America's Cup

Kiwis mit einer Hand an der Silberkanne

Das Emirates Team New Zealand hat Oracle erneut zweimal deutlich geschlagen und beim Stand von 6:1 sechs Matchpunkte! Déjà-vu? Ja, aber…

Tatjana Pokorny am 25.06.2017
35. Match um den America's Cup
ACEA2017/Sander van der Borch

Eine Hand an der Kanne, ein paar Gedanken an 2013: Das Emirates Team New Zealand hat sich im 35. Match um den America's Cup – wie schon vor vier Jahren – im Duell mit Titelverteidiger Oracle Team USA eine ganze Serie an Matchpunkten erarbeitet. Damals waren es acht, jetzt sind es sechs. Dem deklassierten Oracle-Steuermann Jimmy Spithill, der am vierten Renntag in den Begegnungen 7 und 8 erneut eine Reihe so unnötiger wie für ihn ungewöhnlicher Fehler beging und Penalties kassierte, gefällt der Vergleich mit seinem sogenannten "Jahrhundert-Comeback" vor vier Jahren. Natürlich. Die Erinnerung an das damals scheinbar Unmögliche, das die Amerikaner doch möglich machten, birgt beim Stand von 1:6 im "Best-of-Seven-Duell" die einzige Hoffnung. Und so sagte der in die Ecke gedrängte zweimalige Cup-Sieger: "Wir standen schon einmal an diesem Punkt. Wir sind bereit zum Kampf und werden fliegen." Larry Ellisons bislang stets erfolgreicher Star-Skipper beschwört den Geist von einst, doch haben sich die Rahmenbedingungen verändert, bieten weniger Optimierungspotenzial als damals.

35. Match um den America's Cup

Am Sonntag gab es für Verteidiger Oracle Team USA keine Gnade: Das Emirates Team New Zealand kassierte beide Siegpunkte des Tages in überzeugender Weise

Spithills Gegner sind nicht mehr Steuermann Dean Barker und dessen Kiwi-Crew, die auch im 34. America's Cup für Innovationen gesorgt hatten, denen damals aber Energie und Geld ausgingen, als die Amerikaner ihr potentes Comeback einläuteten. Spithills Gegner von heute sind ein hochtalentierter und extrem schnell lernender Olympiasieger und siebenmaliger Weltmeister namens Peter "Pistol-Pete" Burling, eine effiziente und am Sonntag nach den Patzern vom Samstag wieder nahezu fehlerfrei agierende Kiwi-Crew mit ihrer rasanten "roten Rakete" namens "Aotearoa". Und weil die Neuseeländer so gut waren und die Amerikaner fast schön lässig in eine lockere wie effektive Deckung nahmen, fielen die Fehler der Titelverteidiger besonders ins Auge. Ob das nun der verlorene Start in Rennen 7, die Fehleinschätzung Spithills beim "Hook" in der Startphase von Rennen 8 oder das verbotene Überfahren der Kursgrenze waren: Das Oracle Team USA sah am Sonntag rundum nicht gut aus. Und Jimmy Spithill scheint seine einst so bestechende Start-Stärke irgendwo auf dem Grund des Great Sound versenkt zu haben.

35. Duell um den America's Cup

Erst lässig "abgestellt", dann schnell fort: Peter Burling und die Kiwis segeln den Amerikanern im zweiten Start am Sonntag einfach davon

35. Duell um den America's Cup

Der Video-Beweis in der Animation: Das Oracle Team USA überfährt ohne Not die Kursgrenze und wird mit einem Penalty bestraft. Software-Problem oder dummer Fehler der Afterguard?

35. Match um den America's Cup

Das Emirates Team New Zealand spielt "Catch me, if you can". Aber die Titelverteidiger können die Kiwis nicht einfangen

Die mit Blick auf Titelsponsor Oracle etwas gehässige Frage, ob sein Team womöglich Software-Probleme habe, beantwortete Jimmy Spithill ohne Zögern: "Weder ist etwas mit unserer Software falsch noch mit unseren Jungs. Wenn ihr mit dem Finger auf den Schuldigen zeigen wollt, dann zeigt auf mich." Weiter zollte Spithill am Abend nach den nächsten beiden Ohrfeigen seinen Gegnern maximalen Respekt: "Diese Jungs segeln besser. Sie machen weniger Fehler. Sie haben zu Recht gewonnen." Angesprochen auf das Comeback vor vier Jahren, musste der Australier in amerikanischen Diensten sogar lächeln: "Lasst es mich ehrlich sagen: Es war wirklich nicht unser Plan, wieder in diese Situation zu geraten." Nun aber, so Spithill, sei sie eben da und man werde mit ihr umgehen. "Wir werden aus allen Zylindern feuern und ein Rennen zurzeit ins Visier nehmen", kündigte der Mann mit dem Rücken zur Wand an. Spithill, der 2010 im gerichtlich anberaumten "Deed of Gift"-Match mit dem Triumph über Alinghi zum jüngsten Cup-Sieger der Geschichte aufstieg und auch diesen Rekord nun womöglich an Überflieger Peter Burling abtreten muss, schloss am späten Sonntagabend nicht einmal aus, seine eigene Position zu räumen. "Alles ist jetzt auf dem Tisch: das Team, das Boot, die Konfiguration. Tom Slingsby und ich treffen die Entscheidungen gemeinsam. Wir werden uns heute Abend zusammensetzen."

Es ist allerdings nur sehr schwer vorstellbar, dass ein Jimmy Spithill kneifen wird. Er mag kein Charmeur oder Sonnyboy sein. Er liebt die Provokation und bedient sich auch gern der sportlichen Aggression. Feige ist dieser Mann sicher nicht. Und Slingsby dürfte als mögliche Steuermann-Alternative einfach die Erfahrung aus der Herausforderer-Qualifikation und den bisherigen acht Duellen mit dem Emirates Team New Zealand fehlen. Im Angesicht von sechs Matchpunkten gegen sich wird Spithill das Steuer nicht freiwillig aus der Hand geben. Tritt er dennoch zurück, dürften höhere Mächte als der sympathische Taktiker und Sailing Manager Tom Slingsby im Spiel sein. 

35. Match um den America's Cup

Den hätten die Kiwis gern im Original: den America's Cup, "The Auld Mug", die wichtigste und älteste Trophäe des internationalen Segelsports

Der Showdown könnte nun also am Montagabend deutscher Zeit ab 19 Uhr erfolgen und wird wieder bei Servus TV und bei Sky Sport live zu sehen sein. Das war nicht ganz der Plan der America's-Cup-Verteidiger und Veranstalter, die zugunsten guter TV-Einschaltquoten auf eine Entscheidung an einem Wochenend-Tag gehofft hatten. Die Teams aber nehmen es, wie es kommt. Die Fans auch. Insbesondere die neuseeländischen, die inzwischen in den frühen Morgenstunden zu Zehntausenden Public-Viewings, Vereinsveranstaltungen oder andere gemeinsame Übertragungen besuchen oder sich mit Freunden und Familie zum Cup-Frühstück für "Early Birds" treffen. Während die Segel-Duelle in Deutschland zur besten Sendezeit zwischen 19 und 20.30 Uhr live über die Mattscheibe flimmern, muss der hartgesottene Kiwi-Fan um 5 Uhr morgens bereit sein für die Cup-Schlacht seines Teams. Und er ist es. Beim Stand von 6:1 dürften am Dienstagmorgen neuseeländischer Zeit mehr als eine Million Kiwis die nächste(n) Begegnung(en) ihrer Nationalhelden verfolgen und auf Cup-Sieg Nummer drei nach 2000 und 2003 hoffen. Ihr neuer Superstar Peter Burling hatte die jüngsten Kiwi-Siege übrigens mit der üblichen Zurückhaltung und einer inzwischen öfter vorkommenden Prise Kessheit kommentiert: "Wir haben das eine Rennen am Samstag ja nicht gern abgegeben. Uns wurden danach viele Fragen gestellt. Mein Gefühl ist, dass wir die Fragen heute auf dem Wasser beantworten konnten."

35. Match um den America's Cup

Tausende Kiwi-Fans sind nach Bermuda geflogen, um das Emirates Team New Zealand vor Ort anzufeuern. Perter Burling: "Unsere Fans sind einfach nur unglaublich und bedeuten uns sehr viel. Sie machen uns stolz."

35. Match um den America's Cup

Vor den beiden Rennen am Sonntag hatten Oracles Fans ihr Team beim Stand von 1:4 und drei Punkten Rückstand zu "Threepeat" aufgefordert und angefeuert. Dafür konnten die Segler sie aber nicht mit Siegpunkten belohnen 

Tatjana Pokorny am 25.06.2017

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