Maverick too

Wenn plötzlich der Anker nicht hält …

14.01.2016 Johannes Erdmann, Fotos: Johannes Erdmann - Johannes Erdmann und Cati Trapp sind wieder einmal auf den Bahamas – und berichten über ein "erstes Mal" der unliebsameren Art

"Maverick too" vor Anker in den Bahamas
Fotograf: © Johannes Erdmann

"Maverick too" vor Anker in den Bahamas

Erste Male sind ja für gewöhnlich Augenblicke, die unvergesslich bleiben. Ich kann mich zum Beispiel noch genau dran erinnern, wie es war, das erste Mal allein die Segel zu setzen. Ein paar Jahre später dann allein Auto zu fahren. Viele weitere "erste Male": Die erste Nacht vor Anker (besonders eindrücklich: dabei von mecklenburgischen Mücken zerfressen), die erste Nacht auf einem neuen Boot. Das erste Mal außer Landsicht, dann irgendwann die erste Meile unserer großen Reise und die erste Insel auf der anderen Seite des Atlantiks.

Dass "erste Male" nicht nur positiv behaftet sein müssen, ist mir auch bewusst. Doch als unverbesserlicher Optimist wird so was immer schnell ausgeblendet. Doch dann gab es vergangene Woche wieder mal so ein Erlebnis: Das erste Mal, dass unser Anker nicht gehalten hat.

Den Nachmittag hatten wir schnorchelnd am Wrack der "Sapona" verbracht, dem alten Wrack auf einem Riff südlich der Bahamasinsel Bimini. Ende des Ersten Weltkriegs war es (aus Mangel an Schiffbaustahl) aus Ferrozement gebaut worden und fand dann Mitte der zwanziger Jahre auf Bimini als schwimmendes Schnapslager und Nachtclub Verwendung. Bis es sich in einem Hurrikan losgerissen und letztlich hier im flachen Wasser seinen letzten Ruheort gefunden hat. Seit über 90 Jahren ist es ein künstliches Riff und Heimat von Tausenden (nicht: Hunderten!) bunter Fische.

Schnorcheln am Wrack der "Sapona" vor Bimini.
Fotograf: © Johannes Erdmann

Schnorcheln am Wrack der "Sapona" vor Bimini

Obwohl der Tag am Wrack von einem grauen Himmel überschattet wurde, hätte er kaum besser sein können. Am nächsten Morgen sollte der Wind auf Süd drehen und in der Stärke enorm zunehmen, deshalb wollten wir uns noch eine letzte Nacht vor der unbewohnten Insel Gun Cay vor Anker legen, um dann am nächsten Morgen in den Schutz von Bimini zu verholen.

Es herrscht leichter Südwind, als wir inmitten eines bildhübschen Sonnenuntergangs in den Schutz der kleinen Landzunge motoren, den Anker auf vier Meter Tiefe auswerfen, mit der Maschine im Rückwärtsgang einziehen und 35 Meter Kette stecken. Ankerlicht an, den Topf auf den Herd, Feierabend.

Unser AIS-Transponder ist eines der wenigen Geräte, das bei uns an Bord fast keinen Strom verbraucht (3 Watt) und deshalb immer mitläuft. Auch, damit uns unsere Leser ständig bei Marinetraffic verfolgen können. Der niedrige Stromverbrauch kommt vor allem daher, dass der Transponder einen eigenen kleinen, monochromen Monitor besitzt und kein Plotter mitlaufen muss, damit wir die Schiffe um uns herum darstellen können. Ein nettes Gadget des Transponders ist eine Ankerwache-Funktion, die hervorragend funktioniert. Man kann den Radius einstellen, in dem das Schiff als "sicher vor Anker" gilt und schwoien darf. Überschreitet es diesen Radius, schlägt der Transponder Alarm.

Ankeralarm auf "Maverick too"
Fotograf: © Johannes Erdmann

Ankeralarm auf "Maverick too"

Eigentlich müsste man den Ankerpunkt wohl direkt in dem Moment setzen, in dem der Haken den Grund erreicht. Dafür fehlt uns aber immer eine dritte Person, da Cati in dem Augenblick am Rad steht und ich auf dem Vorschiff, den Anker fierend. Deshalb setzen wir den Ankerpunkt immer dann, wenn das Schiff zum Liegen kommt. Das Anker-Symbol markiert in diesem Fall den Punkt, an dem das Schiff mal vor Anker lag. Durch kleine Pixelchen routet der Transponder anschließend mit, wie oft und wie lang wir zu beiden Seiten der Ankerposition geschwoit sind.

So ist es auch in dieser Nacht. Der Ankeralarm wird gesetzt, der Alarm scharf gestellt. Gegen 23 Uhr verkriechen wir uns in die Koje.

Gegen Mitternacht fiept mich der Ankeralarm das erste Mal in die Senkrechte. Der Wind hat zugenommen und das Schiff um 20 Grad gedreht. Durch die viele Kette und einen sehr eng eingestellten Radius sind wir deshalb aus dem Kreis herausgeschwenkt. Also deaktiviere ich den Alarm, stelle den Radius größer ein, aktiviere wieder – und lege mich in die Koje. Eine halbe Stunde später piept er wieder. Gleiches Spiel, größerer Radius, zurück in die Koje. Es wiederholt sich einige Male. Routineblick, alles noch in Ordnung. Schließlich haben wir schon weit mehr als 100 Ankernächte hinter uns. 25 Meter vom Ankerpunkt weg, das ist noch okay. Doch beim letzten Mal vergesse ich schlaftrunken, den Alarm wieder scharf zu stellen. Inzwischen haben wir uns um 80 Grad gedreht.

Ich werde wach, als ich merke, dass das Schiff quer zu den Wellen liegt. "Puuh, der Wind lässt uns aber schwoien", denke ich noch. Aber der Alarm bleibt still. Also kann es ja nicht so schlimm sein, denke ich. Doch ich bleibe unruhig. Soll ich aufstehen und nach dem Rechten schauen? Schon wieder? Es vergehen nicht mehr als 20 Sekunden, dann höre ich einen leisen Ruf aus dem Salon. Meine Schwester Susi ist wach geworden. "Johannes? Ist alles okay?" Ich springe aus der Koje, laufe zum Kartentisch und schaue auf den Monitor: "136 Meter." Ich reibe mir die Augen, schaue noch mal hin: "138 Meter". Das kann doch nicht sein. "140 Meter". Technischer Fehler? "142 Meter". Menschlicher Fehler! Dann realisiere ich, was gerade passiert: "Alarm! Der Anker slippt!"

Cati purzelt aus der Koje, Susi weiß gar nicht so recht, was passiert und zieht nur die Beine in ihre Koje, damit wir, wie von der Tarantel gestochen, in der Eile nicht darüber stolpern. "Mach den Motor an", rufe ich Cati zu und schalte unsere Decksscheinwerfer an, die das ganze Deck und Cockpit in gleißendes LED-Licht tauchen. Dann stürze ich aufs Vorschiff, greife die Kette und ziehe daran. Kein Druck. Wir treiben. Ein Blick nach achtern. Auweia, der deutsche Kat "Cayluna", der gestern noch so weit weg war, kommt immer näher. Die Entfernung ist schwer zu schätzen, denn ich erkenne ihn nur an einem weißen Mastlicht. Ich greife wieder in die Kette, kann an ihr fühlen, wie der Anker über den grasigen Grund schleift, ohne zu greifen. Mir geht eine Karikatur von Mike Peyton durch den Kopf. Darauf ist eine Crew an Bord ihrer Yacht zu sehen, die sich wundert, warum ihr Anker nicht greift. Unter dem Schiff sieht man, dass der Anker ausgerechnet in einen alten Einkaufswagen gefallen ist und darin über den Grund rollt.

Ankern auf den Bahamas: Gut zu sehen, ob der Anker eingegraben ist und wie die Kette liegt.
Fotograf: © Johannes Erdmann

Ankern auf den Bahamas: Gut zu sehen, ob der Anker eingegraben ist und wie die Kette liegt

Mein Blick springt zwischen unserer Ankerkette und dem großen Katamaran hinter unserem Heck hin und her. Ich fange langsam an, wieder klarer zu denken. Die Insel neben uns ist jetzt auf der anderen Seite als vor dem Schlafengehen. Der Wind muss also um 180 Grad gedreht haben. Das war eigentlich erst für den Vormittag angesagt, zumindest laut unserem zwei Tage alten Wetterbericht. Wir müssen über unseren Anker getrieben sein, haben ihn herausgebrochen. Das ist schon öfter passiert, und bisher hatte er sich immer schnell wieder eingegraben. Auf dem Kat hinter uns gehen gerade die Lichter an. Hat man uns gehört? Oder ebenfalls gemerkt, dass der Winddreher früher kam als erwartet?

Ankergeschirr: 60 Meter Kette (8 Millimeter) und ein Kobra2-Anker
Fotograf: © Johannes Erdmann

Schweres Ankergeschirr: 60 Meter Kette (8 Millimeter) und ein Kobra2-Anker (16 Kilo)

Noch immer höre ich keinen Motor, spüre keine Vibrationen. "Wo bleibt der Motor? Wir haben nicht viel Zeit!" – "Der Motor läuft!", brüllt Cati gegen den Wind zurück. – "Dann hau den Gang rein und gib Gas!". Es dauert gefühlte Minuten, wahrscheinlich nur Sekunden, bis das Schiff reagiert und Fahrt aufnimmt. Ich drücke den Knopf unserer Ankerwinde, die sofort beginnt, die Kette einzusammeln. Der Kat hinter uns wird kleiner. Wir machen Fahrt nach Luv. Puuuuuh. Das war knapp.

Nach der Markierung auf dem Transponder finden wir trotz Neumond unseren alten Ankerplatz wieder, werfen den Anker erneut aus (diesmal in der richtigen Zugrichtung) und stecken Kette. 30 Meter. Ach komm, 40 Meter. Was soll’s, 50 Meter. Irgendwann macht es "Klick", und alle 60 Meter sind draußen. Alles egal. Nur ruhig schlafen können.

Wir schalten das Deckslicht ab und setzen den Ankerpunkt neu, verziehen uns dann aus dem frischen, kalten Wind hinunter in die Kabine. Cati auf dem L-Sofa, Susi auf ihrer Koje, ich auf dem Motorluk. Manöverkritik, um halb 3 Uhr morgens. "Das war … interessant", sagt Susi, die immer noch zu begreifen versucht, was da gerade abgelaufen ist. Cati steht irgendwo zwischen Glück, Tränen und Erschöpfung. "Gerade noch gut gegangen", sagt sie. Ich gehe das Erlebnis in Gedanken noch mal durch. "Eigentlich können wir zufrieden sein", schlussfolgere ich. Auch wenn es so wirkte, hat es keine drei Minuten gedauert, bis wir alle aus der Koje waren, die Seeventile offen hatten, der Motor lief, die Kette eingeholt wurde und wir Fahrt nach Luv gemacht haben."

Was haben wir falsch gemacht? Hätten wir grundsätzlich Ankerwache gehen sollen? Eigentlich nicht, denn als wir schlafen gegangen sind, herrschte fast Flaute. Aber spätestens, als ich gemerkt habe, dass der Wind schon früher dreht als angekündigt, wäre es Zeit gewesen, einen Tee zu kochen, ein Buch zu schnappen und die Wetteränderung zu verfolgen. "Nicht zu sehr auf die Technik verlassen", schreibe ich ins Logbuch und beobachte eine Weile, ob der Anker nun sicher hält und der Wind nicht noch weiter zunimmt. Nach einer Stunde bin ich mir sicher, dass alles in Ordnung ist und lege mich in die Koje. So was wird sicher nicht noch einmal passieren.

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de
 

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