjana Pokorny am 12.03.2015

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