Maverick too

Zehn Windstärken aus dem Nichts

03.03.2016 Johannes Erdmann, Fotos: Cati Trapp, Johannes Erdmann - Auf dem Weg nach Florida erleben Johannes und Cati eine windige Überfahrt – und machen sich Gedanken über den Respekt vor der See

Zehn Windstärken von vorn auf der Bahamasbank.
Fotograf: © Cati Trapp

Zehn Windstärken von vorn auf der Bahamasbank 

Der Windmesser springt immer höher. 20 Knoten, 30, 40 … Wow, was wird das denn? Wer hätte gedacht, dass in der grauen Gewitterwolke so viel Wind steckt? 45 Knoten. 50 … Unfassbar. Die die digitale Anzeige bleibt bei 51 Knoten stehen. Windstärke zehn. "Schwerer Sturm." 

Zum Glück haben wir keine Segel gesetzt, denn bis eben herrschte noch Flaute. Wir befinden wir uns auf der großen Sandbank zwischen den Inselgruppen Bimini und Berry Islands, mitten in den Bahamas. Das Wasser ist nur drei bis vier Meter tief. Trotzdem sind die Wellen, die sich innerhalb kürzester Zeit aufbauen, beachtlich. Kurz und hoch. 

Noch während ich unsere Position auf dem Plotter prüfe und nach möglichen Hindernissen schaue, beginnt Cati im Cockpit zu quieken. Das Schiff läuft aus dem Ruder. Für Ölzeug ist keine Zeit. Ich werfe mir die Jacke über und springe ins Cockpit, um Cati zu erlösen. Bevor "Maverick" ganz quer zu den Wellen liegt, schiebe ich den Gashebel nach vorn und kurbele am Rad. Der Bug dreht sich gen Wind und stampft nach Luv. "Was laufen wir?", brülle ich gen Niedergang. "Waaaaas???", schreit Cati zurück. "Was laufen wir?" – "Null komma acht Knoten nach Luv." 

Wahnsinn. Wer hätte es gedacht, dass unser altes Schiff gegen zehn Windstärken andampfen kann. Die fünf PS mehr seit dem Motortausch machen es möglich. Sogar das Bimini bleibt stehen. Hatte einige Sorgen, ob wir es wohl bei schwerem Wetter wegklappen müssten. Der Wind ist eine Sache. Aber wenn er länger anhält, bauen sich auch größere Wellen auf. Wie würde die See wohl aussehen, wenn dieser Wind für mehrere Tage über 6000 Meter tiefem Wasser wehen würde? 

Na klar, jetzt beginnt es auch noch zu regnen. Die Sicht wird immer schlechter. "Posis an, Radar auch, und immer ein Blick aufs AIS", kommandiere ich. Jetzt bloß nicht noch von einem Fischerboot überfahren werden, wir sind genau in ihrer Einflugschneise. Zehn Meter weit können wir sehen, hinter der Bugspitze ist Schluss. Cati wirft mir die kurze Ölzeughose zu. Im Abwind der Sprayhood fliegt sie fast an mir vorbei. Zu Hause in Deutschland habe ich mich immer gefragt, ob man wirklich kurze Ölzeughosen braucht. Aber hier in den Tropen sind sie einfach genial. 

Der Windmesser beginnt zu fallen, auf 40 Knoten, 35 … Dort bleibt er erst mal sehen. "Wir machen wieder 1,5 Knoten Speed", ruft Cati von unten, über den Kartentisch gebeugt. Mit zittriger Stimme. Jetzt erst merke ich, dass sie der plötzliche Squall ziemlich aus der Fassung gebracht hat. Das Schlimmste scheint vorüber zu sein, aber Cati steht immer noch neben sich, braucht einen Augenblick, um sich von dem Schrecken zu erholen. 

Gewittersturm 2008.
Fotograf: © Johannes Erdmann

Gewittersturm 2008

Ich bin die ganze Zeit relativ ruhig gewesen, denn ich habe solch kurze Gewitterstürme schon mehrfach erlebt. Den heftigsten vor vielen Jahren auf der Ostsee, hinter Rügen. Ich war Mitsegler an Bord einer 40-Fuß-Aluyacht, die mit dem Eigner schon einmal die Welt umgesegelt hatte. Deshalb habe ich mir keinerlei Sorgen gemacht. Im Gegenteil, ich fand es faszinierend, wie die dicken Wolken anzogen, das Schiff ohne Segel auf fast 45 Grad Krängung geworfen wurde und vor dem Wind ablief. Wenn ich mich recht erinnere, mit sieben Knoten über Grund, bei blankem Mast.

Die See war vorher genauso ruhig wie heute, das Wasser etwas tiefer, und wir standen beide mit großen Augen am Kartentisch, um den Windmesser zu verfolgen. Damals zeigten die Ziffern 61,8 Knoten. Knapp unter Windstärke 12, an der Kippe zwischen orkanartigem Sturm und Orkan. Was für ein Erlebnis. Auch wenn der Spuk nach einer Viertelstunde vorbei war.

61,8 Knoten Wind auf der Ostsee.
Fotograf: © Johannes Erdmann

61,8 Knoten Wind auf der Ostsee

Wenn mich jemand fragt, was mein schwerster Sturm war, würde ich damit aber nicht prahlen wollen, denn damals wie heute handelte es sich ja "nur" um kurze Gewitterstürme, um Squalls. Dazu in glattem Wasser. Ein Kurzsturm oder "Sturm light". 

Das Ganze sähe schon anders aus, wenn dieser Sturm irgendwo auf dem offenen Atlantik oder gar im Southern Ocean über die Yacht hinwegziehen würde, womöglich tagelang, so wie während Wilfried Erdmanns Nonstop-Reisen. Beide Stürme haben deshalb nur einen kleinen Eindruck davon vermittelt, was auf See möglich ist. Sie schaffen Respekt vor der See und vor dem, was dort draußen möglich ist. 

Und Respekt vor dem Risiko, das wir mit jedem Hochseetörn eingehen. Wie oft haben wir am Ankerplatz Schiffe gesehen, die große Reisen vollbracht haben, obwohl sich die Eigner keine großen Gedanken über die Seetüchtigkeit gemacht haben. Große Glasfenster, für die keine Seeschlagblenden vorhanden sind, Wanten, die mit Drahlseilklemmen zusammengehalten werden, Schiffe mit winzigen Bilgepumpen und ohne Notfallplan. Auch solche Yachten segeln über Ozeane und erreichen ferne Ziele. Doch häufig nur, weil sie nicht in einen Sturm kommen. 

Ich bin selbst mit einem acht Meter langen Binnenseeboot über den Atlantik gefahren und habe nie mehr als acht Windstärken erlebt, mit denen das Schiff gut klarkam. Jahre später bin ich mit einem Freund auf einem nur zwei Meter längeren Boot auf der Nordroute zurückgesegelt. Im Vergleich zu meiner kleinen "Maverick" war diese einem Colin Archer nachempfundene Yacht jedoch viel besser für Ozeanfahrten vorbereitet und sehr stabil gebaut. Auf halbem Weg von New York zu den Azoren gerieten wir in einen Sturm und drehten bei. Und dann kam es zu diesem Augenblick, den ich nie vergessen werde:

Mit einer GFK-Colin-Archer über den Nordatlantik, 2009.
Fotograf: © Johannes Erdmann

Mit einem GFK-Colin-Archer über den Nordatlantik, 2009

Als ich das schwere Niedergangsluk öffnete, um aus der geschützten Kajüte heraus draußen nach dem Rechten zu sehen, war es wie ein Blick in eine andere Welt. Der starke Wind zerfetzte die Gischt über das Cockpit. Eine Welle warf uns sogar so sehr auf die Seite, dass einiges zu Bruch ging. Wasser wurde durch Fensterdichungen gedrückt und spritzte quer durch die Kajüte, sogar ein Relingsdraht riss aus der Pressung. Ich sah das Spektakel aus dem Bauch des sicheren Schiffs und dachte nur: Wenn ich mit der kleinen "Maverick" in solch einen Sturm gekommen wäre, hätte es das Ende bedeutet.

Seitdem sehe ich solche Erlebnisse, solch einen "Sturm light", als Erinnerung daran, was da draußen möglich ist. Als Appell daran, sein Schiff immer sturmklar zu halten.

Klar, auf den meisten Reisen sind die Winde durchschnittlich, wird höchstens einmal Starkwind erlebt. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem die Welt untergeht. Burghard Pieske hat es am besten beschrieben: "Die See ist eine unabhängige Jury. Und da draußen wirst du irgendwann vor ihren Tisch zitiert – und dann zeigt es sich, ob du deine Hausaufgaben gemacht hast oder nicht."

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de

  • Twitter
  • Facebook

Neueste Artikel dieser Rubrik

Maverick too: Maverick too 24.05.2016 — Transatlantik: "Maverick too": sturmklar ins Nichts

Eine Wetter-Mail versetzt Johannes Erdmann und Cati Trapp in Alarmzustand: bis zu 50 Knoten – und noch 1100 Seemeilen bis zu den Azoren mehr

Johannes Erdmann: d 19.05.2016 — Rolling home: "Maverick": Kreuzen wie ein Rahsegler

Neuer Bericht von Bord: Johannes und Cati Erdmann auf dem langsamen Treck nach Osten – plötzlich umringt von einer Flotte ARC-Teilnehmer mehr

d_71ee74cb94: <p>
	Kein Wind. &quot;Maverick too&quot; kommt teils nur unter Maschine voran</p> 10.05.2016 — Transatlantik: Ungewöhnliche Begegnung auf See

Die "Maverick too" ist auf dem Weg nach Europa. Doch die ersten Meilen gestalten sich für Cati Trapp und Johannes Erdmann schwierig: Flaute! mehr

"Maverick too" kurz vor der Abfahrt in West Palm Beach: &quot;Maverick too&quot; kurz vor der Abfahrt in West Palm Beach 06.05.2016 — Maverick too: Atlantik, Klappe, die Zweite

Johannes Erdmann und Cati Trapp starten heute zur zweiten Atlantiküberquerung. In vier Wochen wollen sie auf den Azoren einlaufen mehr

"Maverick too" ankert vor Fort Jefferson: &quot;Maverick too&quot; ankert vor Fort Jefferson 20.04.2016 — Maverick too: Ein Klotz mitten im Ozean

Johannes Erdmann und Cati Trapp nehmen Kurs auf die Heimat. Nicht jedoch, ohne noch einmal kurz in den Golf von Mexiko zu segeln. mehr

Artikel empfehlen |  Artikel drucken

YACHT im Abonnement

Verpassen Sie keine Ausgabe, sparen Sie bares Geld und lassen Sie sich jede Ausgabe bequem ins Haus bringen. Bestellen Sie jetzt Die Nr. 1 bei Seglern im ABO!

Jahresabo

Freuen Sie sich über ein tolles Begrüßungsgeschenk!

Geschenkabo

Verschenken Sie für ein Jahr YACHT und Sie erhalten ein Geschenk Ihrer Wahl.

Leserwerbung

Wertvolle Prämien für die Vermittlung eines neuen Abonnenten.

Kennenlernabo

6 Hefte nur € 18,00 und ein Begrüßungsgeschenk Ihrer Wahl.