Blauwasser

Finale furioso

11.12.2009 Pascal Schürmann, Fotos: S. Roever - Insektenplage und Sturm: Für Judith und Sönke Roever wird die Annäherung an Südafrika zur Herausforderung

Fotograf: © S. Roever
Judith und Sönke Roever bei der Ankunft in Durban

"Fliegen fallen an Bord ein. Sie sitzen überall. Mit ihnen kommen dicke, lange Insekten. Sie sehen eklig aus und nehmen 'Hippopotamus' in Beschlag. Wenig später bricht der Himmel zusammen." – Der letzte Logbucheintrag der elftägigen Passage der Roevers nach Südafrika hat es in.

1.458 Seemeilen hat die "Hippopotamus" seit ihrer Abfahrt von Réunion zurückgelegt. Nun ist sie nach genau 11 Tage, 11 Stunden und 15 Minuten in Durban angekommen. Was während der letzten Meilen so alles passiert ist, beschreibt das Hamburger Paar so:

"19:00 Uhr. Die Nacht zieht auf. Wind weht immer noch keiner und der Motor läuft. In vier Stunden sind wir am Ziel. Die Vorfreude steigt und wir malen uns den Landfall aus. Einzig, dass die Tankanzeige seit einigen Stunden auf Reserve steht, macht uns etwas Sorgen. Es könnte sein, dass der Diesel nicht reicht.

Fotograf: © S. Roever
Igitt! Fliegenalarm an Bord

Kurz darauf fallen von jetzt auf gleich mehrere hundert Fliegen an Bord ein. Sie sitzen überall. Vor allem aber unter Deck, wo wir die Beleuchtung eingeschaltet haben, um ein wenig klar Schiff zu machen. Mit ihnen landen auch 30 dicke, uns unbekannte, rund vier Zentimeter lange Insekten. Sie sehen eklig aus und nehmen 'Hippopotamus' in Beschlag. Wir wehren uns mit Fliegenklatsche und Mückennetzen. Etliche Leichen gehen über Bord. Vergeblich, die Tiere sind überall. 'Na, das ist ja eine tolle Begrüßung', findet Sönke. Dass ihr Besuch eine krasse Wetteränderung ankündigt, kapieren wir leider nicht.

Eine halbe Stunde später kommt leichter Wind aus Süd auf. Wir setzen Groß und Fock, schalten den Motor ab und segeln gemütlich mit drei Knoten in Richtung Durban. Die Viecher verziehen sich und der Verkehr um uns herum nimmt zu. Judith schaltet Radar und AIS ein. Der Wind legt einen drauf und geht bis auf vier Windstärken hoch. Bestens. 'Hippopotamus' läuft fünf Knoten und wir können Durban anliegen. Wir sind begeistert. Zum einen, weil für die nächsten zwölf Stunden absolute Flaute angesagt ist und wir nun doch Wind haben. Zum anderen wird so der Diesel reichen, um den Anleger zu fahren.

Fotograf: © S. Roever
Landfall im Stockfinstern

Zwanzig Minuten später meldet sich Judith vom Kartentisch: 'Sönke, da kommt eine dichte Regenwand auf uns zu.' Wir binden zur Sicherheit ein Reff ein und verstehen nun auch, warum wir 15 Meilen vor dem Land immer noch nicht die Lichter der Stadt sehen. Kurz darauf ist die Front da. Sechs Windstärken pfeifen uns um die Ohren und es gießt in Strömen. Aber wir können Durban halten. Nach zehn Minuten hört der Regen auf und der Wind geht auf vier Windstärken zurück. Dafür zieht Nebel auf. Einen Dampfer, der uns in drei Meilen Entfernung passiert, sehen wir nur auf dem AIS. Der Horizont ist schwarz. Egal — bald sind wir da.

Doch weit gefehlt. Vom Kartentisch meldet Judith die nächste Regenwand. Diesmal jedoch mit dem Hinweis, dass das Radarbild tiefschwarz ist, keine Unterbrechungen aufweist und die Fläche mehr als acht Seemeilen dick ist!

Zeitgleich nimmt Sönke Wetterleuchten vor dem Bug wahr. Wir sind unsicher, was da kommt, und binden ein zweites Reff ins Groß. Glücklicherweise. Denn nur wenige Minuten später knallt uns ein Südwestwind (da wollen wir hin) mit neun Windstärken um die Ohren.

Der Himmel bricht unter Unmengen von Wasser zusammen, während die 90 Stundenkilometer Wind im Rigg heulen. Wir sehen die Hand vor Augen nicht. 'Hippopotamus' holt kräftig über. Blitzschnell bergen wir die Fock und drehen nur mit dem Groß bei. Zwanzig Minuten harren wir so aus und treiben mit drei Knoten zurück auf den offenen Ozean von Durban weg. Blitze zucken, und auf dem Radar ist kein Ende in Sicht. "Wir treiben mit der Front mit", analysiert Judith das Bild auf dem Schirm. Mist. Irgendwie müssen wir aus ihr ausbrechen, sonst geht das ewig so weiter.

Wir bergen das Groß, starten die Maschine und arbeiten uns mit 1,5 Knoten über Grund gegen das Inferno in Richtung Festland voran. Ein Ende ist nicht in Sicht und der Tank fast leer. Weitere zwanzig Minuten später keimt Hoffnung auf. Regen und Wind lassen etwas nach. Schade nur, dass er nicht dreht, sondern weiterhin aus Südwest kommt. Wir beschließen daher, erst mal hoch am Wind unter Land zu segeln.

Kurz vor dem Strand fahren wir eine Wende. Regen und Nebel verschwinden, und wir sehen auf einmal das Ufer. Anziehend leuchten die Lichter der Großstadt. Die Skyline, das neue WM-Stadion und unzählige Autos auf den Uferstraßen. Der Wind schläft ein. Sönke startet die Maschine, und wir motoren zum Hafen. Die Nadel der Tankanzeige liegt am unteren Anschlag auf. Alle paar Minuten kontrollieren wir das Schauglas des Kraftstoffvorfilters, um zu sehen, ob noch Diesel kommt. Schoten liegen bereit, um ggf. schnell die Segel klar zu haben. Wir haben Glück. Es passt! Mit dem letzten Tropfen Kraftstoff erreichen wir den vorreservierten Liegeplatz.

Es ist 03:15 Uhr am Morgen. Der Kampf ist zu Ende. Wir sind fertig und ausgelaugt. Sönke setzt Nudelwasser auf, und Judith hängt unser Ölzeug zum Trocknen an den Solarbügel. Acht Stunden haben wir für die letzten 20 Meilen gebraucht. Wir stoßen mit einem Glas Rotwein an. 'Prost Afrika! Wir sind angekommen.'

Damit endet unsere Reise von Réunion nach Durban. Und auch wenn uns die letzten Meilen einiges abverlangt haben, so war dies die entspannteste Ozeanpassage von allen Langstrecken, die wir auf dieser Reise bisher gesegelt sind. Selten haben wir so gutes Wetter und so angenehme Bedingungen am Stück gehabt.

Dies ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil dieser Teilabschnitt der Barfußroute einer der anspruchsvollsten ist. Daher möchten wir uns an dieser Stelle bei WetterWelt bedanken. Dank eurer Einschätzung der Großwetterlage konnten wir so ein gutes Wetterfenster abpassen.

Damit endet unser tägliches Live-Logbuch. Wir danken euch fürs Mitsegeln und die vielen Zuschriften, die uns an Bord erreicht haben. Ab jetzt berichten wir wieder in der gewohnten Form.

Prost Afrika!
Judith und Sönke
www.hippopotamus.de

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