Interview

"Die Mauer ist auf, da müssen wir hin"

31.10.2014 Uwe Janßen, Fotos: YACHT / B. Scheurer, S. Mitschard, U. Schaper - Vor 25 Jahren öffnete sich die innerdeutsche Grenze. Die ersten Wassersportler, die sich in Ost und West auf den Weg machten, erinnern sich

Mauerfall
Fotograf: © YACHT / B. Scheurer

Undine Schaper und Siegfried Mitschard beim Treffen für die YACHT

Der erste Wassersportler der DDR, der über die Blaue Grenze in den Westen kam, ist Siegfried Mitschard. Bald darauf brachen auch im Westen zwei Yachten auf und machten rüber. An Bord: die Hamburgerin Undine Schaper. Die YACHT hat die beiden anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls an einen Tisch gebracht.

Es ist auch ein Stück seglerischer Zeitgeschichte: Die scharf bewachte Seegrenze, an der bei Fluchtversuchen mehr Menschen zu Tode kamen als an der Mauer, die „No-Go-Area“, die vor Südschweden nur einen schmalen Korridor ließ und die Lübecker Bucht durchtrennte – alles weg, mit einem Mal. Auch das Segeln auf der Ostsee änderte sich mit diesem Datum dramatisch, dem 9. November 1989.

Mauerfall
Fotograf: © S. Mitschard

Mitschards „Latovia“: das erste DDR-Boot, das legal in den Westen rübermachte

Siegfried Mitschard ist mit einer Gruppe von Anglern unterwegs, als er im Radio hört, was in Deutschland los ist und sich spontan entscheidet, den Grenzübertritt zu wagen, ohne Seekarten, ohne Navigationsmittel. Erst als die Männer am „Paradieswächter“ kontrolliert werden, dem Kriegschiff, das auf das vermeintliche sozialistische Paradies aufpassen soll, wird ihnen mulmig: „Wenn hier jetzt einer durchdreht, dann versenken sie uns, und kein Mensch kriegt es mit.“ Immerhin: Es galt noch DDR-Recht, es galt der Schießbefehl. Aber auf wundersame Weise wurde der Crew die Ausreise gestattet, und gestandene Männer lagen sich in den Armen und weinten.

Mauerfall
Fotograf: © U. Schaper

Die bundesdeutschen Yachten „Cooled only“ und die „Unglaublich“ beim Erstbesuch in Wismar

Ein paar Wochen später machten sich von Lübeck aus zwei West-Yachten auf den Weg in den Osten, die J 24 „Unglaublich“ und die Sprinta Sport „Cooled only“. „Mulmig war uns auch", sagt Undine Schaper, die als Crew auf der „Unglaublich“ fuhr. Auch sie wurden kontrolliert, aber sie erreichten Wismar und wurden von einer jubelnden Menge empfangen. „Es war in diesen Tagen überall das Gleiche“, sagt Schaper, „auf allen Straßen, in allen Orten: Die Menschen haben gewunken, sich umarmt und wahnsinnig gefreut.“

Mauerfall
Fotograf: © S. Mitschard

Die begehrte PM 18: Ohne diese Erlaubnis durfte man nicht einmal zum Angeln hinausfahren

In der aktuellen Ausgabe der YACHT erinnern sich die beiden an dramatische Tage und ihre Törns voller Risiken und Ungewissheit. An ihren eindrücklichen Schilderungen lässt sich erahnen, wie bewegend es damals zuging. Mitschard etwa hatte bald kapiert, dass es mit den Repressionen durch die DDR-Diktatur zu Ende war: „Wir dachten: Mensch, jetzt können wir überall hin, jetzt brauchen wir keinen mehr zu fragen! Als das klar war, habe ich mir sofort ein Segelboot gekauft.“ 

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