Barcelona World Race

Ritt auf der Rasierklinge

In seinem Blog für YACHT online schreibt "Renault Captur"-Skipper Riechers über die Herausforderungen bei der Hatz entlang der Eisgrenze

Tatjana Pokorny am 05.02.2015
Barcelona World Race 2014/2015

Die Positionen am 36. Tag auf See, 10 Uhr morgens deutscher Zeit

Nach einem Zwischenhoch im Kampf um Platz drei im Barcelona World Race sind Jörg Riechers und Seb Audigane inzwischen wieder auf dem harten Borden der Südpolarmeer-Realität aufgeprallt. Am 36. Tag auf See trennten die deutsch-französischen Jäger und das drittplatzierte spanische Team auf "Gaes Centros Auditivos" wieder rund 290 Seemeilen. Zwar preschte "Renault Captur" am Donnerstagvormittag mit 15,4 Knoten im Zickzackkurs entlang der Eisgrenze, doch Anna Corbella und Gerard Marín haben nach tagelanger Quälerei in ungewöhnlich flauen Bedingungen inzwischen eine rasant schnelle Privatspur gefunden, auf der sie ihren Vorsprung in der Nacht zum Donnerstag mit Geschwindigkeiten von bis zu 20 Knoten wieder ausbauten. Am Vormittag betrug ihre Geschwindigkeit jedoch auch "nur" noch 15,7 Knoten.

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Die Crew auf "Gaes Centros Auditivos" im Glück: Für Anna Corbella und Gerard Marín läuft es wieder

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Das Messer zwischen den Zähnen: Seb Audigane, Co-Skipper von Jörg Riechers auf "Renault Captur", demonstriert die Marschroute der deutsch-französischen Crew

Ein ähnliches Duell spielt sich an der Front ab: Bernard Stamm und Jean Le Cam geben auf "Cheminées Poujoulat" weiter den Ton an, führten das Feld der verbliebenen sieben Imocas nach mehr als einem Monat auf See mit einem Vorsprung von 177 Seemeilen vor der kämpferischen "Neutrogena"-Crew an. Doch Guillermo Altadill und José Muñoz lassen in ihren Attacken auf die Spitzenreiter nicht nach, gönnen Stamm und Le Cam keine Atempause. In nordwestlichen Winden um 30 Knoten sorgen die beiden Fernduelle für Spannung auf dem Weg nach Australien. 

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Bild aus dem Heck von "Neutrogena": Gemütlich ist anders

In seinem jüngsten Blog für YACHT online schrieb "Renault Captur"-Skipper Jörg Riechers:

Nachdem wir die letzten zwei Tage mit etlichen Halsen entlang der "Eismauer" verbracht haben, die uns viel Energie gekostet haben (eine Halse dauert bei 25 Knoten Wind etwa 30 Minuten), geht es jetzt halbwegs geradeaus zum Kap Leeuwin. Jetzt zählt nicht mehr so sehr die Taktik – jetzt zählen Bootspeed und Mut. Das eine haben wir. Das andere nicht so ganz.

Was die Bootsgeschwindigkeit angeht: Da ist uns "Gaes" vor dem Wind leicht überlegen. Wir haben ein leichtes Plus bei Reachgängen und an der Kreuz. Doch das ist im Southern Ocean recht nutzlos. Dafür haben wir Mut. Und den brauchen wir auch, denn zurzeit gleicht das Segeln einem Ritt auf der Rasierklinge. Wir segeln bei 30 Knoten Wind mit dem großen Gennaker und erreichen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 23 Knoten. Hier heißt es: Wer zuerst den Fuß vom Gaspedal nimmt, der verliert Meilen. Wir möchten nicht die Ersten sein, die klein beigeben. 

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Nach einem Monat auf See gezeichnet, aber keinesfalls geschlagen: Jörg Riechers, Seb Audigane und ihre geforderten Hände

Zunächst einmal bedingt diese Art des Segelns einen gesunden Stresslevel, wenn man nachts mit dem Autopiloten Fünf-Meter-Wellen hinunterschießt; nach etlichen Stunden nimmt man das alles ein wenig gelassener. Das ist ja auch der Grund, warum ich dieses Rennen segele. Ich möchte mir die Coolness und Grundhärte sowie die Erfahrung für die Vendée erwerben.

Des Weiteren bringen Tage wie diese auch zig Ideen für das neue Vendée-Boot und wie ich es haben will. Ich kann beispielsweise überhaupt nicht verstehen, dass man "kleine" Harken-65-Winschen für die Furler wählt, denn hier muss die Devise klar lauten: "The bigger the better!" Größere sind besser für den Skipper, weil er mit ihnen weniger Energie aufwenden muss. Und besser fürs Segel, weil es beim Furlen weniger "leidet". Und besser für die Performance, weil das Manöver schneller beendet ist. Die zehn Kilogramm mehr an Gewicht dagegen wird niemand jemals als Speedmanko erfassen können.

So bringt mich dieses Rennen immer wieder auf gute Ideen für meine Vendée Globe. Und alle diese Ideen werden hübsch notiert, damit sie ab Mai in die Tat umgesetzt werden können!

Viele Grüße, Jörg

Tatjana Pokorny am 05.02.2015

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