Jubiläum

Das Volksboot: 90 Jahre Jollenkreuzer

Der 1923 in Berlin entstandene Bootstyp hat die deutsche Binnensegel-Szene bestimmt wie kaum ein anderer. Er ist bis heute aktuell

Hauke Schmidt am 13.02.2013
20er-DM Wannsee

Heute: Deutsche Meisterschaft der 20er auf dem Wannsee

Ausgerechnet der Kleinsegler-Verband! Hatten die großen Verbände – man schreibt das Jahr 1923 – nicht gerade Wichtigeres zu tun? Schließlich stehen in der kommenden Saison die Olympischen Spiele an, wo ein besseres Abschneiden schön wäre, zumal unter anderem auf den in Deutschland so beliebten 6mR und 8mR gesegelt werden wird. Und jetzt ersinnt der Berliner Kleinsegler-Verband gleich mehrere neue nationale Bootsklassen.
Das ist kein Wunder, sind die Reviere in der Metropolregion doch allesamt eher seicht und schmal, noch dazu mit wenig Wind versorgt. Kein Platz für Meterklasse-Yachten und Seefahrtskreuzer. Und offenbar auch kein Geld für die eigens für Binnen­reviere konstruierten Nationalen Kreuzer.

Jollenkreuzer historisch

Gestern: Jollen und Kreuzer an den Stegen des Zeuthener Segler-Vereins am Wannsee

Das Prinzip begeistert

Wenig Tiefgang, klappbarer Mast, einfacher Wohnraum, kein Ballast, verbunden mit entsprechender Leichtwindtauglichkeit: Der Berliner Verband hat früh das richtige Gespür, arbeitet schon seit 1920 an Vorschriften, um erste Neubauten gleich in geordnete Bahnen lenken zu können. Ein Novum: Durch die Integration von Innen­maßen für Kojen und Stauräume wurde der Fahrtenboot-Gedanke in den Bauvorschriften verankert.

Neun Jahrzehnte später haben sich die noch immer neu gebauten Jollenkreuzer zu gleichermaßen extremen wie faszinierenden Leichtwind-Rennmaschinen entwickelt. Der große Bestand alter Boote hingegen wird von einer wachsenden Fangemeinde gehegt, die ihren "Jolli" genau dafür nutzen, wie es der Kleinsegler-Verband vermutete: zum Fahrtensegeln, mit dem einen oder anderen Abstecher zur örtlichen Wettfahrt. 

Wiederbelebung der Königsklasse

30er Jollenkreuzer

Aktuelles Sportgerät: Der 30er-Neubau der Bootswerft Christen

Totgesagte leben länger. Dieses Sprichwort scheint auch bei den 30er-Jollenkreuzern seine Gültigkeit zu besitzen. Seit der letzten Überarbeitung der Bauvorschriften 1967 nahm die Zahl der Neuboote drastisch ab. Wenn schon ein großer Jolli entstand, dann als ausgeprägtes Tourenschiff, mit viel Freibord und Wohnraum unter Deck. Mit bis zu drei Tonnen Verdrängung verschwamm die Grenze zur Kielyacht immer mehr. Umso erfreulicher, dass die Klassenvorschiften auch hier noch nicht in Vergessenheit geraten sind, wie der jüngste Neubau eines Renn-30ers bei der Bootswerft Christen beweist. 

Die faszinierende Großjolle im Porträt: Mehr über die bewegte Geschichte des deutschen Volksbootes lesen Sie in der Rückschau auf 90 Jahre Jollenkreuzer in YACHT 5/2013.

Hauke Schmidt am 13.02.2013

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