America's Cup

Russell Coutts: "Peter Burling ist ein unglaubliches Talent"

EXKLUSIV-INTERVIEW – TEIL 2: America's-Cup-Chef Russell Coutts spricht über Neuseelands neuen Segelstar, ein Dinner mit Ernesto Betarelli und Zukunftspläne

Tatjana Pokorny am 23.06.2017
35. America's Cup
ACEA2017/Gilles Martin-Raget

Neuseelands Top-Steuermann Peter Burling

Russell Coutts

Russell Coutts

Im Exklusiv-Interview mit YACHT online auf Bermuda gab America's-Cup-Chef Russell Coutts tiefe Einblicke in die aktuelle Cup-Welt und seine Gedanken zu Gegenwart und Zukunft der ältesten Trophäe der Sportwelt. Der fünfmalige America's-Cup-Gewinner und Dirigent der 35. Auflage machte dabei keinen Hehl aus seiner Bewunderung für die neuseeländischen Landsleute.

35. America's Cup

Der nächste große Segler aus dem Land der langen weißen Wolke: Peter Burling steuert im Kielwasser von Russell Coutts und Dean Barker die "Aotearoa" im 35. America's Cup

Herr Coutts, der junge neuseeländische Steuermann Peter Burling ist in aller Munde. Als siebenmaliger Weltmeister, Motten-König und 49er-Olympiasieger war er zwar schon vor dem America's Cup als Ausnahmesegler bekannt. Dass er aber auch im America's Cup bei seiner Premiere auf extrem hohem Niveau agiert, führt nun immer öfter zu Vergleichen mit Ihnen. Gefällt Ihnen dieser Vergleich, sehen Sie Parallelen zwischen Burling und sich selbst?

Oh Mann, ich würde mich echt geehrt fühlen, wenn das der Fall wäre! Peter Burling ist ganz sicher ein unglaubliches Talent. Das hat er jetzt auch unter Druck bewiesen. Wir alle haben uns doch mit der Frage beschäftigt, ob er seine Klasse auch im America's Cup unter Beweis stellen kann. Und lasst uns ehrlich sein: Er hat Jimmy Spithill dieses Mal übertroffen.

Kieler Woche 2016

49er-Steuermann Peter Burling mit seinem Vorschoter Blair Tuke: Zusammen gewannen sie in Rio Gold, als Burling 25 Jahre alt war. Bereits mit 21 Jahren hatten er und Tuke 2012 Silber bei den Spielen vor Weymouth gewonnen

Der junge Russell Coutts bei der olympischen Siegerehrung 1984: Damals gewann er im Alter von 22 Jahren im Finn-Dinghy Gold für Neuseeland

Können Sie sehen und sagen, was diesen intuitiv agierenden und gleichzeitig technisch detailversessenen Steuermann so auszeichnet?

Ich sehe gar nicht so viel. Ich höre, was die Leute sagen. Er ist einfach ein unglaubliches Talent, und es sieht so aus, dass er die technische Seite des Sports auch beherrscht. Der kann in eine Motte springen und Weltmeister werden. Der kann in einen 49er springen und Gold gewinnen. Der kann ganz offenbar in alles springen und gewinnen. Das ist die Qualität eines echten Champions im Stile von Paul Elvstrøm oder Leuten seines Kalibers. Der Typ ist so talentiert, dass er wahrscheinlich auf verschiedensten Positionen segeln könnte und immer herausragend wäre. Er ist ganz sicher der zukünftige Star unseres Sports.

Glauben Sie, dass Larry Ellison dem America's Cup treu bleibt, wenn sein Oracle Team USA den Cup an die Kiwis verlieren sollte?

(Denkt nach.) Ich habe noch nicht mit Larry darüber gesprochen. Aber ich denke, er wäre daran interessiert, das aktuelle Cup-Format beizubehalten. Wenn das für die Zukunft nicht der Fall wäre, dann bin ich mir nicht so sicher, dass er interessiert wäre. Aber das ist natürlich seine Entscheidung.

Wir hörten, dass Sie sich hier auf Bermuda mit Ihrem einstigen Alinghi-Boss Ernesto Bertarelli, von dessen Team Sie sich nach dem Cup-Sieg 2003 nicht gerade einvernehmlich getrennt hatten, zum Dinner getroffen haben...

Ja, er war hier. Er ist ein leidenschaftlicher Beobachter des America's Cup. Wir hatten ein schönes Dinner zusammen. Wir haben es beide genossen, wirklich genossen – immerhin sind wir wieder zu einem anständigen Gespräch gekommen. Es hat Spaß gemacht.

Es gibt Experten, die glauben, dass die bisherige Dominanz der Kiwis in diesem 35. Cup-Duell noch größer ist als die Ihres neuseeländischen Teams 1995, als Sie die Amerikaner mit 5:0 besiegten.

Ich würde sie für ähnlich halten. Es gab 1995 Rennen, in denen wir die Amerikaner mit fünf Minuten Vorsprung geschlagen haben. Da könnte man argumentieren, dass die Speed-Unterschiede sogar noch größer waren. Das sind dann aber ziemlich stumpfe Rennen. In beiden Fällen. Ich denke, in San Diego noch mehr.

Unabhängig vom Ausgang dieser Cup-Auflage: Was ist Ihr Thema der Zukunft?

Ich konzentriere mich immer mehr auf den Nachwuchs, das Jugendsegeln. Eines unserer Ziele in diesem America's Cup war es, die Schwächen unseres Sports anzusprechen. Der Sport hat eine alternde demografische Entwicklung – was nicht gerade das richtige Rezept für Wachstum im Segelsport ist. Wir müssen die jungen Segler besser im Sport halten. Wir müssen ihnen gute Programme anbieten. Das bringt Herausforderungen mit sich. Kosten und Komplexität sind zwei Hindernisse, die nun einmal existieren. Wir müssen den jungen Leuten mehr Wahlmöglichkeiten geben.

Was meinen Sie damit?

Dass sich viele Nachwuchsförderprogramme rund um die Welt zum Ziel gesetzt haben, Optimisten-Weltmeister hervorzubringen. Für mich aber ist es diese Art von falschem Ehrgeiz, die viel zu viele junge Leute viel zu früh wieder aus dem Sport treibt. Weil diese Programme so intensiv sind. Und ich denke, dass viele Kinder auch nicht so lange allein segeln wollen. Stellt euch doch mal vor, was mit diesen Kids passieren würde, wenn wir sie nicht drängen und auf diese Weise unterrichten, sondern ihnen die Möglichkeit zum Segeln mit einem Partner geben würden, oder mit Freunden. Wenn wir ihnen sagen: Klar kannst du den Opti nehmen und Spaß haben. Du kannst aber auch den Windsurfer da drüben nehmen. Wie wäre das? Und wenn du das Boot mit den Foils da drüben nehmen willst, dann machst du das. Wenn man das Angebot schon im jungen Alter auf diese Weise erweitern würde, dann bekämen wir meiner Meinung nach nicht nur Wachstum, sondern massives Wachstum!

Ist das eine Erfahrung, die Sie gemacht haben?

Ich betreibe einige Jugend-Förderprogramme in Neuseeland und sehe dabei immer wieder, was für ein fantastischer Sport Segeln ist. Du kannst eben Boote aller Arten und Größen und für alle Interessen haben. Es mag ja sein, dass einige Leute das Segeln in einer ganz bestimmten Bootsklasse toll finden, aber deswegen müssen sie das ja nicht allen anderen aufzwingen. Es ist doch gerade das Magische am Segelsport, dass er so viele Möglichkeiten bietet.

Es sind ja oft die Eltern, die das Richtige für ihre Kinder zu tun glauben...

Ich habe gerade wieder einer ganzen Gruppe von Eltern in Neuseeland gesagt: Wenn es euer Ziel ist, einen Olympia-Champion zu kreieren – was ohnehin meiner Meinung nach niemals Teil eines Förderprogramms sein sollte –, wisst ihr denn, dass Ben Ainslie, der erfolgreichste Olympiasegler aller Zeiten, 72. bei einer Opti-Weltmeisterschaft war? Das bedeutet nicht, dass er nicht gut war. Er war großartig. Frühe Top-Platzierungen sollten nicht als Messlatte gesehen werden, ob Kinder später einmal erfolgreiche Segler werden. Erst einmal sollten sie den Sport lieben. Wirklich lieben! Und wenn du diese Leidenschaft entfacht hast, dann werden sie auch etwas im Sport finden, dass sie mit Leidenschaft betreiben. Man sollte sie einfach nur ermutigen, ihren Weg zu finden. Das ist aktuell meine große Leidenschaft.

Tatjana Pokorny am 23.06.2017

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