Chile

Seitenwechsel der "Iron Lady"-Crew

01.08.2012 Nathalie Müller, Fotos: N. Müller/M. Wnuk - Winter in Südchile. Die "Iron Lady" der Familie Müller/Wnuk steht an Land. Die Crew ist dennoch weiter auf Langfahrt, mit dem Auto. Der Blog

Iron Lady
Fotograf: © N. Müller/M. Wnuk

Die "Iron Lady" im Winterlager in Chile

Fahrtensegler, die wie wir nicht einem zeitlich ideal abgesteckten Kurs um die Welt folgen, sondern auch abseits der Barfußroute unterwegs sind, erleben zuweilen Jahreszeiten, in denen das Segeln wetterbedingt ausfällt. In Puerto Montt, nördlich des Golfo Corcovado, kann man die Sonnentage pro Monat derzeit an einer Hand abzählen. Unser Schiff steht zwischen 30 anderen Fahrtenyachten hoch und trocken auf dem Werftgelände des Clubs Nautico Reloncavi. Vielleicht zwei sind bewohnt, die restlichen Eigner, größtenteils Franzosen, verbringen den chilenischen Winter lieber im europäischen Sommer und werden nicht vor November zurückerwartet.

An die dringend notwendigen Arbeiten am Schiff, Rostbekämpfung, Bilge streichen und Innenausbau neu lackieren, ist nicht zu denken, denn die Flächen sind durch die Kondensation ständig feucht. Was also tun?

Drei Monate die Leiter 20-mal am Tag rauf- und runterklettern und morgens zunächst einen Kubikmeter kostbares Holz im Kamin des Clubraumes verfeuern, bevor dieser einigermaßen warm wird? Oder der Region den Rücken kehren und in den Pazifik abdrehen? Nein!

Die Gegend um Chiloe und die Kanäle am Fuße der Anden haben es uns angetan, zu wenig haben wir von der Region auf dem Weg nach Norden im Wettlauf mit dem Voranschreiten des Herbstes gesehen. Im Frühjahr wollen wir hier endlich die Segel setzen statt zu motoren, das ist sicher.

So leicht lassen wir uns nicht ausbremsen, kaufen kurzerhand einen gebrauchten Toyota 4x4 und taufen in auf den Namen "Herr Beuger". Wir tauschen unsere 16 Quadratmeter Lebensraum auf der Lady gegen zwei Quadratmeter Ladefläche, packen Geschirr, Schuhe, die nötigste Kleidung, Zelt und Schlafsäcke ein, übergeben dem Vorarbeiter der Werft unsere Bootsschlüssel und kehren Regen und Kälte den Rücken, Kurs Nord.

Die andere Seite der Küste wollen wir kennenlernen, am Strand zelten, statt mit nassen, kalten Füßen im Dinghi anzulanden, Abstecher in die Berge machen, die trockene Atacamawüste besuchen, vielleicht bis nach Peru zum legendären Machu Picchu.

Etwas über zwei Wochen sind wir nun unterwegs, haben 3338 Kilometer, 1800 Seemeilen, hinter uns gelassen. Weiterhin schauen unsere Kinder backbord und steuerbord aus dem Fenster, sie betrachten Herrn Beuger wie unsere Lady als ihr temporäres Zuhause, auch wenn man nicht in ihm übernachten kann.

Die Reisegeschwindigkeit ist eine andere und doch fühlbar die gleiche, wenn wir auf den Offroad-Pisten entlang der Küste Kap um um Kap überqueren. Die Endlosigkeit der Wüste vermittelt uns dieselbe Ruhe wie der offene Ozean. Die Mädchen monieren zwar, dass sie während des Fahrens angeschnallt sein müssen, anstatt in der Seekoje Playmobil zu spielen, dafür können wir jederzeit anhalten und austeigen.

Vom Sofa aus gesehen oder der komfortablen Wohnung mit fließend Wasser und Strom von den Stadtwerken, erscheint das Leben auf dem Boot oft eingeschränkt, beschwerlich. Doch aus unserer jetzigen Sicht ist es der pure Reiseluxus. Ob Werkzeug, Schraube, Zwirn, Prittstift, Lebensmittel, Sicherung oder Ersatzbatterien, auf der Lady hat alles Platz, seinen Platz. Im Moment fällt uns jeden Tag etwas Neues ein, was wir gern noch dabeihätten, oder kramen in unübersichtlichen Reisetaschen nach der vermissten Haarbürste.

Trotzdem lohnt sich der andere Blick auf dieses lange, schmale Land, dessen Regionen von Nord nach Süd durchnummeriert sind. Vom regengebeutelten Süden sind wir über den Schnee der Skigebiete um Villarrica, das Herz der Produktion des chilenischen Traubentresters Piscos, durch die Atacamawüste bis zur zweitgrößten Stadt Chiles, Antofogasta gezogen.

Seit La Serena begleitet uns die Sonne, die wir gesucht haben. Unser Seglerherz können wir jedoch nicht verleugnen. Beim Blick auf die Strassenkarte scannen wir immer auch die Küstenlinie ab, machen Abstecher zum Wasser hin, sprechen mit Fischern über die Wetterbedingungen, die Sicherheit der Ankerplätze. In der Caleta Pan de Azucar des gleichnamigen Nationalparks war noch nie ein Segelboot, erzählt ein dort ansässiger Fischer. 
Micha und ich schauen uns an und denken dasselbe, klingt nach einem typischen "Iron-Lady"-Ziel, oder?

Womöglich müssen wir diese Reise noch ein zweites Mal unternehmen, von der einen Seite, der Seeseite nämlich.
 

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