Barcelona World Race

"Das Gefühl, wie ein Idiot zu segeln"

Im Barcelona World Race sorgt ein ungewöhnliches Szenario für neue Spannung im Kampf um Platz zwei: Riechers/Audigane rücken weiter vor

Tatjana Pokorny am 15.02.2015
BWR 2014/2015, 46. Tag, Positionen 10 Uhr deutscher Zeit

BWR 2014/2015, 46. Tag, Positionen 10 Uhr deutscher Zeit

Es kommt Bewegung ins Barcelona World Race, in dem sich seit Wochen kaum etwas an den Positionen verändert hatte. Ein ungewöhnliches Szenario sorgt für neue Spannung im Kampf um Platz zwei. Während als Spitzenreiter unangefochten Bernard Stamm und Jean Le Cam auf "Cheminées Poujoulat" mit mehr als 1000 Seemeilen Vorsprung in Führung liegen, braut sich hinter ihnen ein ein interessanter Dreikampf zusammen.

Weil Guillermo Altadill und José Muñoz nach ihrem Reparaturstopp und 24-Stunden-Pflichtaufenthalt im Süden Neuseelands zwar wieder im Rennen sind, sich aber in flauen Bedingungen nur mit drei, vier Knoten Geschwindigkeit quälend langsam in Richtung Süden bewegen, bietet sich den Verfolgern auf den Plätzen drei und vier die Chance zum Angriff. Anna Corbella und Gerard Marín auf "Gaes Centros Auditivos" haben unterdessen als Drittplatzierte einige zig Seemeilen auf ihre Verfolger Jörg Riechers und Seb Audigane auf "Renault Captur" eingebüßt. Mit zuletzt wieder ähnlicher Bootsgeschwindigkeit strebten beide Crews in der Hoffnung ostwärts, die viel zu langsame "Neutrogena" auf ihrem Kurs zurück in den Süden abfangen zu können. Schnellstes Boot der Flotte war über 24 Stunden zuletzt "Renault Captur". Die Windprognosen klangen am Sonntagvormittag durchaus vielversprechend für Riechers und Audigane: mehr Druck für sie, etwas weniger für die spanische Mixed-Crew vor ihnen.

Barcelona World Race 2014

In Angriffsmodus: Jörg Riechers und Seb Audigane auf "Renault Captur"

In seinem Blog für YACHT online schrieb Jörg Riechers unter der Überschrift "Das Leben im Süden" aber zunächst über den nicht ganz gelungenen Wochenend-Auftakt, bevor es für die deutsch-französische Crew am Sonntag wieder aufwärts ging:

Riechers/Audigane

Jörg Riechers optimistisch auf dem Vormarsch

"Wir sind jetzt etwa zweieinhalb oder drei Wochen im Southern Ocean. So genau kann ich das gar nicht sagen, weil die Zeit hier ein wenig verwischt. Es ist so, wie ich es mir vorgestellt habe: kalt und grau und auch recht windig, obwohl die Windstärken nicht so schockierend sind. Schlimmer sind eher die Wellen. Vor allem im Indischen Ozean sind die Wellen unangenehm und manchmal auch eindrucksvoll. Was schwierig zu handhaben ist, sind die sich super ändernden Bedingungen, sozusagen 'Möhnesee auf Extasy'. Der Wind dreht gern einmal um 30 Grad in fünf Sekunden bei immer noch 30 Knoten Wind. Das macht einen nicht gerade glücklich. Denn man weiß, dass sich nun in einigen Stunden Wellensystem Nummer drei zu dem Fünf-Meter-Southern-Ocean-Schwell aus West und zur Vier-Meter-Windwelle aus Nordwest gesellt. Danke, lieber Indischer Ozean! So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Diese Art von Welle führt dazu, dass das Boot manchmal mit 25 Knoten Wind in eine Wasserwand brettert und in zwei Sekunden auf 15 Knoten abbremst. Das sind die Momente, wo es einem im Boot den Boden unter den Füßen wegreißt. Dazu kommen die ständigen Schwankungen in der Windstärke. Auf der Rückseite der Tiefs schwankt der Wind zwischen 25 und 40 Knoten. Man segelt also unterpowert oder gnadenlos überpowert in 30-Minuten-Abständen. Und man weiß leider nie, ob die Wolke hinter einem nun 30 Knoten oder 40 Knoten im Gepäck hat. Kurzum: Man hat das Gefühl, wie ein Idiot zu segeln – das ist nicht gut für die Psyche, zumal es hier unten ohnehin schon so grau ist.

Auch unser Autopilot ist nicht immer ein Fan dieser Bedingungen. Am Ende der letzten Kaltfront hatten wir diesen 'Scary Moment': Wir segelten vor dem Wind (146 TWA) und mit der J2 sowie einem Reff im Groß bei 34 Knoten Wind – leicht am Limit, aber noch völlig ok. Ich gab gerade die Wache an Seb ab und meinte, das Boot sei super und die Bedingungen easy, als wieder einer dieser 40-Knoten-Feger ankam. Das Boot schoss leicht in den Wind, was so etwa vier- bis fünfmal am Tag vorkommt und uns deshalb nicht mehr so beunruhigt. Normalerweise regelt der Pilot die Sache. Das sah auch dieses Mal so aus – die Ruder griffen wieder, also alles easy. Ich kann also darüber nachdenken, was ich esse. Doch plötzlich zeigen die TWA-Anzeigen Beunruhigendes: Der TWA bleibt nicht bei TWA 150 stehen, der Pilot übersteuert und fällt weiter. 160 bis 165 (hier wird man beunruhigt", 170 (der Sprint an Deck beginnt), 175 (das ist nun extrem uncool), 180 (fuck, das kann doch nicth wahr sein). Was folgt, ist eine Patenthalse wie aus dem Bilderbuch. 

Na ja, danach ist erst einmal nichts mehr, wie es war. Man kann auf dem Mast spazieren gehen. Die Kabinenwände werden zum Fußboden. Während Seb das Chaos an Deck richtet, mache ich mich auf zur Kielkontrolle, um den Kiel auf die neue Luvseite zu schwenken. Danach zurück ins Inferno an Deck, Backstagen dichtholen und die wild schlagende J2 einrollen, damit sie sich nicht in Stücke schreddert. Denn: Dieses Segel dürfen wir auf KEINEN Fall verlieren! Am Ende ging alles gut. Nach 30 Minuten und 15 verlorenen Meilen war alles wieder auf Kurs und unter Kontrolle. Willkommen im Süden..."

 

Tatjana Pokorny am 15.02.2015

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