Havarie

Oyster 825: krasse Bilder eines Wracks

26.11.2015 Jochen Rieker, Fotos: YACHT Russia/A. Grokhovsky, Oyster Yachts - Im Juli verlor eine erst ein Jahr alte Oyster vor Spanien ihren Kiel und sank – ein Schock für Crew und Werft. Jetzt wurde die Yacht gehoben

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Fotograf: © YACHT Russia/A. Grokhovsky

Offen liegende Bodengruppe, wo sonst massives Rumpflaminat sein sollte. Kielbereich der havarierten Oyster 825

Monatelang lag das einst stolze Schiff auf dem Grund des Mittelmeers, etwa 30 Seemeilen vor Alicante an der spanischen Küste. Ende Oktober wurde es gehoben und eingeschleppt. Was nach dem Kranen zum Vorschein kam, sieht schockierend aus – und wirft viele Fragen auf. 

In der Rumpfmitte der Oyster 825, die einem russischen Eigner gehört und die von der Werft im Heckbereich modifiziert worden war, klafft ein fast 20 Quadratmeter großes Loch. Dort, wo einst der Kiel saß, riss das Laminat teils bis über die Wasserlinie hinaus ab – als habe in dem am höchsten belasteten Bereich keine kraftschlüssige Verbindung zwischen Bodengruppe und Außenhaut bestanden. Der zur Aussteifung dienende Innensitz liegt völlig frei, Kabel und Schläuche ragen aus den Compartments. Ein verstörender Anblick. 

YACHT Russia, eine in Russland verlegte Lizenzausgabe der YACHT, hat die Untersuchung des Wracks vor Ort in Alicante dokumentiert und uns die Fotos zur Verfügung gestellt. Zwei Gutachter-Teams arbeiten derzeit an dem Fall – eins im Auftrag der Werft bzw. deren Versicherung, das andere für die Versicherung des Eigners. Ihre Arbeit wird noch mehrere Wochen in Anspruch nehmen, erst dann ist mit belastbaren Aussagen zu der Havarieursache zu rechnen.

Bis die Berichte vorliegen, wolle Oyster Yachts keine Stellungnahme abgeben, sagte CEO David Tydeman zur YACHT: "An Spekulationen werden wir uns nicht beteiligen, wir werden sie auch nicht kommentieren." Der Werftchef war bei der Begutachtung selbst anwesend, begleitet von Mitarbeitern aus der Produktion. Er betonte, dass es sich bei der havarierten Yacht um den bislang ersten und einzigen Fall eines Kielverlusts in der 42-jährigen Geschichte von Oyster handele und dass ein solches Risiko für andere Boote des Typs ausgeschlossen werden könne. "Alle anderen Oyster 825 sind sicher."

Für den britischen Renommierbetrieb, der zu den weltweit meistgeachteten Luxuswerften zählt und gut gefüllte Orderbücher hat, ist die Havarie ein schwerer Schlag. Denn ein solch kapitaler Schaden darf eigentlich nicht passieren – zumal bei einem fast neuen Boot. 

Zwar kam bei der Kenterung, die nur wenige Minuten nach den ersten Anzeichen für den Strukturschaden erfolgte, wie durch ein Wunder niemand zu Schaden; dank der umsichtigen Reaktion des italienischen Kapitäns konnten alle Crewmitglieder in die Rettungsinsel übersteigen und wenige Stunden später von einem spanischen Fischer abgeborgen werden. Dennoch bleibt das Unbehagen, bleiben Zweifel. Denn zum Zeitpunkt des Unfalls herrschten normale Bedingungen, Wind um 5 Beaufort und nur etwa anderthalb Meter Welle – für eine 25-Meter-Yacht keine Herausforderung. 

In einer ersten Stellungnahme vom 24. Juli hatte Oyster, nachdem der Kiel geortet und von einem Taucher fotografiert worden war, geschrieben: "Die Möglichkeit eines Aufpralls mit einem Gegenstand unter Wasser und einem daraus resultierenden strukturellen Versagen kann nicht ausgeschlossen werden." Die jetzt vorliegenden Fotos legen dagegen nahe, dass kein Crash stattgefunden hat. Der Kiel weist keinerlei Anzeichen eines Aufpralls auf, nicht einmal Abschürfungen von der Drahttrosse eines Schleppnetzes. Auch sind die Kielbolzen noch fest mit dem massiv laminierten Flansch verbunden.

Was aber hat dann den Abriss verursacht?

Darüber gibt es momentan nur Vermutungen. Von YACHT online befragte Bootsbauer und Experten für faserverstärkte Kunststoffe halten einen Fertigungsfehler in der Verbindung von Bodengruppe und Rumpflaminat für wahrscheinlich. YACHT Russia dagegen sieht nach Gesprächen mit Konstrukteuren eine Unterdimensionierung des GFK-Kielflansches und seiner Aussteifung als mögliche Ursache. Die nötige Gewissheit aber werden erst die Berichte der Gutachter bringen. 

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