Der Dänemark-Korrespondent der Yacht, Jürgen Helm, befindet sich auf einer zweimonatigen Rundreise durch die Ostsee. Von seiner Reise durchs Mare Balticum berichtet er fortlaufend für die Leser von YACHT-online.


Folge 1: Pillau

Die ersten Etappen der Reise führten uns von Samsø über Gilleleje und Skovshoved nach Torp in Schweden. Von dort nach Rønne auf Bornholm und dann direkt nach Pillau, ein Törn von knapp 200 Seemeilen.

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Pillau
© J. Helm

    Am Eingang zur Danziger Bucht spielt die polnische Marine Hase und Igel mit uns. Laut Seekarte befinden wir uns in einem Gebiet, das zwar zeitweise für militärische Zwecke gesperrt wird, doch ein oder zwei andere Segelyachten in diesem Gebiet verführen uns dazu, auf dem Weg nach Pillau (Baltiysk) eine kleine Ecke abschneiden zu wollen. Diese Rechnung haben wir allerdings ohne die polnische Marine gemacht. Gewaltige Zerstörer erscheinen an der Kimm und schnellgehende Torpedoboote richten ihren schaumumkränzten Bug auf uns. Wir korrigieren unseren Kurs, doch jetzt tauchen auch noch zwei hässlich brummende Hubschrauber auf. Gleichzeitig hören wir übers Bordradio auf Polnisch eine Aufforderung an eine dänische Yacht, gefolgt von einer Zahlenreihe.
Wir fühlen uns unerwünscht und schlagen noch einen Haken. Nun scheinen sie zufrieden zu sein. Drehen ab. Die Torpedoboote legen sich in einer langen Reihe an der Grenze zum Sperrgebiet hin. Bald hören wir die Böller der schweren Geschütze. Das Nachlaufenspiel hat unsere Ankunft in Pillau um mehr als eine Stunde verzögert. An der Grenze zwischen Polen und der russischen Enklave Kaliningrad tauschen wir die polnische gegen die russische Gastflagge aus und werden unmittelbar nach Übersegeln der Grenze von einem russischen Kriegsschiff in Augenschein genommen, das dann als schwarze Silhouette, einem lauernden Wachhund gleichend, vor der glutrot untergehenden Sonne am imaginären Grenzstreifen liegen bleibt.

    Es ist schwarze Nacht als wir uns der Ansteuerungstonne Pillau nähern (54°41, 50 N, 19°45, 00 E). Über Kanal 16 kontakten wir Baltiysk Trafficcontrol, die uns bitten, auf Kanal 10 umzuschalten. Das war der erste von mehreren Fehlern und Missverständnissen. Wir hätten uns auf Kanal 74 melden und dort weiter abhören müssen. Doch niemand hatte uns darauf hingewiesen. Kurz vor dem Hafen erhalten wir mehrere widersprüchliche Informationen. Zunnächst sollen wir auf ein Lotsenboot warten. Nach gut einer Stunden bekommen wir die Mitteilung, Kai 68 anzulaufen. Als wir anhand unserer Unterlagen feststellen, dass dies ein Platz inmitten der russischen Baltikflotte ist, bitten wir um Bestätigung, die nicht kommt. Als die mondlose Nacht immer schwärzer, unsere Müdigkeit nach beinahe 40 Stunden segeln seit unserem Abgang von Rønne auf Bornholm immer größer und die Wellen immer unangenehmer werden, laufen wir langsam in den Hafen ein. Da wird der Lautsprecher wieder lebendig und gleichzeitig löst sich wie ein schwimmender Weihnachtsbaum das Lotsenboot unmittelbar vor uns von der Kaimauer.
Wir liegen gerade gut vertäut im Hafen, als sich plötzlich plötzlich sieben schwarzuniformierte Männer am Kai aufreihen. Einer fragt höflich auf Englisch, ob er und ein Kollege an Bord kommen dürften. Es sind ein Major und ein Oberleutnant des Zolls (customs service), junge freundliche Männer, die uns nach Waffen und Drogen sowie nach unseren Vorräten fragen. Schließlich kommt eine attraktive junge Russin von der Einwanderungsbehörde hinzu. Sie hat unsere Visen parat, durchsucht - "Es ist meine Pflicht" - oberflächlich das Schiff nach illegalen Passagieren. Die Visen hatte Janina Savtchank für uns besorgt, mit der ich übers Internet in Kontakt gekommen war. Sie ist eine hübsche, äußerst energische Russin, die sich darauf spezialisiert hat, Individualreisen ins ehemalige Ostpreußen zu organisieren. Wir servieren Kaffee, sowohl für unsere drei Gäste als auch für die vier Mann auf dem Kaj, die nach Auskunft der Offiziere darauf achten, dass niemand unerlaubt das Schiff verlässt.

    Nachdem alle Papiere ausgefüllt und unterschrieben sind, unsere bereits vorgefertigte Mannschaftsliste mit Schiffsnamen, Heimathafen, Werft, Bootstyp, Baunummer, Baujahr und Registriernummer sowie Namen, Wohnort und Passnummer der Besatzung kontrolliert und abgestempelt sind, gehen wir zum gemütlichen Teil über und öffnen eine Flasche Rotwein, die von unserem Empfangskomitee fachmännisch beurteilt wird. Die gesamte Prozedur läuft in sachlich-freundlichem Ton ab. Es wird unter anderem nach Waffen, Narkotika und euphorisierender Medizin gefragt. Von Vorteil ist, wenn man seinen Vorrat an Devisen bereits vorher gezählt hat. Der Betrag wird ebenfalls auf den Einreisepapieren vermerkt und bei der Ausreise mit den offiziell umgetauschten Devisen verglichen. Inzwischen ist es drei Uhr nachts lokaler Zeit geworden (MEZ plus 1 Stunde). Trotzdem müssen wir den Zollliegeplatz verlassen und in dem nachtdunklen Hafen einen Platz direkt bei der Hafenverwaltung anlaufen.

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Pillaus Wahrzeichen
© J. Helm

    Pillau weckt uns mit strahlendem Sonnenschein und einer Überraschung. Eine Gruppe nicht mehr ganz junger Deutscher steht plötzlich über unser Schiff gebeugt und fragt nach Woher und Wohin. Es sind Nostalgie-Reisende auf einer Fahrt durch die ehemalige Heimat. Einige erinnern sich noch an die Schreckensszenarien vom Winter 1945, als für Hunderttausende von Flüchtlingen Pillau der letzte Ausweg vor den heranstürmenden Russen war. Heute sieht hier alles ordentlich und überraschend sauber aus. Kinder bieten Münzen ("hirr, Lenin, Lenin”) für "eine Deutschmark" an, außerdem kleine Bernsteinstückchen.
Obwohl rundherum Militärschiffe liegen, ein großer Paradeplatz auf den Aufmarsch aus Anlass des Tages der russischen Flotte am letzten Juliwochenende wartet, wirkt alles still und beschaulich, beinahe zivil.
Wir warten auf den Lotsen, der uns den gut 25 Kilometer langen Weg über den 200 Jahre alten Kanal nach Königsberg geleiten soll. Allein dürfen wir ihn nicht befahren, was sich als weise Voraussicht zeigt, denn die Fahrrinnenbezeichnungen sind nicht allzu üppig. Die Fahrt soll 20 Dollar kosten. Wir bezahlen 50 Mark, da wir keine Dollars eingetauscht haben. Für solche Gelegenheiten ist es gut, sowohl Mark als auch Dollars in kleinen Scheinen bei sich zu haben.

    Visa innerhalb von fünf Tagen sowie Vermittlung von Kontakten und Rundreisen mit der Bahn durch Ostpreußen über Janina Savtchank, Kaliningrad, Russland, Moskowskij Prospekt 108-4, Telefon/Fax 0070112-341596, E-Mail: alla_koenig@mail.ru.

Karte

 

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