Bericht Jan Hamester

Pläne für die Weiterfahrt – und eine Kollision vor Anker

Der Heilungsprozess verläuft weiter positiv, die Weiterfahrt rückt näher. Eine Kollision verursachte Schäden am Boot

Lars Bolle am 03.01.2017
Jan Hamester
Jan Hamester

Hamester beim Schreiben seines Berichtes

Seit eineinhalb Wochen liegt Jan Hamester vor Fernando de Noronha. Zeit, die bisherige Reise zu reflektieren:

Noch immer liege ich hier vor Anker. Seit nunmehr elf Tagen. Hitze, Squalls, Dümpeln, den ganzen Tag. Letzteres ist das Anstrengendste. Aber ich will mich nicht beklagen. Ich kann mehr als froh sein, dass es diese Insel gibt. Vielleicht war und ist sie meine Lebensrettung gewesen. Ein kurzer Rückblick:

In Hamburg fing am 30.10.16 um 13:02 Uhr die Reise an. Pünktlich, wie es wohl einige nicht für möglich gehalten hatten. Dann, am nächsten Tag, Proviantaufnahme in Glückstadt, von dort aus weiter nach Cuxhaven. Der erste kleine Rückschlag: schwere Erkältung, relativ schlechtes Wetter. Von Cuxhaven dann endlich rüber nach Helgoland. Die Erkältung wurde schlimmer, und ich war froh, dass Frank Wilters sich anbot, die Überführung nach Brest mitzusegeln. Ehrlich gesagt, in meinem Zustand wäre ich allein nicht ausgelaufen. Schwierige Wind- und Wetterbedingungen kennzeichneten die Reise.

Jan Hamester

Blick über die Ankerbucht vor Fernando de Noronha

Wir laufen Boulogne-sur-Mer an. Es macht keinen Sinn, gegen 38 Knoten Wind gegenanzubolzen. Von Boulogne geht es nach Cherbourg. Dort ist Schluss für Frank, den die Arbeit zurück nach Deutschland ruft. Am nächsten Tag stößt Paul Peggs zu mir. Paul ist ein sehr guter englischer Mini- und Class-40-Segler, den ich durch den Konstrukteur Merfyn Owen kennengelernt habe. Das letzte Stück nach Brest ist herrlich. Bestes Segeln, endlich in freiem Wasser!

In Brest folgen Tage mit sehr viel Arbeit. Technisch ist auch noch einiges zu tun, am schwierigsten empfinde ich aber den Proviant, das Wasser, den Diesel und alle Ersatzteile für 150 Tage zu verstauen, auf einem Boot, welches eigentlich keinen Stauraum hat. Irgendwann bin ich dann irgendwie so halbwegs fertig und laufe aus. Wir schreiben das Jahr 2016, Freitag den 25. 11., und es ist 18:30 Uhr.

Nur unter Fock laufe ich in die Nacht. Ich genieße es, bin aber auch aufgeregt. Jetzt nur keinen Fehler machen– nicht auf den letzten Metern zur Linie. Das letzte Stück ist ruppig. Am Wind Kurs zur Linie. Dann kann ich endlich abfallen. UTC 23:02. Die beiden Tage über die Biskaya gehen klar. Bis auf den Dampferverkehr. Wie auf der Autobahn. Kaum Schlaf. Anstrengend. Finesterre ist entspannt. Dann kommt wieder Wind. Nachts Reff 2 und Code 5. Obercool! Dann Flaute. Egal, Erholung.

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Die eingedrückte Backbord-Reling und der Riss im Großsegel

Es folgen schwere Tage. Ein Tief erwischt mich bei den Azoren, das nächste vor Gibraltar. Es ist hart, sehr hart. Zu hart. Ich mag nicht mehr. Alles nass. Alles durcheinander. "Roaring Forty" fällt so schwer in die sich brechenden Seen, dass ich an Ablaufen oder Beiliegen denke. Warum, warum so viel Wind? Warum genau von vorne? Squalls, die unglaublich sind, mit so viel Wind, so viel Regen und so hellen Blitzen... immer und immer wieder. Nein, so nicht! Irgendwann dreht der Wind. Ich kann den Zielkurs anliegen.

Jan Hamester

Bordküche: Würstchen mit Möhren

Die Strecke von den Kanaren ist nicht spektakulär, aber "Roaring Forty" läuft fix. Ich fahre immer so tief wie möglich, was einem Windwinkel von etwa 145 Grad entspricht. Tiefer macht vor allen Dingen der Autopilot nicht mit, dessen Gierwinkel doch erheblich ist. Der Autopilot ist übrigens der, der mich zu dieser Zeit fast in den Wahnsinn treibt. Wenn er läuft, dann manchmal auch zwei Tage durchgehend. Dann plötzlich abrupte Kursänderung, was meistens eine Patenthalse zur Folge hatte. Ich weiß nicht, wie viele ungewollte Halsen es waren, aber es waren viele... Problem ist eindeutig der Gyrokompass, der von einer Sekunde zur anderen plötzlich auf Gegenkurs geht. Dann geht natürlich nichts mehr. Wenn der Pilot danach sofort weiterarbeiten würde, wäre ja alles gut. Manchmal ist das so, manchmal dauert es aber auch Stunden, und ich muss ewig selbst steuern. Das geht allerdings auf so einer langen Strecke überhaupt nicht. Das ging so weit, dass ich irgendwann, völlig erledigt, das Boot beigelegt habe. Daraus resultieren auch die manchmal etwas erstaunlichen Kurse. Ich konnte schlichtweg nicht mehr und musste schlafen! In der Zwischenzeit hat mein Pilot sich aber eingefahren und läuft recht zuverlässig.

An Tag 17, dem 12.12.2016, erscheint dann das erste Mal der Logbucheintrag: Entzündung im Bein. Zuerst habe ich das Ganze noch nicht so ernst genommen. Letztlich war es eine Schwellung, die Schmerzen bereitete. Ich machte entsprechend meine alte Polartec-Socke nass und wickelte diese um die Schwellung, was zunächst auch half. Es wurde aber nicht besser, der Zustand verschlechterte sich rapide. Beim Passieren der Kapverden wurde mir klar, dass ich die Entzündung nur mithilfe von Antibiotika in den Griff kriegen würde. Mein Arzt Oliver Stein riet mir sogar, lieber die 80 Seemeilen zu den Kapverden zurückzukreuzen. Dieses lehnte ich aber strikt ab. Ich befolgte alle seine Anweisungen zu 100 Prozent, nur das Antibiotikum konnte ich nicht finden. Mist, ich saß in der Falle. Die Schmerzen wurden von Tag zu Tag mehr. Es war kaum noch auszuhalten. Ich zog mir dreimal am Tag Ibu 600 rein. Das linderte zumindest die Schmerzen. Dann traf ich den Frachter, der mir in einer tollen Aktion Antibiotika übergab. Zunächst war ich gerettet.

Das Antibiotikum schlug auch recht schnell an, aber es war unmöglich, mit diesem geschwollenen Bein und Fuß weiterzusegeln. Fernando de Noronha lag fast auf dem Weg. Also änderte ich, schweren Herzens, den Kurs. Das war eine weise Entscheidung. In der letzten Nacht habe ich nur noch geschrien vor Schmerzen.

Vermutlich resultierte die Entzündung aus einem kleinen Kratzer am Fußknöchel, den ich mir schon in Brest zugezogen hatte. Da ich zuerst Socken und Seestiefel trug, fing es an zu jucken, und wie üblich kratzte ich. Dabei müssen Keime in die kleine Wunde gelangt sein. Durch die später hohen tropischen Temperaturen kam es zu dieser Entzündung.

Nun liege ich hier seit über elf Tagen, habe Weihnachten und Silvester dümpelnd in der Dünung an Bord verbracht.

Vor Anker gab es dann auch noch eine gefährliche Situation:

In der ersten Nacht vor Anker, vom 22. auf den 23.12., bin ich auf Drift gegangen und habe mich im Klüverbaum eines anderen Ankerliegers wiedergefunden. War ’ne echt gefährliche Situation. Ich dachte schon, der riggt mich ab. Der Klüver durchbohrte das Groß, und der Bug drückte den Seezaun ein. Ich wurde beinahe von dem Ding zerquetscht. Letztlich wieder eine Menge Glück gehabt. Groß wird getapt, Seezaun geradegebogen. Riss im Groß ist unkritisch, da im oberen Bereich zwischen zwei Latten. Kann nicht weiter reißen.

Zu seinen weiteren Plänen schreibt Hamester:

Ich kann sagen: Es reicht! Das Bein sieht jetzt deutlich besser aus, und ich denke, ich kann meine Reise in den nächsten Tagen fortsetzen. Wie gut, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Aber nun muss es auch langsam weitergehen! Vielleicht schon morgen.

Herzlichst, Euer Havnemester

Der Tracker von Hamester

Lars Bolle am 03.01.2017

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