 | | © J. Köhler-Kaeß |
Powerboote kommen nach Travemünde
Die Class One World Powerboat-Championship mit buntem Rahmenprogramm
Die Powerboat-WM wird in diesem Jahr vor Travemünde ausgetragen. Das Spektakel findet vom 29. Juni bis zum 1. Juli statt.
Die Fans der rasenden Riesen dürfen sich freuen. In diesem Jahr sollen sie ganz nah an die Rennfahrer und ihre Maschinen herankommen können. Die Event-Agentur Class One hat für dieses Jahr ein ehrgeiziges Konzept entwickelt: mehr Technik, mehr Nähe. "Die Zuschauer sollen viel mehr in das Geschehen einbezogen werden", erklärte Pressesprecher Henschel.
Nach dem Rennen geht es auf die Piste - eine Strandparty wird steigen. Höhepunkt: TV-Stars einer beliebten Fernsehserie kommen per Powerboot zur Fete. Welche Serienstars es sein werden, ist noch geheim. Ebenso geheim ist der Name des Popstars (oder der Popgruppe), der bei einem großen Life-Konzert auftreten wird.
"Stellen Sie sich Peter Maffay vor", sagte Henschel. "Der ist es nicht, es ist ein noch größerer Star ..."
Ganz umsonst wird das alles nicht sein. Geplant ist ein Eintrittsgeld, das wahrscheinlich gestaffelt sein wird. Es soll Eintrittspakete geben. Man zahlt für eine Kombination der Events.
Diese Pakete werden erst an diesem Wochenende geschnürt - Montag wissen wir mehr. Insgesamt soll es günstiger sein als im letzten Jahr: 35 Mark musste der berappen, der die Renner sehen wollte, die mit bis zu 250 Sachen über die Förde rasten.
Nicht nur die Fans können sich freuen. Auch die Kieler Segler haben Grund zu jubeln. Ihnen wird in diesem Jahr niemand den Zugang zum Hafen Kiel-Schilksee verwehren. Der war im vergangenen Jahr wegen der Veranstaltung gesperrt worden. Wir berichteten in YACHT 17/00 darüber.
Kieler Anwohner und Umweltschützer hatten gegen die Lärmbelastung und Abgaswolken der Benzin fressenden Monster protestiert. Die Wogen schlugen hoch, nicht nur auf der Ostsee.
Der Erfolg der Veranstaltung in Kiel war auch eher mäßig. Rund 70000 Besucher kamen - 130 000 weniger, als erwartet. Das soll in diesem Jahr anders werden. Pressesprecher Henschel geht davon aus, dass 150000 Menschen den Weg zum Travemünder Strand finden - genau wie 1999.
Gischt und Galle
Vor Kiel trafen sich die Offshore-Boliden zu einem Lauf der Powerboat-WM. Für Fans ein Spektakel, doch erzürnte Segler protestierten heftig. Wird der Konflikt zum Dauerbrenner?
Die Crew erlebte, im Sinn des Worts, ihr blaues Wunder. Mit Ausrüstung für einen vierwöchigen Sommertörn im Gepäck war sie aus Hannover angereist, bis ein uniformierter Hüne die Reise kurz vorm Ziel beendete: keine Zufahrt zum Hafen von Kiel-Schilksee. Der war gesperrt, kilometerlang, und mit über zwei Meter hohen Zäunen gesichert, deren blaue Plastikbespannung keinerlei Blick aufs Treiben dahinter
gestattete. "Wir bezahlen unsere Liegeplätze und dürfen nicht zu unserer Yacht, wann wir wollen!", schimpfte einer. "Wo gibts denn so was?"
In Schilksee gibts so was. Wenn Powerboot-WM ist. Schon Monate bevor die Rennen die hannoversche Crew zur Raserei brachten - sie durfte das gesamte Equipment von einem über einen Kilometer entfernten Parkplatz anschleppen -, hatte die Veranstaltung für Krach gesorgt. In Anspielung an das WM-Motto "Die Ostsee kocht" witzelte ein Journalist: "Die Segler auch."
In der Tat. Die 30 Kieler Segelvereine protestierten solidarisch. Lothar Jenne, Vorsitzender des Kieler Yacht-Clubs, zürnte, für den KYC verbiete sich "eine Zusammenarbeit mit kommerziellen Veranstaltern", und in der YACHT-Redaktion gingen empörte E-Mails und Faxe ein. Auszüge: "In der Hauptstadt des Segelns werden die Interessen aller Wassersportler mit Füßen getreten ... Der größte Sportboothafen, Schilksee, wird phasenweise gesperrt ... Das Hafenvorfeld wird abgesperrt, um gnadenlos abzukassieren ... Hunderte von Jollenseglern müssen auf behördliche
Anordnung ihre Liegeplätze räumen." Zusammengefasst: "Das ist eine Verhöhnung aller Kieler Segler."
Insbesondere, so der Vorwurf, seien unmittelbar nach der größten Kieler Woche der Geschichte erneute Behinderungen solchen Ausmaßes und über drei Tage nicht hinnehmbar: Zugang zum Hafen nur gegen Bezahlung, Ein- und Auslaufen in Schilksee und Strande verboten, Sperrung des Seegebiets zwischen Schilksee und dem Kieler Leuchtturm. Selbst die Hafenmeister im Olympiahafen, Trubel und Ärger gewohnt, erwogen, sich krank zu melden.
Sie erschienen dann doch zum Dienst, und überhaupt verlor die Diskussion relativ rasch an Schärfe. Die angedrohte Hafensperrung wurde aufgehoben - jedoch so kurzfristig, dass Törnpläne kaum zu ändern waren. Auch mussten Yachtbesitzer keinen Eintritt zahlen - es bleibt indes dreist, einer Crew mit Urlaubsausrüstung die Anfahrt zum eigenen Schiff zu verweigern, zumal das eingezäunte Areal mangels Interesse weitgehend frei von Zuschauern blieb. Gerd Müller, Chef des Kieler Presseamts, gesteht: "Uns ist einiges aus dem Ruder gelaufen."
Zum Beispiel die öffentliche Debatte, die Wochen vor und nach der Powerboat-WM vorzugsweise im Lokalblatt "Kieler Nachrichten" (KN) geführt wurde und noch wird - seitenweise Polemik, oder, wie Kiels Oberbürgermeister Norbert Gansel formulierte: "unnötige Kommentare von politischer Seite."
Der Streit zwischen Anwohnern und Seglern sowie der Powerboot-Fraktion trug teilweise kuriose Züge. Gansel ("Auch der Motorbootsport muss seinen Platz haben") bekam sogar Kontra aus der eigenen Partei. Günter Schmidt, SPD-Fraktionschef aus Strande, hämte über das "Massenspektakel auf Big-Brother-Niveau": "die dümmste Sportart der Welt." CDU-Fraktionschef Arne Wulff schimpfte die PS-Show "einen mittelalterlichen Zirkus", eine Meinung, die sein Parteifreund Hans-Karl Rodde gewöhnlich teilt. Doch der ausgewiesene "Gegner der Veranstaltung", so die "KN", erklärte sich dann doch
bereit, "in der Nähe des Leuchtturms
einen etwa zwei Hektar großen (kostenpflichtigen) Parkplatz anzulegen".
Das hat Symbolcharakter: Strande, das seine Ablehnung zuvor lautstark kundgetan hatte, arrangierte sich, versprach während der WM freien Blick für freie Bürger und lockte Zuschauerscharen bei freiem Eintritt an den Strand. Was wiederum die Vermietung von Flächen und den einträglichen Betrieb von Kirmesbuden beförderte. Für die Nachfahren der pfiffigen Strander Fischer ein normaler Vorgang.
Unterdessen spielte am Sonntag morgen, dem Tag des German Grand Prix, eine Dreimannband auf der, wie ein Passant höhnte, "Leistungsschau des Deutschen Absperrgewerbes" in Schilksee. Mangels Besuchern kam der einzige Applaus von den zwei Würstchenbratern am Schwenkgrill, die sich bei niedrigen Temperaturen die Hände warmklatschten.
Dieser Umstand, nicht der Zorn der Segler, wird über die Zukunft Kiels
als Gastgeber der Powerboat-WM ent-scheiden: Es war insgesamt eine
enttäuschende Veranstaltung. Statt der angekündigten 200000 kamen 70000
Zuschauer, wie viele davon Eintritt zahlten, so die "Kieler Nachrichten", "wissen die Götter". An manchen Tagen zählte das Blatt erst gegen Abend "mehr Besucher als Offizielle auf dem Gelände". Zudem gärt zwischen der Stadt und der veranstaltenden Sport & Action GmbH ein Streit über die Kosten für Müllentsorgung, Material, Telefon und Sonderbusse. Was aus den Rennen vor Kiel wird, bleibt mithin abzuwarten.
Bis zum September. Dann diskutiert
der Kieler Rat den angeforderten Abschlussbericht.
Eine Erkenntnis vorweg: Das "Benzinprotzrennen", wie Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister Klaus Müller formulierte, verursachte wesentlich weniger ökologische Belastung als befürchtet. Professor Peter Wille, Direktor der Forschungsanstalt der Bundeswehr, attestierte einen "unerwartet geringen" Schallpegel, die Superrennboote produzierten weniger Schwell als eine gewöhnliche Motoryacht. Auch die Tatsache, dass die Maschinen pro Stunde bis zu 400 Liter Sprit verbrauchten, erwies sich im Vergleich mit der Belastung der Förde durch die Berufsschifffahrt als marginal.
Alles Schall und Rauch also? Es gibt zumindest Indizien. Zuvor protestierende Anwohner schauten ebenso zu wie ehemals meckernde Segler, nicht wenige verfolgten auf etwa 300 Yachten die Rennen direkt an der Bahn und bestaunten die zwölf Katamarane, die mit bis zu 250 km/h übers Wasser schossen. Jawohl, auch Segler genossen Renn-
Atmosphäre, Gischtfontänen und den kernigen Sound von bis zu 1200 PS starken Wasserfahrzeugen, deren Unterhalt fünf Millionen Mark im Jahr verschlingt. Das Ganze hatte auf seine Art sehr wohl eine Faszination.
Andererseits litt die Mehrheit der Skipper und Crews in Schilksee unter den unsäglichen Einschränkungen - womöglich zum letzten Mal, denn als Alternativen fürs kommende Jahr sind Eckernförde und das Militärsperrgebiet vor Olpenitz im Gespräch. Es besteht selbst bei einer Wiederholung des WM-Laufs in Kiel Hoffnung, dass sich die
Lage entspannt. Denn der "Totentanz" ("Kieler Nachrichten") im eingezäunten Gelände an Land macht solch drastische Absperrmaßnahmen künftig überflüssig. Wer bezahlt schon Geld - besonders, wenns nebenan am Strand nichts kostet -, um nichts zu sehen außer rasenden Gischtstrahlen am Horizont, Abgaswolken und im Idealfall die Farbe eines Rumpfes?
Der wütende Protest der Segler war und ist wirkungslos. Doch die Chancen stehen nicht schlecht, dass sich das Problem von selbst erledigt.
Uwe Janßen/Christoph Schumann
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