Barcelona World Race

"Bitter enttäuscht über das Ergebnis"

Zwischenbilanz: "Renault Captur" hat kaum mehr Chancen, sich zu verbessern. Riechers: "Das Rennen wird jetzt ein wenig zur Charakterfrage."

Tatjana Pokorny am 18.03.2015
Barcelona World Race 2014/2015

Positionsreport 77. Tag auf See: "Cheminées Poujoulat" nähert sich dem Ziel, die "Renault Captur"-Crew kämpft sich den Atlantik hinauf

Exklusiv für YACHT online berichtet "Renault Captur"-Skipper Jörg Riechers von seinem Einsatz mit Co-Skipper Seb Audigane im Barcelona World Race. In seinem heutigen Bericht setzt sich der Hamburger Extremsegler mit dem enttäuschenden Ergebnis auseinander, verweist aber auch auf viele positive Erkenntnisse und deren Wert für sein großes Ziel der Vendée-Globe-Teilnahme.

BWR 2014/2015

Will trotz Platz sechs das beste aus dem Rennen machen: Jörg Riechers

Game Over?

"Wir hatten Neuseeland verlassen mit einem klaren Ziel, unseren vierten Platz wiederzuholen. Das schien nach unserer Performance gegenüber den zu überholenden Booten auch realistisch. Aber irgendwie stand unsere Aufholjagd schon bald unter keinem guten Stern. Kurz hinter Neuseeland blockierte ein Tropentief den Weg in den Southern Ocean - wir mussten einen großen Umweg in Kauf nehmen. Zudem war unser Ruderproblem nicht gelöst. Auf Steuerbordbug lief zwar alles normal, auf Backbordbug aber war das Boot ab 18 Knoten Bootsspeed nicht mehr zu beherrschen. Wir mussten Geschwindigkeit rausnehmen, konnten teilweise nur 70 bis 80 Prozent unseres Target-Speeds segeln. Damit nicht genug: Das kleine fiese Tropentief vereinigte sich mit einem klassischen Southern-Ocean-Tief zu einem perfekten Sturm, der uns eine denkwürdige Kap Hoorn-Umrundung bescherte.

Das Problem war die Kombination aus Überlebensmodus und Regattamodus. Wir mussten schnell sein. Die 750 Seemeilen bei Kap Hoorn hatten uns noch keine allzu großen Sorgen bereitet. Wir dachten: Das holen wir im Südatlantik schon wieder auf. Doch dann kam das ungewöhnliche "Falkland-Hoch", das uns einen halben Tag bleierne Flaute bescherte und gleichzeitig die beiden Boote vor uns in Turbogeschwindigkeit in Richtung Südost-Passat katapultierte. Das Ergebnis sieht man jetzt: 1200 Seemeilen Rückstand für uns! Und so, wie sich das Wetter aktuell präsentiert, kann dieser Rückstand sogar noch anwachsen. Gerecht ist das zwar irgendwie nicht, aber zu ändern auch nicht. Uns bleibt die Hoffnung auf ein "Wunder der Doldrums". Naja, so wie es bisher gelaufen ist, sollten wir darauf wohl eher nicht hoffen. Aber mal sehen...

Nun wird das Segeln in diesem Rennen ein wenig zur Charakterfrage. Wir dürfen uns nicht von Enttäuschung und Frustration gefangen nehmen lassen. Das gelingt uns ganz gut. Wir segeln das Boot weiterhin bei 100 Prozent, so gut und so schnell wie möglich. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mit dem Rennen zufrieden bin. Ich bin bitter enttäuscht über das Ergebnis zur Zeit!

Auf der positiven Seite sind die Erfahrungen zu sehen, die Zeit im Southern Ocean, die nötige Härte, die ich mir bei diesem Rennen erworben habe. Und das Wissen, welche Segel es braucht, und welches Boot es benötigt, um die Vendée Globe ganz vorne zu beenden. Insofern wird dieses Barcelona World Race dazu beitragen,
meine Chancen auf einen Podiumsplatz bei der Vendée Globe zu verbessern. 

Ich bin nun seit drei Wochen dabei, das Boot für die Vendée mit den beiden Designern zu konzipieren. Im Zwei-Tages-Takt werden Ideen ausgetauscht. Wir glauben inzwischen, ein Paket geschnürt zu haben, welches einen Tick besser ist als das VPLP/Verdier Design der anderen sechs Neubauten. Unser Boot ist etwas stärker auf "Foils" ausgelegt, als das VPLP/Verdier Design und sollte vor dem Wind und am Wind Vorteile haben. Eine Sieggarantie ist das noch nicht, aber ein sehr wichtiger Bestandteil. Bootsspeed ist immer hilfreich, um zu gewinnen, auch wenn der Skipper einmal einen Fehler macht oder der Wind nicht optimal weht. Langsame Boote hingegen sind unerbittlich - sie verzeihen keine Fehler. Da musst du halt noch mehr auf dein Glück setzen. Aber das ist nicht Profisegeln, sondern Lotterie! Deshalb hilft nur ein Top-Boot für die Vendée Globe, nicht nur für mich, sondern auch für den deutschen Segelsport. Um endlich das Eis zu brechen und international vorne mitzusegeln. Viele Grüsse, Jörg"

Während Riechers und Audigane erst Anfang/Mitte April im Start- und Zielhafen Barcelona eintreffen werden, wird die Zweihand-Weltumseglung für die Spitzenreiter Bernard Stamm und Jean Le Cam in wenigen Tagen beendet sein. Die Organisatoren rechnen aktuell am 25. März mit ihrer Ankunft. 1600 Seemeilen hatten der Schweizer und der Franzose am Mittwochvormittag noch bis ins Ziel zu absolvieren. Der Triumph ist also nah. Hinter dem führenden Boot ringen die Crews auf "Neutrogena" und "Gaes Centros Auditivos" um Platz zwei. Noch hat "Neutrogena" mit 100 Seemeilen Vorsprung die besseren Chancen. Dahinter kämpfen die Mannschaften auf "We are Water" und "One Planet, One Ocean/Pharmaton" mit nur 15 Seemeilen Differenz um Platz vier! Mit etwa 1150 Seemeilen Rückstand auf diese beiden Boote wird es für Riechers/Audigane mehr als schwer, ihren sechsten Platz auf den verbleibenden 3335 Seemeilen noch einmal zu verbessern.

BWR 2014/2015

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Tatjana Pokorny am 18.03.2015

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