Navigation

Lernen aus der Katastrophe

20.01.2012 Andreas Fritsch, Fotos: privat - Der Fall "Costa Concordia" belegt drastisch die unterschätzten Risiken der modernen Navigation, die ungenauer sein kann, als viele glauben

Costa Concordia
Fotograf: © privat
Die havarierte "Costa Concordia" mit dem Felsstück im Rumpf

Wahrscheinlich dürfte der Felsen der Gruppe "Le Scole" vor der Ostküste von Giglo als einer der berühmt-berüchtigsten in die italienische Seefahrts-Geschichte eingehen. Vielleicht wird er aber auch in Zukunft eines der eindrücklichsten Lehrbeispiele für eine fatal falsche Nutzung von elektronischen Seekarten werden.

Zurzeit sieht es so aus, als ob der abgebrochene Felsen, der nun geradezu anklagend in der riesigen Narbe der "Costa Concordia" steckt, nicht in der elektronischen Seekarte eingezeichnet war, so äußerte sich zumindest ein nautischer Mitarbeiter des BSH gegenüber dem "Spiegel". Kapitän Schettino berief sich von Anfang an darauf, dass der Stein "dort nicht hätte sein dürfen", was ein drastisch verzerrtes Realitätsbild nahelegt. Die Technik sagt: Dort liegt kein Stein, also kann ich dort fahren. Doch jeder, der in der professionellen Seefahrt arbeitet, müsste eigentlich wissen, dass gerade Felsen im Flachwasserbereich von Inseln bis heute oft nicht 100-prozentig exakt vermessen sind.

Auch wenn GPS mittlerweile zentimetergenau anzeigt – die Seekarten-Vermessungen sind nicht im gleichen Tempo genauso exakt geworden. Die moderne Elektronik gaukelt eine Genauigkeit vor, die die Daten der Karten teils nicht liefern können. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Es gibt Seegebiete, wie etwa in Griechenland und der Türkei, deren Vermessungen mittlerweile veraltet sind – und die Geräte seinerzeit erfassten nicht in heute üblicher Auflösung. Dort sind Positionen dann manches Mal so unbestimmt, dass Yachten in Ufernähe ankernd auf dem Plotterbildschirm bereits Hunderte von Metern im Hinterland dargestellt werden. 

Und das gilt besonders für den Flachwasserbereich rund um Inseln. Warum sollten hydrographische Institute auch diese mit großen Aufwand und dem Risiko, die teuren Messgeräte zu beschädigen, auf jeden Stein genau untersuchen? Für die Berufsschifffahrt gilt seit Jahrhunderten das Motto, Untiefen weiträumig zu umfahren; die wirtschaftlichen Risiken sind viel zu hoch. Die zeitaufwändige und kostspielige Notwendigkeit, in einer Flachwasserzone jeden Stein einzeln einzuzeichnen, war da nicht wirklich nötig.

Dem Irrtum, dass jeder einzelne Fels in Flachwassergebieten eingezeichnet ist, erliegen auch immer wieder Segler. Sie navigieren um mit Kreuzen gekennzeichnete Steine in weiträumig als untief markierten Gebieten teils auf 50 Meter genau und wundern sich dann, dass sie auflaufen. Immer wieder berichten Charterfirmen von derartigen Fällen. Selbst die Unsitte, Untiefentonnen als exakte Wegmarken zu nutzen, komme immer wieder vor.

Vor zwei Jahren haben wir in der YACHT auf genau diese nur scheinbaren Widersprüche der elektronischen Navigation in einer ausführlichen Geschichte hingewiesen. Wer sein Wissen auffrischen möchte, kann das PDF weiter unten downloaden.

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