Küstenklatsch

Wahnsinn!

Uwe Janßen, Stellvertretender Chefredakteur, über die schöne neue Welt der Sportboothäfen

Uwe Janßen am 12.12.2003

Uwe Janßen

Oh, wird das gut. Sehr gut. Wahnsinn! 2100 neue Boxen, so hat es ein über die Maßen bedeutsames Segelmagazin unlängst verlautbart, werden in nächster Zukunft an der Ostsee entstehen. Und das Beste daran ist die Nachricht hinter der Nachricht. Einfach und sicher ein Schiff anbinden? Pah! Die Zeiten sind vorbei. Modernes Liegen hat damit so viel gemein wie E-Mails mit Rauchzeichen.

Wir haben sehnsüchtig darauf gewartet. War lange überfällig, unsere profanen Anlegestellen endlich derart aufzudonnern, wie das etwa mit der Verwandlung bedauernswert reizarmer Geschöpfe zu "Busenwitwe" oder "Baywatch-Nixe" vorexerziert wurde. Genug, das lehrt uns das, ist nie genug. Es braucht zwingend noch ein Lifting hier, unbedingt eine künstliche Applikation dort, und von allem so viel, wie nur irgend geht.

Jawohl, die Zukunft ist rosarot. Sie tunen und deluxen, was das Zeug hält. Wetten, dass der Herr Gottschalk mittels digitalem Kabelanschluss auf dem Steg in Laboe live an Bord herumalbert, gestochen scharf auf dem neuen Flachbildschirm im Salon? Der, übrigens, mutiert durch W- und sonstige LANs (z. B. in Heiligenhafen) bei Bedarf zu Büro und Börse, was wir im Urlaub schon immer schmerzlich vermissten, besonders auf diesen entsetzlich einsamen Inseln. In Warnemünde werden künftig Wassertaxis unsere Kraft beim Land"gang" erhalten, was wir schon deshalb sehr begrüßen, weil unsere Energie beim Golfen auf den hafennah errichteten Plätzen wie in Hohen Wieschendorf weitaus sinnvoller eingesetzt werden kann.

Bedauerlicherweise ist die Sache noch nicht zu Ende gedacht. Wir verlangen, das ist nur konsequent, dass behandschuhte Helfer unsere Leinen bei Ankunft auf Designer-Klampen belegen. Wir wollen Sensoren an den Piers als elektronische Einparkhilfen. Wir fordern Fenderleisten am Steg, pneumatisch gesteuert, mit stets konstantem Druck. Und an den Pfählen Airbags, die auslösen, wenn’s uns mal härter dagegen drückt. Und dann, nach Eingabe unserer Proviantbestellung am "Touchscreen" auf dem Fingersteg, wollen wir in einer Sänfte zu jener schicken In-Cocktailbar geschaukelt werden, die bis vor kurzem noch eine stinknormale Hafenkneipe war, in die wir blöderweise zu Fuß gehen mussten.

Selbstredend gehört zum Gesamtpaket eine notwendige sprachliche Anpassung. "Liegeplatz" klingt in etwa so zeitgemäß wie "Sättigungsbeilage". Nein, die Vokabel hat ausgedient in unserer schönen neuen Welt. Wie wäre es stattdessen mit "Mooring Spot"? Oder ist "Extreme Pleasure Anchorage" besser?

Uwe Janßen am 12.12.2003

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