Weltumsegelung

3255 Seemeilen durch Höhen und Tiefen

06.03.2015 Johannes Erdmann, Fotos: Johannes Erdmann, H. Bay / SY "Maya" - Johannes Erdmann und Cati Trapp haben nach 27 Seetagen mit ihrer "Maverick too" die Karibikinsel Grenada erreicht. Zeit zu verschnaufen

"Maverick too" aus der Fischperspektive
Fotograf: © Johannes Erdmann

"Maverick too" aus der Fischperspektive

Ein Monat ist eine wirklich eine lange Zeit. Ein Zwölftel eines Jahres. Wenn ich überlege, was in einem Monat an Land alles passiert, was ich damals so alles in einem Monat Alltag geschafft habe … Dann erst kann ich mir richtig vor Augen führen, wie lange wir eigentlich auf See waren. Zwei komplette Heftproduktionen der YACHT laufen in einem Monat ab. Zwei Artikel habe ich noch vor einem Jahr in der Zeit geschrieben. Das war eine Menge Arbeit. Recherche, Ortsbesuche mit Fotografen, oftmals eine Dienstreise. Dann die ersten Tage, in denen der Artikel umrissen wird, dann die Tage, wie er Form annimmt, und zum Schluss die Tage, in denen um jedes Wort gerungen wird, um den (gewöhnlich zu lang geratenen) Text in Perfektion auf die vorgesehenen Seiten zu bekommen. Ein tolles Gefühl, wenn so eine Heft-Produktion im Kasten ist.

Vor mehr als fünf Monaten sind wir aufgebrochen, um die Welt mit unserem Boot zu entdecken. Als vorläufigen Höhepunkt sind wir vorgestern, nach 170 Reisetagen, mit unserer "Maverick too" auf der Karibikinsel Grenada angekommen. 27 Seetage, vier Stunden und fünfzehn Minuten (zugegeben, nur "fast" einen Monat) haben wir für die Atlantiküberquerung gebraucht, die uns von Funchal auf Madeira vorbei an den Kanaren und Kapverden in den Süden der Windward-Islands geführt hat. 3255 Seemeilen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ziemlich genau 5 Knoten. Etwa doppelt so schnell, wie Schrittgeschwindigkeit, aber für unsere 42 Jahre alte Contest echt gut. Nun sitze ich hier im Cockpit unter dem Sonnensegel. Es ist 7 Uhr morgens. Die Sonne ist gerade aufgegangen, und die innere Uhr macht sich bemerkbar. Auf See wäre jetzt Wachwechsel gewesen.

Was sich alles in der Zwischenzeit ereignet hat, erfahre ich vor allem durch meinen E-Mail-Account. 382 Mails warten auf Antwort oder auf den Papierkorb. Viel Werbung, viele ominösen Links, auf die ich doch mal klicken sollte. Eine Mail von Amazon, in der mir mitgeteilt wird, dass jemand in meiner Abwesenheit versucht hat, sich Waren im Wert von 700 Euro an eine Packstation zu schicken zu lassen. Ein Betrugsversuch, der glücklicherweise vereitelt wurde. Das Landleben hat uns viel schneller wieder, als uns lieb ist.

Flautennacht auf dem Atlantik
Fotograf: © Johannes Erdmann

Flautennacht auf dem Atlantik

In den fast vier Wochen auf See haben wir vom Geschehen in der Welt so gut wie nichts mitbekommen. Unsere Kurzwellenanlage hat wegen eines Kabelbruchs keine News von BBC oder ähnlichem empfangen können – und wir hatten auch ehrlich gesagt kaum Interesse daran. Tag um Tag haben wir in unserer kleinen Welt vor uns hin gelebt, bestimmt vom Wachtakt, Schlaf und der Nahrungsaufnahme. Back to the basics, literally. Ein Stapel Bücher im Regal und ein paar gute Gedanken im Kopf. Der schönste Augenblick war für mich der Sonnenaufgang nach meiner 4-bis-7-Uhr-Wache. Der Augenblick, wenn der dunkle Atlantik plötzlich wieder berechenbar wird. Unter der Sprayhood sitzen, eine heiße Tasse schwarzen Kaffee in der Hand, und langsam dabei zusehen, wie die Sonne aufgeht. Der Blick auf die Wellen hat etwas Beruhigendes, beinahe Kontemplatives. Die Sinne werden offen, die Welt scheint so simpel. Gedanken an zu Hause, an das zurückgelassene Leben. Pläne schmieden, wie es nach der Rückkehr weitergeht. Aber dann auch immer wieder die Pläne verwerfen, um sich bewusst zu machen, dass man gerade jetzt im Augenblick leben sollte. Die Zeit genießen, den Weg als das Ziel sehen. 

"Cati, was waren deine schönsten Momente auf See?", rufe ich nach unten. Sie wird gerade wach und räkelt sich auf der Koje. Unser Bettzeug ist an Land, damit das Salz herausgewaschen wird. "Das E-Mails-Abrufen", sagt sie. Das hätte ich mir denken können.

E-Mails auf dem Atlantik, das klingt nach Luxus. Dabei ist es die Technik heute so gängig und so günstig geworden, dass die Büroarbeit zu einem festen Bestandteil des Tages werden kann. Wir haben ein Iridium-Telefon an Bord – eigentlich aus Sicherheitsgründen. Dessen Prepaid-Karte wollen wir jeweils vor großen Ozeanüberquerungen aufladen. Da unsere Familien natürlich vor allem auf den langen Seestrecken aufgeregt sind und wissen wollen, wie es uns da draußen ergeht, haben sie es gern, wenn wir uns alle paar Tage mal melden. Bei fast 2 Euro/Minute ist uns das aber zu teuer. Weil die Rollbewegungen unserer "Maverick" meine handschriftlichen Notizen zu schwer entzifferbaren Hieroglyphen machen, habe ich vor einer Weile angefangen, meine tagebuchartigen Logbucheinträge auf den Laptop zu tippen. Und so war es ein einfaches, die Logbucheinträge an unseren Blog zu schicken, damit Eltern und Leser gleichermaßen immer auf dem Laufenden sind. 

Durchgescheuerte Leine der Windsteueranlage
Fotograf: © Johannes Erdmann

Durchgescheuerte Leine der Windsteueranlage

Nach 27 Seetagen waren von der Prepaid-Karte 87 Euro für den E-Mail-Versand abgegangen – echt überschaubar. Und das Schöne daran: Wir bekamen fast täglich eine Antwort von zu Hause, von meinen Eltern und Catis Bruder. Ein ganz besonderer Augenblick: Mit beiden haben wir uns zuvor selten Mails geschrieben, sondern eher kostenlos geskyped. Jetzt stattdessen: geschriebene Texte, von denen wir jeden Satz dreimal lesen. Einmal am Tag der Verbindungsaufbau mit dem Satelliten, die Blogmails raus, die E-Mails rein. Ein feierlicher Augenblick. Meist saßen wir dann zusammen in der Naviecke und haben sie uns gegenseitig vorgelesen.

"Außerdem natürlich das Abendessen", ergänzt Cati. Die einzig feste Mahlzeit an Bord, die wir jeden Abend zelebriert haben. Alles, was dem Tag Struktur gegeben hat, zählte zu den Höhepunkten.

Nach 27 Tagen waren wir in unserer kleinen Welt angekommen und höchst zufrieden damit. Wären die Vorräte nicht zu Ende gegangen, hätten wir wohl noch ein Weilchen weitersegeln können. Cati hat sogar bereits von möglichen weiteren Ozeanüberquerungen geschwärmt, denn das Leben auf See gefiel ihr einfach wunderbar.

Aber es wurde zum Ende hin auch immer härter, denn der Atlantik war nicht mehr so wohlwollend zu uns. Der Passat immer wieder von Starkwindböen unterbrochen, mit sich über Stunden hinziehenden Winddrehern bis zu 180 Grad. "Werd wach", weckt mich Cati eines Nachts. "Wir segeln seit zwei Stunden zurück nach Madeira. Der Wind dreht nicht zurück." Also immer wieder raus an Deck, Segelstellung ändern, einreffen, ausreffen. Dazu kamen die Wellen in der letzten Woche immer nördlicher und warfen uns aus der Spur. Riesige Seegrasfelder zogen an uns vorbei, einige Bündel wickelten sich um die Schraube und blieben im Ruder der Windsteueranlage hängen. Jeden Tag ein paar neue Überraschungen.

Seegrasfelder
Fotograf: © Johannes Erdmann

Seegrasfelder

Die Ankunft auf Grenada hat die Strapazen hingegen wieder wettgemacht. Traumhaft.  20 Meilen vor dem Ziel haben wir im Cockpit mit den Süßwasserreserven das Salz von der Haut gewaschen und uns landfein gemacht. Ein bisschen zu früh allerdings, denn kaum sind wir im Süden der Insel, fordert der Atlantik einen letzten Tribut: Der Wind dreht nochmals ordentlich auf. Als wir bei 35 Knoten Wind die Segel bergen und unter Maschine auf die Marina La Phare Bleu zumotoren, wird "Maverick" nochmal komplett mit Salzwasser eingedeckt – und wir natürlich auch.

Vor fast vier Wochen waren wir auf einer europäischen Insel gestartet und sind nun plötzlich in der Karibik. Als wir in die Bucht hineinmotoren, bricht das Wasser rechts und links von uns über die Korallenriffe. Ein Schlauchboot kommt auf uns zugeprescht. Mit dessen 15 PS springt der Fahrer über die hohen Wellenberge, sogar die Schraube taucht aus. "Welcome to the caribbean", ruft er. "You go to the marina?"– "Yes", antworten wir. "Follow me!"

"Maverick too" läuft auf Grenada ein
Fotograf: © H. Bay / SY "Maya"

"Maverick too" läuft auf Grenada ein

Wir werden erwartet. Unsere Schweizer Freunde von der "Maya" sind einige Tage zuvor eingelaufen und haben uns angekündigt. Das halbe Marinapersonal steht am Steg, um uns zu begrüßen, die Damen von der Rezeption mit zwei Gläsern Planters Punch von der Bar. Atlantiküberquerer werden hier zünftig begrüßt. Auch der Zoll ist extra ein paar Stunden länger geblieben und erwartet uns.

Der Cocktail nach langer Abstinenz geht direkt in den Kopf. Wir geben uns alle Mühe, nüchtern zu wirken, als wir den Papierkram hinter uns bringen. Die Sonne ist mittlerweile hinter den Bergen verschwunden. Wir haben es gerade so mit dem letzten Tageslicht in die Bucht geschafft. Während in Europa die Dämmerung langsam von Tag auf Nacht abdimmt, ist hier in der Karibik offenbar ein Kippschalter verbaut: klack, dunkel. Deshalb nehmen wir von der Karibik noch gar nicht viel wahr. Als dann aber am nächsten Morgen die Sonne aufgeht und die innere Uhr, wie heute, nach dem Wachwechsel ruft, liegt sie einfach so hinter dem Cockpit: die fantastische Palmenkulisse der Karibik.

Empfang auf Grenada
Fotograf: © H. Bay / SY "Maya"

Empfang auf Grenada

"Wir sind wirklich hier", sagt Cati immer wieder. "Wir sind über den Atlantik in die Karibik gesegelt." Sie strahlt. Das stimmt. Und nun können wir es kaum erwarten, ihre Inselwelt zu erkunden. Viele Marinanächte können wir uns eh nicht leisten. Nur mal drei Tage die Ruhe hier genießen, den Müll loswerden, die Tanks füllen, das Internet nutzen und sich nicht um den Anker sorgen – dann geht es weiter nach Norden, in die Grenadinen. Um all das, was ich damals alles einhand erlebt habe, diesmal mit Cati zu teilen.

Reisen Sie mit uns! Hier auf YACHT online und auf unserem Blog www.zu-zweit-auf-see.de.

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