Rekordfahrt

Kenterung vor Kap Hoorn +++ Update +++

06.01.2011 Pascal Schürmann, Fotos: J.Socrates, Google Earth, shiptrack, YACHT - 68-jährige Britin scheitert zum zweiten Mal beim Versuch, als älteste Seglerin die Welt einhand und nonstop zu umsegeln. Der Havarie-Report

Fotograf: © J.Socrates
Socrates 2009 in England auf ihrer damals werftneuen Najad 380 "Nereida"

Gestern Abend kurz vor 22 Uhr ist die Segelyacht von Jeanne Socrates rund 180 Seemeilen westlich vor Kap Hoorn gekentert. Die "Nereida", eine Najad 380, hat sich augenscheinlich zwar rasch wieder aufgerichtet, und die Skipperin ist unverletzt geblieben. Doch die Schäden an Bord sind so immens, dass an eine Fortführung der Rekordfahrt nicht zu denken ist.

+++ Update vom 6.1. 2011, 18 Uhr:
Wie inzwischen bekannt geworden ist, wurde die Yacht im Laufe des Tages ein weiteres Mal schwer auf die Seite geworfen. Offenbar hat der Wind in den vergangenen Stunden enorm zugelegt. Hatte die Skipperin gestern noch von 35 Knoten Wind berichtet (siehe unten), sind ihren Angaben zufolge daraus heute 70 Knoten geworden – das entspricht Windstärke 12, Orkan!

Nach dem neuerlichen Knockdown hat Jeanne Socrates um Unterstützung gebeten. Ein Fischer, der bereits in der Nähe gewartet hatte, schleppt sie nun zur chilenischen Küste. Bis dorthin sind es rund 90 Seemeilen. Die Wellenhöhe in dem Seegebiet beträgt aktuell sechs Meter.
Ende des Updates +++

+++ Update vom 7.1. 2011, 9.30 Uhr:
"Nereida" fährt inzwischen wieder mit eigener Maschine. Die Crew des Fischerboots hat ihr geholfen, den Propeller der Najad 380 zu klarieren. Infolge der Kenterung hatte sich eine Leine darum gewickelt.
Die Skipperin nimmt nun Kurs rund Kap Horn und will dann Ushuaia anlaufen, um ihr Schiff zu reparieren.
Die Wetterbedingungen sind ebenfalls deutlich besser geworden. In der Nacht flaute der Wind auf 12 Knoten ab.
Ende des Updates +++

Am Mittwoch um 22.49 UTC kam der knappe Funkspruch von Jeanne Socrates:
"Knocked down (Turtle upside down)
Damage so far.
55-59.68S 071-45.04W
drifting S @ 2K hove to.
boom broken,
Hard dodger smashed.(gone)
rope round prop.
Chaotic below decks.
Good news. Not injured
has stay sail, + headsail.
engine working."

Über Funk steht sie in Verbindung mit verschiedenen Küstenfunkstellen, der chilenischen Seenotrettung und der US-Coastguard. Sofortige Hilfe scheint sie jedoch nicht zu benötigen.

Laut Auskunft eines Amateurfunkers, mit dem sie gestern nach der Havarie in Kontakt stand, hofft sie, dass die Messer am Propeller mit den Leinen fertigwerden, die sich offenbar darum gewickelt haben. Falls ja, will sie versuchen, unter Maschine Kap Hoorn zu passieren und danach den nächsten Hafen anzulaufen, um die Schäden am Schiff zu reparieren.

Falls der Antrieb versagt, könnte sie einen Hafen auch noch unter Segeln erreichen. Zwar ist der Baum gebrochen, doch der Mast ist wohl oben geblieben, und Stag- und Vorsegel stehen, wie sie schreibt, noch zur Vefügung.

Wie es zu der Kenterung kam, darüber liegen im Augenblick keinerlei Informationen vor. Ungewöhnlich stürmisch scheint es in dem Seegebiet vor der chilenischen Südwestküste jedoch nicht gewesen zu sein. Nur wenige Stunden vor der Havarie berichtete Socrates in ihrem Blog von 30 Knoten Wind, in Böen bis 35 Knoten. Die Wellenhöhe habe zirka vier bis fünf Meter betragen.

Socrates schrieb: "So far, we're doing fine...! The seas weren't too bad, fairly smooth in general, so we weren't getting tossed about too much – just the occasional sudden lurch."

Die Britin war am 25. Oktober in Victoria vor der Westküste Kanadas zur ihrem Rekordversuch gestartet. Doch vom Start an stand die Reise unter keinem guten Stern.

So ließ sie von Beginn an der Wind im Stich. Erst Ende November überquerte sie den Äquator. Zu diesem Zeitpunkt wollte sie längst viel weiter sein, um das Kap Hoorn und anschließend den Südpazifik während des Sommers auf der Südhalbkugel zu passieren beziehungsweise zu befahren. Nun aber musste sie damit rechnen, spätestens nach Passieren Australiens bereits mit ersten Herbststürmen konfrontiert zu werden, die am Rande des Südpolarmeeres schnell Orkanstärke erreichen können.

Hinzu kamen eine Reihe technischer Probleme. Erst wollten weder die Solarzellen noch der Windgenerator richtig funktionieren. Dann machte die Stromversorgung des Funkgeräts Schwierigkeiten. Und schließlich bereitete ihr der Autopilot ernsthaft Kopfzerbrechen: Das Gerät setzte immer wieder aus, und es dauerte lange, bis sie den Fehler lokalisiert und behoben hatte.

Der jetzt gescheiterte Törn ist für die energisch auftretende Britin bereits der dritte herbe Rückschlag bei dem Unterfangen, um die Welt zu segeln.

Auch bei ihrem vorangegangenen Versuch ist die Einhandseglerin früh gescheitert. Ende 2009 war sie von den Kanaren aus gestartet. Doch ihr erst wenige Wochen zuvor werftneu übernommenes Schiff war wohl nicht gut genug ausgerüstet für solch einen Extremtörn. Im Südatlantik machten der Seglerin Probleme mit der Stromversorgung an Bord so sehr zu schaffen, dass sie in Südafrika einen Reparaturstopp einlegen musste. Damit war der Traum von der Nonstopfahrt geplatzt.

Doch ans Aufgeben dachte Socrates trotz ihres Alters nie. Drei Monate später lief sie aus, überquerte den Indischen Ozean und stoppte erst wieder auf Hawaii. Von dort nahm sie schließlich Kurs auf Vancouver, wo sie ihr Schiff auf den erneuten Weltumsegelungsversuch vorbereitet hat.

Eine erste Weltumsegelung mit mehreren Zwischenstopps hat Socrates bereits 2008 absolviert – wenn auch nur beinahe. 50 Seemeilen vor dem Ausgangsort, damals an der Westküste Mexikos, strandete sie unglücklich, nachdem ihr Autopilot ausgefallen war. Bei dem Unglück damals verlor sie ihr erstes Schiff.

Ein ausführliches Porträt über Jeanne Socrates ist in YACHT 24/2009 erschienen (Artikelnachbestellung unter Telefon 0521/55 99 11).

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