Blauwasser
"Hippopotamus" in schwerer See
Es war ihr erstes Mal. Erstaunlich, möchte man meinen. Schließlich haben die Roevers bereits über die Häfte des Weges rund um den Globus hinter sich. Trotzdem erlebten sie jetzt während der langen Passage über den Indischen Ozean nach Südafrika eine Premiere: Sturm. Da hilft nur eins: Fußball!
YACHT online übermittelten sie folgenden Bericht:
"Hinter uns liegen 24 anstrengende Stunden. Vielleicht haetten wir gestern nicht im Spass von haushohen Wellen und Sturm schreiben sollen. Denn kurz nachdem der Eintrag online ist, wird der Witz zur Realitaet. Mehr und mehr geht der Wind auf sieben Beaufort hoch. Erst in Boeen - dann konstant. Es pfeift im Rigg und eine vier Meter hohe See rollt heran. Vielleicht sind es auch fünf Meter. Gigantische blaue Berge sind das. Unglaublich und unheimlich. Ab und an bricht einer von ihnen, drueckt das Heck zur Seite und ergiesst sich mit Gewalt in das Cockpit. Wir fühlen uns unwohl.
Am Nachmittag brist es weiter auf und wir messen satte 8 Beaufort auf dem Windmesser. Scheiße. Muss das sein? Das ist unser erster Sturm auf dieser Reise. Trotzdem oder gerade deswegen Anlass genug für Sönke eine Runde mit der Videokamera an Deck zu drehen. Gerade als er sich am Bugkorb neben dem Vorsegel verkeilt und beginnt nach achtern zu filmen, passiert es. Schäumend rollt eine große Welle heran und bricht genau an der Bordwand. Ohrenbetäubender Lärm und Unmengen Wasser ergießen sich tosend über unsere Zehn-Meter-Welt. "Hippopotamus" rollt 50 Grad über. Wasser schießt über das Deck ins Cockpit. Dann richtet sich unser Zuhause wieder auf. Es reicht. Wir machen den Niedergang dicht und verschanzen uns unter Deck. Wir kommen uns klein vor.
Eine Stunde später ist es dunkel. Stockfinster, um genau zu sein. Kein Mond, keine Sterne. Unheimlich. Noch unheimlicher als am Tag. Lediglich brechende Wellen bringen beim viertelstündlichen Rundumblick einen neongrünen Schimmer fluoreszierendes Licht in die schwarze Welt aus Wolken und Wasser. Mehr sehen wir nicht. Unsere einzige Information sind die Digitalanzeigen am Kartentisch. Windwinkel zum Schiff: 120 Grad. Windstärke: 30-38 Knoten (7 bis 8 Beaufort). Schiffsgeschwindigkeit: 7,5 Knoten über Grund. Schiffskurs: 260 Grad. Wassertiefe: keine Angabe. Laut Seekarte irgendwas um die 3000 Meter. Die nächste Insel ist mehr als 1000 Kilometer entfernt. Wir fühlen uns einsam.
An Schlafen oder Kochen ist in dieser Situation kaum zu denken. Aber der Bordalltag geht weiter. Zumal die Windfahne einen guten Job verrichtet und uns sicher über die Wellen steuert. Ausserdem vertrauen wir unserem Schiff. Immerhin haben wir zusammen schon 23.000 Seemeilen im Kielwasser gelassen. Wir raffen uns auf, lenken uns ab. Sönke tippt eine Email und Judith backt ein Brot, während wir uns insgeheim überall hinwünschen. Zurück an den Paradiesstrand von Cocos Keeling, nach Hamburg aufs Sofa vor den Fernseher oder einfach nur in den nächsten Hafen. Stattdessen werden wir aber in dieser holprigen Einöde noch mindestens zehn Tage verweilen müssen. Natürlich haben wir uns das selbst ausgesucht, aber Spass macht es gerade nicht mehr. Wir wollen hier weg.
Das Brot im Ofen sorgt für eine schwüle Hitze unter Deck, während Sönke beim Tippen der Mail am Bord-PC über das Datum stolpert. 10. Oktober. Hhmmmm? Da war doch was. Na klar, Fussball. Heute spielt Deutschland gegen Russland. Da geht es um die WM-Qualifikation. Also um alles! Anpfiff ist um 17.00 Uhr in Deutschland also 21.30 bei uns. Wie spät ist es? 21.25. Hammer. Passt. Kurz darauf ist die Amateurfunkanlage auf die Deutsche Welle eingepegelt. Auf 13.780 Kilohertz gelangen die Radiosignale hinaus auf den Indischen Ozean. Wir schliessen den Kopfhörerausgang der Funke an das Autoradio an und sitzen kurze Zeit später in Moskau im Stadion. Rang: Steuerbord, Reihe: mittschiffs, Plätze: Koje 1 und 2. Wir sind begeistert.
Für die folgenden neunzig Minuten tauchen wir in der Fussballwelt ab, vergessen den Sturm und das Getose um uns herum. Halten Wellenbrechen für Übertragungsstörungen und Wasserrauschen für Jubel. Klatschen in die Hände, singen und feiern Miroslav Klose und sein Tor in der 35. Minute. Wahnsinn. Irgendwie ist das schon faszinierend. Da sitzen in Moskau zwei Reporter im Stadion und wir können ihnen mitten auf dem Ozean zuhören. Das frühe Siegtor und die vorzeitige Qualifikation für die Weltmeisterschaft retten uns den Abend. Spielminute für Spielminute schaukeln wir uns ein. Gewöhnen uns an die unheimliche Umgebung. Finden Spass an den Rundumblicken. Sorgenvolle Falten weichen einem gesunden Gewinnerlächeln. Wir fühlen uns besser.
Vierzehn Stunden später hat sich die See ein wenig beruhigt und der Wind ist auf sechs Beaufort zurückgegangen. Wir kehren zum Alltag zurück. Machen klar Schiff, schlafen abwechselnd aus und tippen diese Zeilen. Laut Wetterfax und Gribfile war es das erstmal. Wir wollen es hoffen. Und falls nein, soll der nächste Sturm bitte bis Mittwoch warten. Da spielt Deutschland gegen Finnland ...
Aber vielleicht lassen wir das besser mit den Scherzen. Wie war das noch mit den haushohen Wellen und dem Sturm?!
Mehr zur Reise der Roevers unter www.hippopotamus.de










