Maverick too

"Joaquin" – Hurrikan zum Anfassen

03.10.2015 Johannes Erdmann, Fotos: Johannes Erdmann - Pünktlich zur Rückkehr nach North Carolina kündigt sich ein Hurrikan an. Ein Zeichen dafür, dass die Saison noch lange nicht vorbei ist

Regen, Regen, Regen …
Fotograf: © Johannes Erdmann

Regen, Regen, Regen …

Wer im Nordsommer auf der westlichen Seite des Atlantiks unterwegs ist, hat zwei Möglichkeiten: entweder die Hurrikansaison in Venezuela und den ABC-Inseln verbringen – oder Meilen reißen und hinauf über den nördlichen Gürtel und in die USA. Schön weit hinauf, mindestens bis zum Cape Hatteras. Da ich seit meiner ersten Langfahrt ein absoluter Fan von den USA und ihren Seglern bin, war die Wahl schnelll getroffen: Ich wollte wieder in die USA und die Wartezeit dort damit verbringen, in ein Dorfleben einzuwachsen. Also haben wir Gas gegeben, um vor der Hurrikansaison bis nach Elizabeth City zu kommen. Hier, im Schutze der grünen Wildnis an der Mündung des Dismal-Swamp-Kanals, hat unsere "Maverick too" nun gerade geduldig und mit gestripptem Mast vier Wochen auf unsere Rückkehr gewartet, während wir für Familienbesuche und zum Geldverdienen in Deutschland waren. 

Kaum sind wir zurück, kündigt sich pünktlich ein Hurrikan an. Der neunte der Saison; los geht es mit "Ana", dem Alphabet folgend, sind wir nun bei "J" angelangt. "Joaquin" allerdings ist anders als seine diesjährigen Vorgänger. Sie haben fast allesamt ihre Kraft über der karibischen See gelassen. Hurrikan "Erika" war in diesem Jahr einer der heftigsten. Er ist quer über Dominica weggezogen und hat dabei viel Schaden angerichtet. "Die Entwicklung der Insel ist um 20 Jahre zurückgeworfen worden", war in den Nachrichten zu hören. Wer schon einmal auf Dominica war, weiß, dass es die ärmste der karibischen Inseln ist. "20 Jahre zurück" bedeutet für die Einwohner gewissermaßen das 19. Jahrhundert. 

Als wir das erste Mal von "Joaquin" hörten, waren wir gerade in New York angekommen. Die Prognose sagte voraus, dass der Wirbelsturm genau in die Chesapeake Bay laufen würde, knapp an unserem Liegeplatz in North Carolina vorbei. Um das Boot für einen Monat zurückzulassen, hatten wir uns einen der geschütztesten (aber auch billigsten) Yachthäfen an der ganzen Ostküste ausgesucht, und Nachbar Jim hat sich wunderbar um das Schiff gekümmert. Aber trotzdem ist ein Hurrikan ein Hurrikan, und schon bei dem Gedanken daran wird uns ein bisschen angst und bange. 

Auf dem Weg zurück nach Süden haben wir allerlei Zeit, Pläne zu schmieden, wie wir den schlimmsten Teil des Sturms, der für Sonntag vorhergesagt ist, überstehen würden: zusätzliche Leinen (die wir schon unterwegs kaufen), Taschenlampen, Notfall-Ausrüstung. Und natürlich eine große Shopping-Tour für Vorräte. Die gleiche Idee haben aber natürlich auch viele Amerikaner, und bei Walmart ist kaum ein Parkplatz zu finden. Wir kaufen für vier Tage Vorräte, würden mit den an Bord befindlichen Konserven wohl aber insgesamt einige Wochen hinkommen. Trotzdem sind wir ziemlich überrascht, als wir im Internet von den Vorbereitungen anderer Anwohner lesen. Sie haben sich für drei bis vier Wochen mit Vorräten eingedeckt. Schließlich kann keiner sagen, wie schlimm es wirklich werden wird.

Schnell noch zum Supermarkt, bevor der Hurrikan kommt.
Fotograf: © Johannes Erdmann

Schnell noch zum Supermarkt, bevor der Hurrikan kommt. 

Je weiter uns der alte Chevy nach Süden brachte, desto heftiger wurde der Regen. Als wir in Norfolk durch eine große Pfütze fahren, habe ich für einen Augenblick die Sorge, dass es sich um einen See handelt, denn das Auto setzt bis zur Bodenwanne auf. "Wir qualmen", ruft Cati. Aber das ist nur die Abgasanlage, die das Wasser verdampft. Angekommen in der Marina, ist das Schiff nur noch mit Gummistiefeln zu erreichen; die Wiesen stehen unter Wasser. Der Eimer an der Reling ist voll. "Sollen wir heute schon zusätzliche Leinen ausbringen", überlegen wir, "oder erst morgen?" Aber die Locals sind ganz entspannt. "Zwei Tage haben wir noch, bis der Wind zulegt. Jetzt ist erstmal nur Regen zu erwarten."

Lambs Marina hier in der Nähe von Elizabeth City ist ein bekanntes Hurrikan-Hole, in das sich alle umliegenden Segler verholen, sobald das Unwetter aufzieht. Die zwei Reihen Boxen sind schon voller Boote. "Aber auch das Hafenbecken dazwischen ist bei Hurrikanalarm komplett mit Booten gefüllt, die sie kreuz und quer zwischen die Pfähle stopfen", erklärt unser Nachbar. Dann halten alle Segler und Motorbootfahrer zusammen, und Liegegebühren sind uninteressant. Es geht darum, die Boote zu retten. 

Wie viele Eigner im Falle eines Volltreffers noch auf ihren Booten sind? Eigenlich sollten sich alle in Schutzunterkünften aufhalten, die in Kirchen und Schulen bereitgestellt werden. Aber für manch einen Liveaboard hier in der Marina ist das Schiff ihr einziges Hab und Gut, und bei manch einem wird viel Überzeugungskraft nötig sein, bevor er das Schiff verlässt. 

NOAA Karte

Für Cati und mich ist die Sache klar: Falls "Joaquin" direkt über uns hinwegzieht, tun wir all das uns Mögliche – und bringen uns dann in Sicherheit. Wir lieben unser Schiff. Gerade heute fragte uns ein Stegnachbar, ob wir schon Heimweh haben, und es kam ohne zu zögern aus unserem Mund: "This IS home" – und ein Fingerzeig auf unser Schiff. Seit wir Deutschland verlassen haben, ist die Yacht nicht mehr kaskoversichert, weil keine Versicherung solch ein altes Schiff auf weltweiter Fahrt versichern will – und wir es uns wohl auch kaum leisten könnten. Es wäre ein Jammer, das Schiff in einem Sturm an Land zu verlieren. Aber das Leben ist wichtiger.

Der Hurrikan ist allerorts Gesprächthema. Wer sich auf dem Steg begegnet, tauscht neueste Infos über die Zugbahn aus. Und heute früh auf dem Weg zur Dusche kam mir ein Stegnachbar mit guten Neuigkeiten entgegen. "Hast du gehört? Er dreht ab." In der Tat: "Joaquins" Zugbahn liegt nun etwas weiter östlich, er scheint auf dem Ozean an der Ostküste vorbeizuziehen. Aufatmen. Aber nur für einen Augenblick. Denn wenn bei den Hurrikans eines gewiss ist, dann ihre Unberechenbarkeit. Wir werden weiter beobachten. Und darüber berichten. 

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de

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