Interview

„Nichts ist mehr so, wie es mal war“

29.11.2012 Uwe Janßen, Fotos: YACHT/M. Müller, privat, M. Müller, YACHT - Mit der Atlantik-Übersegelung hat die „Freydis“ ihre erste Bewährungsprobe hinter sich. Eigner Erich Wilts über Tops und Flops seiner Neuen

Freydis
Fotograf: © YACHT/M. Müller

Die Neue unter Vollzeug bei einer Testfahrt

Heide und Erich Wilts haben ihr Schiff 2011 im Tsunami in Japan verloren, ein neues musste her. Und in diese „Freydis“, die dritte, hat das populäre Seglerpaar aus Heidelberg alle Erfahrung aus Jahrzehnten auf den Ozeanen einfließen lassen (siehe YACHT 15/2012). Im August sind die beiden 70-Jährigen aufgebrochen zu ihrer achten Weltreise. Von Leer aus führte sie der Kurs über die Kanaren in die Karibik. Dieser Tage wollen sie mit neuer Crew weiter durch den Panamakanal in den Pazifik. YACHT online hat Erich Wilts unmittelbar vor der Ausreise an seinem Ankerplatz in Spanish Water auf Curaçao erwischt – das erste Interview nach dem Härtetest Atlantik. 

Herr Wilts, Sie bereiten sich gerade auf die Weiterreise Richtung Panamakanal vor. Wie lautet Ihre bisherige Bilanz? Und wie hat die neue „Freydis“ ihre erste harte Bewährungsprobe überstanden, die Atlantiküberquerung? 

Erich Wilts: Um mit dem Positiven anzufangen: Die Steuereigenschaften waren auf allen Kursen ausnehmend gut, das gilt auch für die Manövriereigenschaften auf engerem Raum.

Freydis
Fotograf: © YACHT/M. Müller

Heide und Erich Wilts vor ihrer trockengefallenen „Freydis“

Obwohl Ihr hochbordiges, schweres Schiff einen anderen Verdacht nahelegt …

… unsere Sorgen haben sich bisher als vollkommen unbegründet erwiesen. Allerdings hatten wir auch noch keinen Sturm.

Was hat sich noch besonders bewährt?

Das neue Mastrutscher-System. Das Reffen des Großsegels ist jetzt deutlich einfacher. Es ist 50 Prozent größer als bei der Vorgängerin – 60 statt 40 Quadratmeter –, trotzdem ging das Reffen mit den kugelgelagerten Seldenrutschern leicht. Es entfiel das mühselige Herausnehmen der Rutscher aus der Mastschiene. Auch der Umgang mit den extragroßen Spi-Bäumen war recht einfach.

An den Bäumen kann man Ihr Motto bei Bau und Ausrüstung prima erkennen: „Alles eine gute Nummer größer, als man es normalerweise macht.“

Ja, sie sind acht Meter lang und haben einen Durchmesser von 120 Millimetern. Aber wir haben ein gutes, ausgereiftes System für den Umgang damit und außerdem eine neue Technik angewandt: Die Schot von Genua oder Spi dient nicht mehr als Achterholer, sondern Achterholer und Genuaschot laufen getrennt durch die Baumnock. Das hat den Vorteil, dass der Baum oder beide erst einmal stehen bleiben können, falls man sie wieder braucht, zum Beispiel bei Windänderung oder für ein neues Segel. 

Der hohe Freibord sollte zu weniger Wasser an Deck führen. Ist der Plan aufgegangen?

Absolut. War die fühere „Freydis“ ein extrem nasses Schiff, so ist diese jetzt ein extrem trockenes. Der höhere Freibord führt nicht zum Aufschaukeln, aber bei vorlichen Winden ist der Windwiderstand natürlich größer und die Krängung entsprechend größer. 

Und die neue, extra für Sie marinisierte Maschine?

Freydis
Fotograf: © YACHT/M. Müller

„Lief bisher einwandfrei“ – der Skipper im großen Maschinenraum

Lief bisher einwandfrei. Bewährt haben sich der Tagestank und das Doppelfiltersystem. Zu Beginn der Reise hatten wir zu unserem Leidwesen eine Menge Wasser im Tank, da hat die Werft wohl etwas übersehen. Aber wir hatten keine ernsthaften Probleme, im Gegensatz zu unseren Freunden auf der „Rainbow“, einer Hallberg-Rassy 48, die mit uns segelt. Sie mussten auf den Kapverden das gesamte System wegen mit Algen verunreinigtem Diesel säubern. Wir hatten gleich zu Beginn der Reise dem Diesel erhebliche Mengen von Additiven beigegeben, das hat sich bislang bewährt. Trotzdem sind wir mit dem Antrieb nicht ganz zufrieden.

Warum nicht?

Auf Rat unseres Marinisierers haben wir einen um zwei Zoll kleineren Propeller anbringen lassen als bei der alten „Freydis“, in der ja die gleiche Maschine arbeitete. Ein Fehler, wie sich nun doch herausstellt. Denn wir müssen mit höherer Drehzahl – 1400 Umdrehungen statt 1200 – die gleiche Leistung erbringen. Das erhöht den Verbrauch um einen bis anderthalb Liter Diesel in der Stunde.

Sehr ungewöhnlich ist Ihr Rumpfkonzept mit dem breiten Kiel-/Ballastkasten und einem Schwenkkiel. Sind Sie damit zufrieden?

Freydis
Fotograf: © YACHT/M. Müller

Eine der großen Besonderheiten: Die Kielbox nimmt das Schwert auf und ermöglicht ideales Trockenfallen

Wilts mit Netz
Fotograf: © privat

Erich Wilts mit dem Netz, das er vom Propeller geschnitten hat

Sehr sogar. Der wesentlich leichtere Schwenkkiel ist viel besser handzuhaben und erfüllt seine Aufgabe. Bewährt hat sich auch das geschützte Ruder, obwohl wir mehrfach Netze mit dem Propeller aufgegabelt haben. Einmal musste ich in einer stundenlangen Tauchaktion das Netz Stück für Stück herausschneiden. Zwar hatte der Schneidekranz das Netz durchtrennt, aber es hat den Propeller nicht freigegeben, sondern sich um die Flügel gewickelt. So etwas wäre uns mit einer nicht derart geschützten Konstruktion sicher öfter passiert.

Bleiben wir bei den Auffälligkeiten: Das Heck der neuen „Freydis“ ist sehr markant ausgefallen.

Und es zählt zu den erheblichen Verbesserungen! Das eingearbeitete Stufenheck und die Badeplattform mit Warm- und Kaltdusche ergeben eine echte Wellnessecke! Und durch diese Heckform gelangen wir auch beim römisch-katholischen Festmachen gut auf die Pier. Wo wir gerade bei den signifikanten Verbesserungen sind: Aluminium als Rumpfmaterial ist für uns eine unglaubliche Erleichterung. Die alte „Freydis“ war ja aus Stahl, und mit einem Mal entfällt die leidige, ständige Suche nach irgendwelchen Rostspuren.

Und welche Idee hat sich im Nachhinein als Flop entpuppt?

Wenn wir voll besetzt sind mit acht Leuten, ist der Stauraum doch zu knapp. Deshalb missbrauchen wir den Platz unter dem Tisch in der Messe als Lager für Frischmilch, Eier, Dosen und die hintere Dusche für Bierdosen und Weinkartons. Aber welcher Eigner stellt im Nachhinein nicht fest, dass sein Neubau doch schon wieder zu kurz geraten ist (lacht). Außerdem bin ich mit den Wassergeneratoren nicht zufrieden, unser Traum vom unbegrenzten Bordstrom ist nicht in Erfüllung gegangen.

Woran lag’s?

Strom haben die Wassergeneratoren zwar geliefert – aber sie waren so ungeheuer laut, sie kreischten derart, dass wir sie bei bestem Willen nicht mehr einsetzen können. Das war eigentlich die größte Enttäuschung, zusammen mit einem sündhaft teuren Antifouling, das den Namen nicht verdient. Bereits in Lissabon haben wir die „Freydis“ aus dem Wasser holen und neu streichen müssen – zu Gesamtkosten von mehr als 3000 Euro. Doch schon in Grenada musste wieder ein Taucher geordert werden, der den Bewuchs abschrubbt.

Freydis
Fotograf: © M. Müller

Das markante Heck ist wie eine Wellness-Ecke. Aber die Wassergeneratoren haben versagt

Haben Sie bei Bau und Planung etwas Wesentliches übersehen?

Sagen wir: Wir haben etwas falsch eingeschätzt, nämlich unseren Bedarf an Sonnenschutz. Wir hatten noch nie ein Bimini an Bord, auch nicht in den Jahren in den Tropen, aber inzwischen kommt es uns unverzichtbar vor – die Sonne scheint intensiver. Bei leichten achterlichen Winden und zunehmenden Flauten braucht man unbedingt ein schattiges Cockpit auch während des Segelns. Wie sehr das Vermeiden der prallen Sonne wohltut, merken wir bei den Mahlzeiten. Die nehmen wir im Deckshaus ein, bei geöffneter Tür und Frontscheibe. So ist es luftig und schattig zugleich.

Das Arrangement von Deckshaus und Cockpit hat bei den Testfahrten einen sehr einladenden Eindruck gemacht.

Der hat sich in der Praxis bestätigt. 

Abgesehen vom Schiff: Haben Sie auf der Atlantik-Passage sonst Bemerkenswertes erlebt?

YACHT 15/12
Fotograf: © YACHT

Die „Freydis“ auf dem Cover von YACHT 15/2012

Seltsamen Wind! Der Nordost-Passat war nicht konstant, wir hatten Starkwind, wir hatten Gegenwind, wir hatten Flauten – nichts ist mehr, wie es einmal war. Dazu kamen die Einflüsse von Wirbelstürmen wie „Sandy“, die ja das Wetter über weiten Bereichen des Atlantiks bestimmen. Und im Anschluss an die Ozean-Passage, in der Karibik, fiel das Wetter ebenfalls aus der bisher gültigen Norm. Immer wieder gab Passatstörungen. Gestern herrschten den ganzen Tag Blitz, Donner, Sturmböen und ununterbrochener Regen. Ein bisschen Normalität auf dem nächsten Törn nach Panama würden wir uns schon wünschen – aber der jüngste Wetterbericht macht uns wenig Hoffnung. 

Die aktuelle Position der „Freydis“, den Törnplan für Mitsegler und jede Menge weitere Informationen finden Sie hier

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